Organisierte Verantwortungslosigkeit von Albrecht Burkholz zu Johannes 18,28-19,5

Judika 7. April 2019

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde am heutigen Sonntag Judika, zwei Wochen vor Ostern.

Wer übernimmt die Verantwortung? So habe ich diese Predigt überschrieben. Wenn ich nun den Predigttext aus dem Johannesevangelium lese, dann achten Sie doch einmal darauf, wer welche Macht hat und wer diese Macht verantwortungsbewusst einsetzt. Wer handelt wirklich souverän wie ein König? Wer achtet auf die Folgen? Wer achtet auf die Menschen und wie es ihnen geht?

Die Situation ist folgende. Jesus wurde von der Tempelwache verhaftet. Die führenden Männer des jüdischen Parlaments wollen Jesus loswerden. Er gefährdet ihren Kompromiss mit der römischen Besatzungsmacht. Er ruft zwar nicht zum Kampf gegen die Römer auf wie die verrückten Terroristen in den Bergen. Aber er redet davon, dass man unbefangen auf Gott vertrauen soll. Dass das Reich Gottes ganz nahe ist und man einfach so leben soll, als wäre Gott schon da: voller Nächstenliebe und Gottesliebe und Feindesliebe und Liebe zu sich selbst. Das ist gefährlich, denn das Volk hört auf ihn. Sie wollen ihn los sein. Sie bringen ihn zum römischen Verwaltungschef, damit er Jesus kreuzigt. Sie selbst dürfen keine Todesstrafe verhängen.

Johannes 18,28-19,5

28 Vom Palast des Kajaphas

brachte man Jesus zum Palast des Gouverneurs,

dem sogenannten Prätorium.

Es war früh am Morgen.

Die Leute gingen nicht ins Prätorium hinein,

um nicht gegen die Reinheitsvorschriften zu verstoßen.

Sie wollten ja bald darauf am Passamahl teilnehmen.

29 Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus

und fragte:

»Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann?«

30 Sie antworteten:

»Wenn er kein Verbrecher wäre,

hätten wir ihn nicht zu dir gebracht!«

31 Pilatus entgegnete ihnen:

»Nehmt ihr ihn doch

und verurteilt ihn nach eurem eigenen Gesetz.«

Da sagten die Vertreter der jüdischen Behörden:

»Wir dürfen aber niemanden hinrichten!«

32 So ging das Wort in Erfüllung,

mit dem Jesus vorausgesagt hatte,

welchen Tod er sterben musste.

33 Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein.

Er ließ Jesus rufen

und fragte ihn:

»Bist du der König der Juden?«

34 Jesus antwortete:

»Fragst du das von dir aus

oder haben andere dir das

über mich gesagt?«

35 Pilatus erwiderte:

»Bin ich etwa ein Jude?

Dein eigenes Volk

und die führenden Priester

haben dich zu mir gebracht.

Was hast du getan?«

36 Jesus antwortete:

»Mein Königreich liegt nicht in dieser Welt.

Wenn mein Königreich in dieser Welt liegen würde,

hätten meine Leute für mich gekämpft.

Dann wäre ich jetzt nicht

in den Händen der jüdischen Behörden.

Nein, mein Königreich liegt nicht in dieser Welt!«

37 Pilatus fragte weiter:

»Also bist du doch ein König?«

Jesus antwortete:

»Du sagst es:

Ich bin ein König!

Das ist der Grund,

warum ich geboren wurde

und in diese Welt gekommen bin:

Ich soll als Zeuge für die Wahrheit eintreten.

Jeder, der selbst von der Wahrheit ergriffen ist,

hört auf das,

was ich sage.«

38 Da fragte Pilatus ihn:

»Wahrheit –

was ist das?«

38 Nach diesen Worten ging Pilatus wieder

zu den Vertretern der jüdischen Behörde hinaus.

Er sagte:

»Ich halte ihn für unschuldig.

39 Es ist aber üblich,

dass ich euch zum Passafest

einen Gefangenen freigebe.

Wollt ihr,

dass ich euch den König der Juden freilasse?«

40 Da schrien sie:

»Nein, nicht den,

sondern Barabbas!«

Barabbas war ein Verbrecher.

1 Daraufhin ließ Pilatus Jesus abführen

und auspeitschen.

2 Die Soldaten flochten eine Krone aus Dornenzweigen

und setzten sie ihm auf den Kopf.

Sie hängten ihm einen purpurfarbenen Mantel um.

3 Dann stellten sie sich vor ihn hin

und riefen:

»Hoch lebe der König der Juden!«

Dabei schlugen sie ihm ins Gesicht.

4 Pilatus ging noch einmal zu den Leuten hinaus

und erklärte ihnen:

»Seht doch!

Ich lasse ihn

zu euch herausbringen.

Ihr sollt wissen,

dass ich keinen Grund finde,

um ihn zu verurteilen!«

5 Jesus kam heraus.

Er trug die Krone aus Dornenzweigen

und den purpurfarbenen Mantel.

Pilatus sagte zu den Leuten:

»Seht doch!

Da ist der Mensch!«

Wenn hier jemand Macht hat, dann ist das der römische Statthalter, der Prokonsul Pontius Pilatus. Er ist im Auftrag des Weltreichs Rom hier. Wenn er spricht, spricht der Kaiser. Viele Soldaten gehorchen ihm aufs Wort. Er redet mit Jesus, einem Ausgelieferten. Es ist klar, dass er sterben wird. Er müsste Angst haben. Er müsste eingeschüchtert sein. Aber Jesus wirkt wahrhaft souverän. Wie ein Weisheitslehrer, der nicht wirklich durch die Todesgefahr zu erschüttern ist. Pilatus befragt ihn. Er ist neugierig. Dieses Volk der Juden und seine merkwürdige Religion und komischen Gepflogenheiten findet er interessant. Aber so wirklich einsteigen will er nicht in das, was da los ist. Dann müsste er sich ja entscheiden. Er spürt zwar, dass dieser Jesus nichts schlimmes getan hat. Er wundert sich darüber, wie sehr die einflussreichen Politiker des besetzten Volkes über diesen harmlosen jungen Mann herfallen. Aber er ist nicht bereit, sich Ärger einzuhandeln, um diesen Unschuldigen laufen zu lassen.

Später wird deutlich, dass die einflussreichen Politiker ihn bedrohen mit ihren Kontakten zum Kaiser. So dass Pilatus sich nicht traut, wirklich zugunsten dieses Weisheitslehrers, den er für unschuldig hält, etwas wirksames zu unternehmen. Pilatus erscheint so trotz seiner mächtigen Position als Spielball einer politischen Intrige. Er lässt an sich handeln, aber handelt nicht wirklich selbst. Er schaut nicht auf sich selbst, auf das, was er wirklich will, wer er wirklich sein will. Er achtet nicht darauf, dass er sich selbst im Spiegel anschauen kann. Dass er die eigenen Handlungen respektieren kann. Deshalb ist diese resignative Bemerkung „Was ist schon Wahrheit. Das kann man eh nicht rauskriegen. Darüber lohnt es sich nicht genauer nachzudenken“ genau sein Problem. Da liegt bei ihm der Hase im Pfeffer. Er gehört zur römischen Oberschicht. Er hat viel Bestechungsgeld bezahlt, um an diesen Posten zu kommen. Er muss das Land ausnehmen, um Gewinn zu machen. Er ist fern von Rom und seinen Intrigen. Er ist ein schwacher Mächtiger, weil er nicht weiß, wer er sein könnte vor Gott, der wahren Macht. So bleibt sein Name auf immer verbunden mit dem Geschick Jesu. Überall in der Welt sagen Christen: gelitten unter Pontius Pilatus. Ein schwacher Mächtiger. Das ist wirklich organisierte Verantwortungslosigkeit. Da sitzen Leute auf Posten, um sich wichtig zu fühlen, und tun nichts. Nichts, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Nichts, um für die betroffenen Menschen zu sorgen. Einfach nur schwache Wichtigtuer. So finden sie die Wahrheit nicht. So können sich nicht wirklich in die Augen sehen. So verlieren sie ihre Macht, die Gott ihnen gegeben hat. Die Macht zu glauben und so Berge ins Meer zu versetzen. Die Macht zu lieben und so die Welt zu einem menschlicheren Ort zu machen. Die Macht zu hoffen und so alles zu überwinden und den Sieg zu erringen.

Wenden wir unsere Augen mit Grausen ab und schauen wir uns Jesus an, dem wir nachfolgen. Dem wir ähnlicher werden wollen. Jesus ist gefangen, vom Tod bedroht. Aber er verhält sich wie ein König, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Dem, der solche Macht über ihn hat, zeigt er einen Weg zu Gott und zu sich selbst. Es gibt ein Reich, das wichtiger ist als Rom und seine Intrigen. Es gibt eine Wahrheit jenseits des politischen Spiels und der Bereicherung. Es gibt eine Wahrheit, von der man wirklich leben kann. Man kann zu sich selbst finden. Zu einer Macht, die nicht zu erschüttern ist, selbst nicht durch einen Kreuzestod. Zu einer Gemeinschaft, die wirklich trägt, weil sie durch göttliche Liebe menschliche Schwächen überwinden kann. Es gibt eine Welt jenseits von politischer Intrige und korrupter Bereicherung und organisierter Verantwortungslosigkeit. Es gibt eine Welt, in der man lernen kann, immer mehr das richtige zu tun: das Reich Gottes, das in dieser Welt wächst und diese Welt wie ein Sauerteig durchdringt. Dieser Gott mag ohnmächtig erscheinen und den Kreuzestod zulassen und den scheinbaren Sieg der Gegner – aber der Glaube weiß sich geborgen in Gottes Hand auch mitten in der Erschütterung und dem Leiden und dem Schmerz und dem Verrat. Dieser Weg mit Gott enthält das Erschrecken über sich selbst und wo man so viel falsch gemacht hat – und die Möglichkeit, immer wieder neu geboren zu werden, neu anzufangen, anders zu werden. Da ist wirklich Macht. Eine Macht, die Zukunft hat.

Wer klug ist, setzt auf die wirkliche Macht, die sich auf Dauer durchsetzen wird.

Liebe Gemeinde,

in uns ist beides: Pilatus und Jesus. Wir wissen natürlich, was die richtige Seite ist. Aber leider rutschen wir immer wieder einmal auf die falsche Seite.

Meine Frau hat im Studium an einer Zeitung für Theologiestudenten mitgearbeitet. Ich erinnere mich noch gut, wie ein Autor einen Satz der Kirchenleitung zitierte: Fühlen wir uns manchmal nicht wie Pilatus. Wir müssen lavieren. Wir würden zwar gerne das richtige entscheiden, aber die Sachzwänge.

Der Autor war damals voller Hohn und Spott und meinte, das sei eine billige Entschuldigung und es sei ja wohl klar, wem die Kirchenleitung zu folgen hat: Jesus und nicht Pilatus.

Ja, so ist es. Jesus sollen wir folgen. Und wo wir verantwortungslos handeln oder besser gesagt nicht handeln – da sollten wir es zugeben und verändern. Das ist die christliche Buße, die wir nach Martin Luther jeden Tag leisten sollen. Halten wir uns gegenseitig auf dem Weg der Nachfolge, indem wir uns unterstützen auf dem Weg des Glaubens, der Berge versetzen kann, der Liebe, die die Welt menschlicher macht und der Hoffnung, die nicht enttäuscht, weil Gott alles in allem sein wird. Dort, am Ziel. Alles wird gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben. Amen.

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