Jeremias Kampf um den Glauben – eine Erzählung

1. Ganz unten
Er war am Ende. Er war ganz unten. Er wusste nicht mehr weiter. Er wollte nicht mehr. Wollte alles hin­schmeißen. Er hatte die Nase voll. Immer und immer wieder ging es schief. Alles ging schief. Alles, was er anfasste, ging schief.
Und natürlich waren alle gegen ihn. Man verachtete ihn, schloss ihn aus. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben und die, die überhaupt noch mit ihm rede­ten, überzogen ihn mit Hohn und Spott und mit Ver­achtung.
Aber das war immer noch besser als das große Schwei­gen der anderen, die ihn nicht mehr grüßten, nicht mehr ansahen und manchmal sogar die Straßen­seite wechselten oder in die nächste Gasse abbogen, wenn sie ihn näher kommen sahen.
Aber jetzt war der Tiefpunkt erreicht. Jetzt hatte einer ihn sogar verprügelt. So richtig. Und er hatte sich wehren können und auch nicht wehren dürfen, weil es sonst nur noch schlimmer würde.
Wenn sich die Erde auftun und ihn verschlingen könn­te oder er einfach sterben könnte – es wäre irgendwie schon schade aber doch eine Erlösung.

2. Biografisches
Er war Jeremia. Seinen Namen würde man in ein paar Jahrhunderten und sogar Jahrtausenden noch kennen.

In den Jahren um das Jahr 600 v. Chr. lebte er im Kö­nigreich Juda, jenem kleinen Königreich, das sich so ungefähr 50 bis 100 km rund um Jerusalem erstreckte – mehr ein Stammesfürstentum als ein richtiges Kö­nigreich.
Geboren und aufgewachsen war er in der Stadt oder wohl eher dem Dorf Anatot. Ja, ein Ort mit einer be­festigten Mauer, aber doch eigentlich nur ein Nest, ein Kuhdorf mit kaum 100 Einwohnern.

Er war Jeremia. Seine Worte und seine Geschichte würden Heilige Schrift sein. Man würde ihn zitieren. Man würde ihn zu den großen Propheten zählen. 52 Kapitel würde sein „sein“ Buch am Ende haben. Er würde ein Vorbild in Sachen Glauben und Standhaf­tigkeit sein. Ein Weiser. Einer Prediger des heiligen Wortes Gottes.

Aber davon wusste Jeremia natürlich nichts. Und er würde auch bis an das Ende seines Lebens nichts da­von erfahren und selbst wenn er es gewusst hätte, was hätte es ihm genutzt. Es wäre ihm egal gewesen.
Wenn es einem schlecht geht, weil alle, wirklich alle gegen einen sind, wenn man wirklich keine Freunde hat – keinen einzigen – und noch nicht mal richtige Feinde, sondern nur Menschen um einen herum, die einen verachten… Dann ist es kein Trost, wenn einer kommt und sagt: „Später, da wird alles besser. Da wird man dich anerkennen und achten.“
„Ja, später“, hätte Jeremia vielleicht gesagt, „aber ich will jetzt glücklich sein. Ich will jetzt akzeptiert wer­den. Ich brauche jetzt jemanden, der zu mir steht.“

3. Qualvolles Amt
Jeremia war ein Prophet. Ein Diener Gottes. Unter­wegs im Auftrag des Herrn.
Klingt gut – klingt gut. Ist es aber nicht.
Mögen andere Menschen darauf warten und hoffen, dass ihr Glauben so stark würde, dass sie keinen Zweifel mehr hätten und dass sie mit soviel Mut er­füllt würden, dass sie ohne Scheu von Gott sprechen könnten und gar nicht anders könnten, als Gottes Wort zu verkünden…
für Jeremia war es von Anfang an eine Last, ja eine Qual. Schon als junger Mann, als Jugendlicher noch, spürte er, dass Gott ihm diesen Weg vorgegeben hat, dass es seine Aufgabe sein würde, den Menschen Got­tes Wort zu verkünden. Schon da hat er sich gesträubt und innerlich gewehrt. Er versuchte sich einzureden, dass er davor noch zu jung war. Aber es war als würde Gott zu sagen: Du bist nicht zu jung. Das war das schlimme: Er wusste, dass es Gott war, der in ihm und aus ihm sprach. Und wie sollte man sich aber dem Allmächtigen widersetzten?!?

Und er ahnte, nein, er wusste wo das hinführen würde: Nämlich genau dahin, wo er jetzt war. Ganz unten.

Denn es war mitnichten so, wie sich das Menschen in späteren Jahrhunderten manchmal so dachten, dass ihn früheren Zeiten, dass in seiner Zeit, die Menschen gottesfürchtig waren und auf Gottes Wort hörten und danach lebten. Dass sie ihn und das, was er zu sagen hatte, aufmerksam verfolgten und danach handelten – oder wenigstens mit ihm diskutierten.
Nein! Gottes Wort war genau solange der Aufmerk­samkeit und der Achtung wert, solange es angenehm war. Solange es hieß: „Gott liebt dich. Du bist Gottes Kind und Gott wird immer an Deiner Seite sein.“ Oder: „Seien wir gewiss: Wir sind Gottes Volk, er ist mit uns und steht für uns ein. Und auch wenn es uns mal schlecht geht, können wir sicher sein, dass Gott gerade dann an unserer Seite ist. Blablabla.“ Solange man so etwas zu sagen hat, wie die Heiligen Männer an den Altären, hören die Menschen zu und sagen: „Ja“ und „Amen“ und „Halleluja“ und „Gepriesen sei der Herr.“

Aber wehe, man sagt ihnen, dass sie ihr Leben ändern müssten, dass es so nicht weitergeht – dann wird es schwierig.
Und wehe, man sagt dann auch noch, dass Gott ihren Lebensstil verachtete und ihre Scheinheiligkeit. Dann wird es schwierig. Wenn man sagt, dass der Glaube nichts nützt, wenn man ihn nur ganz still im Herzen trägt, anstatt in die Welt hinauszugehen und Gottes Wort zuverkünden. Oh, wie böse und beleidigt Men­schen sein können, wenn man ihnen vorhält, dass ihre Opfer im Tempel und ihre wunderbaren Gebete nichts sind, wenn sie ansonsten so tun als gäbe es keinen Gott und wenn außerhalb der heiligen Mauern immer alles wichtiger ist…

4. Politsche Ränkespiele
Und wenn man dann noch darauf kommt, dass der Glaube immer auch eine politische Seite hat, dann kommt zum Desinteresse der Menschen und noch ganz schnell Druck von ganz oben.
Aber so ist es: Wenn der Glauben nicht nur das Herz erfüllt, sondern auch Teil des Lebens wird und wenn man sich von Gottes Wort auch im Alltag leiten lässt, dann kann man einfach nicht den Mund halten, wenn die Mächtigen ihre Macht auf Kosten der kleinen Leu­te auskosten und wenn sie die Ressourcen des Landes und der Natur vergeuden.

Und natürlich hatte sich Jeremia nicht zurückgehalten, als der König anfing sich beim ägyptischen Pharaoh einzuschmeicheln… nein, einzuschleimen! Aber die Heiligen Schriften las und wer Gottes Wort darin ver­stehen konnte, dem musste doch klar sein, dass Ägyp­ten ein Irrweg war. Ägypten war immer ein Irrweg und mit diesem Pharaoh war eine Zusammenarbeit nicht möglich. Arrogant und selbstverliebt, hatte er zuerst sein Land im Blick und auch als zweites nur sein Ego. Dieser Pharaoh tat nicht mal fromm, er war es nicht um von Jeremias einzig wahren Gott wusste er eh nichts.

Und sein König in Jerusalem suchte in diesem Herr­scher einen Freund und Verbündeten? Ein solches Bündnis würde das Heilige Land vernichten – zerrie­ben zwischen Machtinteressen der Großmächte würde es keine Hoffnung mehr geben, ein Leben nach Gottes heiligen Geboten zu führen. Versklavte würden sie werden – das war sicher. Aber keiner wollte es sehen. Alles sollte so bleiben, wie es immer war. Aber genau das war nicht möglich. Warum konnte das denn keiner sehen?

5. Auf dem Weg an Licht
Jeremia war am Ende. Er war ganz unten.
Aber Jeremia wusste auch, dass er nicht aufgeben würde. Er hatte einen Auftrag. Gottes Wort unter die Menschen zu bringen. Die Menschen brauchten ihn, dass wusste er, auch wenn sie es nicht wussten.

Und er wusste auch, dass Gott sein Volk nicht fallen lassen würde. Gott hatte sie gewarnt, aber er ließ ih­nen die Freiheit ihren eigenen Weg zu gehen – auch wenn der in den Untergang führt. Aber selbst da lässt Gott sein Volk nicht fallen. Gott würde weiter zu ih­nen halten und zu ihnen reden – und Jeremia würde sein Wort verkünden.

Er war am Ende. Er war ganz unten. Aber durch all die Ver­zweiflung und Enttäuschung und durch alle Wut auf sich selbst, seinen Gott und die anderen blitzt auch immer wieder das Vertrauen in die Liebe und Macht Gottes auf: Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held (Jer 2011).

Er war am Ende. Er war ganz unten. Aber trotzdem blieb sein Vertrauen in seinen Gott. Trotz allem bleibt bei Jeremia die Gewissheit, dass Gott tief ins Herz bli­cken kann, dass Gott dort seine Enttäuschung und Verzweiflung sieht und auch dass er ein gutes, treues Herz hat.

Und so ist es kein Wunder, dass gerade Jeremia für die Nachwelt der große Prophet geworden ist, als den wir ihn kennen. Denn gerade weil er keine Lichtge­stalt war und gerade weil er mit Gott so gekämpft hat und gerade weil er gehadert und gezagt, geflucht und verflucht hat, geweint hat und verzweifelt ist – an sich selbst, an seinen Mitmenschen und auch an Gott und dennoch genau daraus unglaubliche Treue und Stärke, Hoffnung und Mut gezogen… deshalb ist Jeremia ein Vorbild im Glauben. In ihm sehen: Gott sieht in mein Herz und sieht mich, wie ich bin – mit allem Guten und allem Schlechten – und lässt mich genau deswe­gen nicht fallen. Niemals.

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