Wirklichkeit und Wahrheit (Johannes 6, 47-51)

Wie oft sagen mir Menschen: ich glaube nur, was ich sehe.

Und sie meinen: das, was vor Augen liegt, ist doch die Wirklichkeit: -nüchtern, ungeschminkt, manchmal brutal und hart, aber dafür eindeutig. Was ich sehen und anfassen kann, ist das einzig Verlässliche. Alles andere zählt nicht.

Ich frag mich heute allerdings viel mehr: kann ich denn wirklich alles glauben, was ich sehe?

Bilder werden manipuliert und die Bilder können mich manipulieren. Sie können Stimmung machen, Stimmungen verändern, mir etwas vorgaukeln, was überhaupt nicht wirklich ist. 

Manchmal ist das harmlos, ein Spaß. Ich bearbeite mein Foto ein wenig, lass mich in einem freundlicherem Licht erscheinen, glätte ein paar Falten  und lass mich einige Jahre jünger aussehen. Ich kann mir vor Augen halten lassen, wie ich einmal aussehen werden, darüber lächeln oder erschrecken. 

Aber ich kann den Menschen mit Bildern auch Wirklichkeiten vortäuschen, Angst machen, Wut entfachen. Ich muss Bilder nur in einen anderen Kontext stellen, mit Musik oder Nachricht dramatisieren und schon verändert sich Wahrnehmung und Wirklichkeit. Dann sehe ich irgendwann nur, was ich eh schon sehen oder glauben möchte oder schlimmer: glauben soll.

Bilder zeigen eben mehr als das, was ist. Sie schaffen Wirklichkeiten, Stimmungen und Weltsichten. Bilder werden so zu eingepflanzten und sich verselbständigenden Weltbildern und  An- sichten  zu An-schauungen.

Was also ist wirklich?       Was ich sehen und  anfassen kann?

Oder auch: was Bilder in mir wachrufen, wecken und mir vermitteln wollen?

Bilder schaffen Wirklichkeiten. das ist ihre Chance und das ist ihre Gefahr. 

Die Propaganda benutzt Bilder, um zu manipulieren.

Aber die Wirklichkeit, die ich nicht mit Augen und Händen wahrnehmen und begreifen kann, sie braucht Bilder, um sich zu vermitteln. Wir sollen uns von Gott kein Bild machen und ich kann von Gott nicht ohne Bilder reden. Für den antiken Philosophen Plato war sogar alles, was wir sehen, was wir Wirklichkeit nennen, bestenfalls ein Abbild, ein Spiegelbild des Eigentlichen.

Es gibt Wirklichkeiten, die schaffe ich nicht nur durch Bilder, die brauchen Bilder, um sich zu vermitteln, um einzubrechen, einzuziehen in unsere begrenzte Sicht der Dinge. Mit solchen Bildern darf ich spielen, ich darf ihre Räume durchschreiten, mich auf sie einlassen und sie mit mir etwas machen lassen. Von ihnen muss ich erzählen, nicht so sehr erklären. Jeder darf Neues in ihnen entdecken, wie in einer Galerie vor einem Gemälde und wie beim Eintauchen in die literarisch geschaffen Welt eines Buches.

Weil Wirklichkeiten hinter der Wirklichkeit liegen können, redet Jesus in Bildern, in Gleichnissen und Bildworten. Und wenn wir mit diesen Bildern des Glaubens spielen, in sie hineinfallen und von ihnen erzählen, wenn wir sie durchschreiten, dann fangen sie an zu leuchten, lebendig und wirklich zu sein. Deshalb feiern wir mit Bildern des Glaubens: Brot und Wein sind Zeichen und Bilder des Lebens und Sterbens Jesu mitten unter uns,  gleichzeitig zu meiner Lebenszeit.

Jesus ist das Brot des Lebens. 

Nehmen wir ihn einmal beim Wort, besser beim „Bild“. spielen mit ihm und erzählen davon. Wir werden ihn und seinen Weg und damit Gottes Wahrheit und Wirklichkeit besser verstehen.

Brotgeschichten sind nämlich Lebensgeschichten, auch weil Brot Lebensmittel ist.

Wenn die Kinder Israels Passah feiern, dann backen sie ungesäuerte Brote und brechen noch einmal in aller Eile aus der Gefangenschaft in Ägypten auf  In jeder Generation neu feiern und erleben sie so, dass Gott ein Befreier ist. Sie halten mit dem ungesäuerten Brot und den Geschichten von den Vätern ihre Freiheit in den Händen, eine Freiheit, die ihnen niemand – auch nicht durch Gefangenschaft oder Verfolgung – nehmen kann. Denn ihr Brot ist Lebensmittel und schmeckt nach Freiheit. 

Es kann kein  Zufall sein, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde! Das war ja nicht nur die Stadt Davids, Bethlehem heißt auch „Haus des Brotes“. Das „Brot des Lebens“ kommt also im „Haus des Brotes“ zur Welt.

Das Stück Brot in meiner Hand ist immer ein Stück Lebenskraft und Lebensfreude. Als Kind durfte ich oft am späteren Vormittag zum Bäcker nebenan gehen. Dann war das frische Brot aus der Backstube in den Verkaufsraum gekommen, der Duft erfüllte den Laden. Und auf den wenigen Schritten nach Hause hielt ich den warmen Brotlaib in Papier gewickelt in den Händen, ich roch daran und ich knabberte am Kanten und wie wunderbar schmeckte die frische Scheibe Brot nur mit Butter beschmiert. Das war Lebensfreude und Genuss pur, das machte nicht nur einfach satt. In der Liturgie beten wir in der Abendmahlsvorbereitung manchmal: Gepriesen seist Du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit:  Laß es zum Brot des Lebens werden. 

Wir loben mit dem Brot in der Hand den Schöpfer für die guten Gaben seiner Schöpfung, die Leben erst ermöglichen.

Das ist eine ganz andere Sicht auf die Wirklichkeit, als die, die behauptete: ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein (wohin das führt , merken wir schon angesichts der menschengemachten Klimaveränderung und wenn wir es immer noch nicht merken, dann demonstrieren es uns Schülerinnen und Schüler weltweit völlig zu recht!)

Wenn ich längere Zeit im Urlaub bin, dann kann ich die Ferne gut genießen, aber am Ende fehlt mir etwas meist sehr deutlich: der Geruch und der Geschmack meines Lieblingsbrotes. Die deutsche Brotkultur zählt wegen der Vielfalt der Brotsorten aus so unterschiedlichen Getreidearten und wegen der Kunst des Brotbackens zum immateriellen Weltkulturerbe. Wir sind gerade dabei, dieses Erbe mit der klassischen Backkultur und dem traditionellen Handwerk zu verlieren und damit verlieren wir auch den Geschmack und den Geruch von Heimat. Auch dafür steht Brot. Um nicht mißverstanden zu werden: es verlangt dann danach geteilt zu werden. Es will geschnitten, gebrochen und gegessen werden. Nur wenn es in die Hände vieler kommt, kann es auch viele satt machen. Das Manna in der Wüste verdarb, als es nicht gleich verzehrt, sondern versteckt und gehortet  wurde. In den Dörfern war in alten Zeiten Brotbacken oft ein Gemeinschaftswerk in dem Ofen, der sich in der Mitte des Dorfes befand. 

Und daran ändert auch nichts, dass manchmal, das zurückgehaltene und versteckte Stück Brot , auch wenn es alt und hart war, wie ein Schatz zum Überleben bewacht und verteidigt wurde. Wir kennen die erschütternden Erzählungen aus den Konzentrationslagern gleich nebenan, aber manchmal, leider zu selten, auch die spontane Hilfe mit dem Stück Brot, das heimlich zugesteckt wurde. Zugleich hätte bei der Speisung der Fünftausend das Brot nie für alle gereicht, wenn es nicht geteilt worden wäre. Und so müsste es Hunger nicht mehr geben, wenn die Güter der Erde, die Gaben der Schöpfung, das täglich Brot, geteilt, statt gehortet und am Ende vernichtet werden würde.

An eine kleine Geschichte von einem Pariser Bäcker muss ich immer wieder denken. Die Menschen kauften bei ihm nicht nur wegen seines Brotes, sondern auch weil es bei ihm mit jedem Brot immer ein offenes Ohr und ein gutes Wort gab. Meist teilte er dabei das Brot, er brach etwas, aß es mit den Menschen, hörte zu, fragte nach und gab ein freundliches Wort mit auf den Weg. Einmal gelingt ihm die Versöhnung von Vater und Sohn in einem erbitterten Streit und Konflikt,  nachdem der Sohn in seiner Backstube Zuflucht gesucht hatte. Manchmal braucht es nicht mehr, als dass man Brot mit einander teilt, statt sich Beschimpfungen an den Kopf zu werfen und mit Fäusten um sich zu schlagen. Ds war wohl auch das Geheimnis Jesu, wenn er mit Sündern und Zöllnern aß und Leben veränderte  allein durch seine Anwesenheit und Tischgemeinschaft.

Jedesmal wenn wir mit den Worten Jesu beten, steht im Raum die  Bitte um das tägliche Brot. Das ist dann wohl auch die Bitte um die Erfahrung, dass Jesus Tag für Tag um uns sei, da er das Brot des Lebens ist. Es ist die Bitte um all das, was Brot im Leben ausmacht. Für Jörg Zink ist Brot Frieden, heißt essen und trinken können, es warm zu haben und Schutz in einem Haus, Arbeiten zu können und dank liebevoller Menschen sich nicht ängsten zu müssen. 

Und nun, wenn ich das Bild erzählen lasse: all das ist Jesus Christus für mich: Die Freude an der Schöpfung, die mich trägt, ernährt und mir Geborgenheit und Heimat schenkt. Lebensfreude, die mich auch durch schwere Zeiten hindurch trägt, weil da ein offenes Ohr, ein freundliches Herz und ein gutes Wort dazugehört, Versöhnung, wenn mich der Streit und der Zorn besinnungslos macht, Versöhnung, auch wenn Brot gebrochen und geteilt wird. Das ist wohl das Geheimnis des Kreuzes, das Jesus wie das Brot gebrochen werden musste, damit es alle satt machen kann.

Er ist der Friede, der mir die Angst nimmt. 

Er ist das Brot des Lebens. Sicher ist das nur ein Bild. Aber diese Wirklichkeit des Glaubens lässt sich eben nur in Bildern fassen und mit Bildern verstehen. Denn Bilder schaffen Wirklichkeit – wie zum Beispiel: Freude und Dankbarkeit, Frieden und Versöhnung, also Leben. 

„Wer von diesem Brot ist, der wird leben in Ewigkeit.“ Amen

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