Jesus, Pilatus und Quintus – eine Erzählung

1. Quintus
Es war das merkwürdigste was er in diesem Land je erlebt hatte: Die Sache mit Pilatus und Jesus.
Zwei Jahre war es her, dass man ihn nach Palästina geschickt hatte. Er war Quintus, war 20 Jahre alt und Legionär in der 5. Legion. Aufgewachsen war er in Caere, einer kleinen Stadt in Latium, aber als er zwölf waren seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern nach Rom gezogen.

Er war das fünfte Kind seiner Eltern. Und seine Eltern waren zwar nicht gerade reich, aber es reichte, dass er und seine Brüder die Schule besuchen konnten. Als er 18 war, war er Legionär geworden, wie sich das für einen guten Römer gehörte.
Er war stolz Römer zu sein und Legionär. Die Legio­nen hatten die halbe Welt erobert. Sie hatten im Laufe der Jahrhunderte mächtige Feinde bezwungen, hatten die Katharger besiegt und Gallien erobert und selbst das einst so mächtige Ägypten war nun eine römische Provinz. Alle Welt sah zu ihnen auf, alle Menschen im Imperium blickten nach Rom, liebten den römischen Lebensstil. Am liebsten wären sie doch alle Römer – dachte er…

Dachte er, doch dann war er nach Palästina gekom­men. In die hinterletzte kleine Popelprovinz. Nur Wüste und Steine, kleine Städte und Dörfer. Dahinter nur noch Wüste. „Kann ja nicht so schlimm sein“, hat­te er gedacht. Ob Gallien oder Griechenland, Hispani­en oder Palästina – wo ist da der Unterschied. Ist doch alles römisch, oder?

Von wegen! Palästina war anders. Nichts war hier rö­misch außer den Lagern der Legionäre und der Stadt Caesarea Philippi am Meer, aber das hatte „wir“ ja ge­gründet, dachte Quintus. Ansonsten war alles orienta­lisch. Fremd, exotisch, faszinierend, aber auch immer ein bisschen bedrohlich.

2. Religion in Palästina
Schon das Essen war anders. Sie aßen hier z.B. kein Schwein. Aus religiösen Gründen.
Und das war aller komischste: Ihre Religion.

Quintus hatte sich nie viel aus der Religion gemacht. An den hohen Festtagen brachten sie zuhause ein Op­fer im Tempel dar, wie sich das gehörte. Zuhause hat­ten sie einen kleinen Altar für die Laren, die Familien­götter und die Ahnen. Aber der stand auch mehr so he­rum und staubte ein. Ob es die Götter überhaupt gibt? – So richtig festlegen wollte Quintus sich da nicht. Vielleicht, vielleicht nicht. Letztendlich war es ihm egal. Mit seinem Leben hatte das alles wenig zu tun.

Und jetzt war es in Palästina. Und hier ging es ständig um Religion. Die Juden, die hier lebten, verehrten nur an einen einzigen Gott. Einen! Nur einen! Und sie glaubten sogar, dass überhaupt nur dieser eine Gott existiere. Alle anderen Götter gäbe es überhaupt nicht, glaubten sie. Und dieser eine Gott hatte so gar keine Ähnlichkeit mit allem, was er aus Rom kannte. Dieser Gott, so glaubten die Juden, sei unglaublich mächtig. Es gab keine Statuen und Bilder von ihm, weil man er so unglaublich herrlich sei, dass man ihn gar nicht ab­bilden könne. Und jeder Versuch war ohnehin verbo­ten.

Die religiösen Regeln und Gebote bestimmten das Le­ben. Alle sieben Tage war Ruhetag. Dann stand das öffent­liche Leben still. Märkte, Geschäfte, Kneipen – alles zu. Und wenn die richtig großen Feste anstan­den, dann war vorher und nachher das ganze Land in Aufruhr. Die römischen Feste und Sitten, seine, Quin­tus‘ Feste und Gebräuche zählen hier nicht, interes­sierten keinen und wurden, wenn die Römer sie feier­ten von der Masse als störend wahr genommen. Das muss man sich mal vorstellen. Und natürlich galt auch der Kaiser nicht als Gott… Naja, das fand Quintus schon gut. Aber als Legionär dachte er das natürlich nur und sagte es nicht laut.
Und das merkwürdigste war, dass sie heilige Schriften hatten, in denen alles wichtige über ihren Gott aufge­schrieben war und alle Regeln. Und die Gelehrten konnten alles auswendig. Das fand Quintus schon auch beeindruckend.

3. Zwiespalt
Und dann war da diese Sache mit Pilatus und Jesus. Das war, als er gerade in Jerusalem stationiert war, die Hauptstadt der Juden, wo ihr großer Tempel stand. Er war gerade zum Hauptmann befördert worden und wieder einmal stand eines ihrer großen Feste an. Pes­sach oder so ähnlich hieß es und hatte irgendwas mit einem Mann namens Mose zu tun und irgendwie mit Ägypten. Auf jeden Fall wurden haufenweise Lämmer geschlachtet und gegessen und wer konnte kam in die Stadt um dort zu feiern.
Die Garnison war in Alarmbereitschaft versetzt wor­den, weil bei solchen Festen immer mit Unruhen und Ausschreitungen zu rechnen war. An Tagen wie diesen wurde besonders viel aus den Heiligen Schriften ge­le­sen und Gelehrte lasen daraus vor und sprachen darü­ber – auch in der Öffentlichkeit.
Und oft kam es dann zu Demonstrationen gegen die Römer. „Besatzer“ wurden die Römer genannt und „Unterdrücker“. Quintus verstand das nicht. „Wir Rö­mer bringen doch den römischen Frieden, die pax ro­mana“, dachte er, „wir sorgen für Sicherheit und Ord­nung, bauen Straßen und Wasserleitung.“ Und hier sah man ihn als Feind an.

4. Jesus
Er war gerade als Wachsoldat im Prätorium, dem Sitz der römischen Verwaltung als sie diesen Jesus zu Pila­tus führten. Quintus hatte schon von ihm gehört. Er war wohl auch so ein jüdischer Lehrer und Prediger. Aber anscheinend ein sehr erfolgreicher, denn seine Anhängerschaft war recht ansehnlich, sagte man. Und das besondere an ihm war, dass auch die jüdische Obrigkeit ihn nicht leiden konnte. Sie hatten anschei­nend regelrecht Angst vor ihm. Angeblich konnte er die Menschen mit seinen Worten und seinem Auftre­ten regelrecht verzaubern. Sogar Kranke könne er hei­len, sagte man, nur durch seine Berührung. Das schien etwas übertrieben zu sein, dachte Quintus, vorsichtig ausgedrückt. Die Menschen liebten ihn und je mehr sie ihn liebten, umso größer wurde der Hass und der Neid der Priester.
Und sie waren es dann auch die Jesus zu Statthalter Pontius Pilatus brachten.

5. Pilatus
Und dann stand er da vor Pilatus. Pilatus hatte erst gar nicht verstanden, was sie von ihm wollten, weil die Juden aufgrund der Autonomiegesetze ihre eigene Rechtsprechung hatten. Was wollten die mit diesem Typen bei ihm?
Nach einigem Hin und Her stellte sich dann heraus, dass die Priester diesem Jesus vorwarfen, er wolle ihr König werden. „Ja, und?“, dachte Quintus der als Wachsoldat am Rande stand und alles mit anhörte.

So wie er Pilatus kannte, war dem das völlig egal. Ob die Juden nun einen Hohepriester, König oder Ober­häuptling als Chef hatten, interessierte ihn nicht, so lange dem König/Priester/Oberhäuptling klar war, dass er, Pilatus, der Oberchef und der Kaiser in Rom der Alleroberste Chef war und solange die Steuern flossen. Aber wenn es da Unklarheiten gab, fackelte Pilatus nicht lange. Ein schlechtes Gewissen, wenn es darum ging jemanden ans Kreuz schlagen zu lassen, hatte er nicht. Im Gegenteil: Lieber einer zu viel am Kreuz als einer zu wenig.
Und wenn es zu Unruhen gab, hatten die Legionäre klare Anweisen: Keine Gefangenen! Keine Überle­benden! Und wenn Pilatus mit dem falschen Fuß auf­gestanden war, konnte schon ein Streit zwischen zwei Markthändlern als Unruhe gelten. Man munkelte, dass man ihn selbst ihn Rom für viel zu brutal hielt.

Und jetzt stand dieser Jesus vor ihm. Und eigentlich war Quintus klar, was da am Ende raus kommt: Kreu­zigung, was sonst?

6. Jesus und Pilatus
Aber es lief völlig anders. Ja, am Ende hatte ihn Pila­tus zur Kreuzigung geschickt.
Aber er vorher hatte er ihn verhört. Hatte mit ihm ge­redet. Fast ein philosophisches Gespräch hatte sich entsponnen. Und dann: Pilatus hatte erklärt, dass Jesus unschuldig wäre. Quintus wäre fast die Kinnlade her­unter geklappt. Unschuldig? Pilatus hatte noch nie je­manden unschuldig gehen lassen. Aus Prinzip nicht. Wer vor ihm gelandet war, war immer schuldig. Wur­de immer ans Kreuz genagelt. Oder in die Arena ge­schickt. Oder wenigstens ausgepeitscht. Immer. Dafür war er bekannt. Und jetzt das: unschuldig!

Pilatus wollte diesen Jesus tatsächlich freilassen. Wollte ihn anlässlich dieses jüdischen Fests begnadi­gen, was aber die Menschen vor dem Pretorium nicht wollten. Das waren bestimmt alles Freunde von den Priestern, denn so beliebt wie dieser Jesus sonst war…
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 1836)“, hat­te Jesus gesagt und dass er ein König der Wahrheit sei. Das klingt tatsächlich nicht nach Aufrührer, aber das störte Pilatus sonst auch nicht. Aber Jesus musste ihn beeindruckt haben. Und dass er Jesus am Ende doch verurteilt hatte, lag wohl daran, dass Pilatus doch nicht so ganz aus seiner Haut konnte. Er war halt ein Schlächter. Aber selbst in diesem Schlächter hatte dieser Jesus etwas bewegt.

7. Quintus und Jesus
Und Quintus hatte es selbst gespürt. Dieser Jesus hatte etwas. Da war etwas besonderes an ihm. Quintus hätte nicht sagen können was es war, aber auch ihm war so­fort klar gewesen, dass dieser Jesus kein Aufrührer sein konnte. Der war kein Verbrecher. Natürlich glaubte Quintus nicht, dass man das einem Menschen hätte ansehen können, aber bei diesem Jesus war es klar. Das war ein absolut guter Mensch. Der konnte wirklich keiner Fliege etwas zu leide tun. Und offen­sichtlich war selbst Pilatus dieser Meinung.
Und ja, er hatte auch etwas von einem König. Obwohl er ziemlich heruntergekommen aussah, wie er dort stand: Schmutzig und in Ketten, aber doch königlich.
Warum das so war, konnte Quintus nicht sagen. Viel­leicht weil dieser Jesus auch keine Angst zeigte. Alle anderen, die vor Pilatus landeten, wussten, dass sie sterben würden und die Angst hatte sie gepackt. Jesus wusste es auch. Aber es schien als hätten Tod und Angst keine Macht über ihn.
Quintus begann zu ahnen, warum die Menschen so begeistert waren und warum die Priester solche Angst vor ihm hatten. Einer dem weder Angst noch Tod et­was anhaben konnte, der musste wirklich ein König sein – einer dessen Reich nicht von dieser Welt war.

Nachdem Jesus abgeführt worden war, wurde Quintus von einer tiefen Trauer erfasst. Er hatte das Gefühl eine Chance im Leben verpasst zu haben. Zu gerne hätte er diesen Jesus noch einmal erlebt, hätte ihm zu gerne zugehört und vielleicht selbst mit ihm geredet. Nach dieser Begegnung fing er fast an zu glauben, dass sogar an diesen Geschichten dieser Jesus könne Kranke heilen, etwas dran ist. Wer weiß?!?
Aber diese Chance hatte er vertan. Jesus würde am Kreuz sterben.

Aber wenigstens einmal würde Quintus Jesus noch se­hen: Leider musste er jetzt sagen, denn er war einge­teilt worden. Als Hauptmann sollte er mit seiner Ein­heit Wache schieben bei den nächsten Kreuzigungen – dann wenn auch dieser Jesus am Kreuz sterben würde, würde er unterm Kreuz Wache halten. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle mensch­liche Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Je­sus Christus.

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