Dass es sich zu streiten lohnt (Jeremia 20, 7-11a)

Jahrelang hatte der Vater nicht nur gehofft, sondern auf seinen Sohn auch immer wieder eingeredet: den Familienbetrieb gab es nun schon in dritter Generation und so sollte es auch bleiben. Davon gingen alle ganz selbstverständlich aus. Das stand  mit dem Tag der Geburt schon fest.

Dann erwachte beim Heranwachsenden der Wunsch, Abitur zu machen, was zwar nicht nötig war, aber  auch nicht schaden konnte. Dann kam der Studienwunsch, der in eine ganz andere Richtung ging und die Diskussionen wurden lauter, Wünsche, Sehnsüchte und Erwartungen prallten härter aufeinander – und am Ende trennten sich die Wege im Streit, weil der Sohn seinen Weg und nicht den Weg des Vaters und der Familie gehen wollte. Wir alle kennen mit Sicherheit solche Geschichten.

Vielleicht genauso wie die der Enkeltochter, die doch immer gerne in die Christenlehre gegangen war, an jeder Rüstzeit teilnahm, fröhlich zu Hause  davon erzählte, die Lieder sang, die sie dort kennengelernt hatte, aber dann nicht zum Konfirmandenunterricht gehen wollte, weil alle in der Klasse sich für den einfacheren oder anderen Weg der Jugendweihe entscheiden hatten. Die Liebe zur Großmutter reichte nicht mehr aus, um das Mädchen zu motivieren oder umzustimmen, sie hatte ihren eigenen Kopf und den ließ ihre Großmutter ihr am Ende auch, weil es ihr, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen in der Jugend genau so gegangen war. Sie hatte sich für die Konfirmation entschieden – trotz aller schulischen und beruflichen Nachteile, obwohl ihr alle zugeraten hatten, den einfacheren Weg zu gehen und sich alle  Möglichkeiten im Leben offen zu halte.

Es gibt so viele Momente im Leben, da zieht es uns, da treibt es uns, da sollen wir Erwartungen gerecht werden, Anforderungen genügen, den eigenen Weg finden, Entscheidungen treffen, dazustehen und konsequent sein und alle reden auf uns ein!

Manche sind dem nicht gewachsen, sie bleiben womöglich unauffällig, funktionieren äußerlich oder werden nie erwachsen, treten nie aus dem Schatten derer, die ihr Leben bestimmen und leben am Ende unglücklich, ohne Orientierung, ohne Ziele oder Träume bis das Leben vorbei gezogen ist und die Frage unbeantwortet blieb, ob das schon alles gewesen sein soll …

Jetzt mag jeder einen Augenblick für sich innehalten und mal in einem ehrlichen Moment überlegen, wo in den Musterlebensgeschichten er oder sie sich mehr, als ihm oder ihr vielleicht lieb ist, wiederfindet. Ich bin mir sicher: ich habe  von uns allen erzählt. Die Kämpfe des Propheten Jeremia, seine Lebensbeichte, sind  unsere Kämpfe oder unsere Sehnsüchte, die wir unterdrückt haben, ohne ihnen Raum zu gewähren, nur  damit der Kampf uns nicht zerreisst.

Das Leben und auch der Glaube, das Erwachsenwerden und Erwachsensein, die Entscheidungen und die Gefahr sich zu irren, sich zu verlieren, zu scheitern und hinzufallen sind keine Wohlfühlzone, sondern harte Arbeit ohne Erfolgsgarantie und zugleich unausweichlich  für einen jeden und immer zugleich eine reale und große Chance!

Aber kann ich wirklich meiner Bestimmung und meiner Berufung ausweichen?

Der Sohn, der Bäcker werden soll, aber Musiker sein möchte, soll seinen Traum leben auch auf die Gefahr hin, dass er ein Leben lang mehr Traum als Wirklichkeit  sein wird.

Den Glauben kann ich weder mit Zuckerbrot noch mit Peitsche erzwingen, da kann nur Gott allein das störrische Herz oder borstige ICH, egal ob jung oder alt, überwinden.

Manche Glaubensgeschichte hat auch etwas von den berühmten Szenen einer Ehe in dem Film von Ingmar Bergmann: Wie eine scheinbar heile Lebensgemeinschaft zerfällt, Mann und Frau sich bis zur Selbstaufgabe bekämpfen und wie am Ende dann doch eine neue Liebe entstehen kann.

So ist das mit dem Glauben und dem Leben, der gefühlte Nähe, dem Schweigen und dem Wiederentdecken Gottes im Auf und Ab des Lebens auch oft.

Und auch die Gottesmänner und Gottesfrauen sind davor nicht geschützt. Noch einmal ein Blick in die real-fiktive Filmwirklichkeit: berühmt  Adams Äpfel, wo ein Pfarrer sich im Kampf gegen das Böse , welches er leugnet, und für das Gute um die Resozialisierung von Straffälligen bemüht. Eigentlich ringt er aber vor allem mit sich und muss irgendwann eingestehen, das sein eigentlich so festes Glaubens- und Weltbild ins Wanken gerät, weil sich im Leben nicht alles erklären lässt. Auch ICH kann mir Gottes überhaupt nicht immer sicher sein. Ganz  im Gegenteil: ich misstraue allen, die im Glauben immer sicher,  unangefochten und siegessicher daherkommen, die Welt verstehen und immer Bescheid wissen. Manchmal ist Gott stumm und dann ist es besser, wenn auch ich in seinem Namen stumm bin, statt aus meiner eigenen Phantasie heraus zu viel zu erzählen, was nichts mit ihm zu tun hat oder an seinem Herzen und seiner Verborgenheit vorbeigeht.

Der Glaube kennt genügend Kämpfe, nicht nur mit denen, die mich verfolgen, anfeinden, belächeln, nicht verstehen oder irritieren, sondern auch mit meinen eigenen Zweifeln und Fragen, Anfechtungen und Irrtümern, Verwirrungen und Entscheidungen, vor allem aber kennt er die Kämpfe mit Gott.

Da ist nicht immer alles nur schön, wie auf den vielen Sonnenuntergangspostern mit nettem Merkspruch, sondern oft harter und schmerzhafter Kampf wie das Ringen Jakobs in der Nacht am Jabbok, den er nicht unbeschadet überstand. Es blieben Spuren zurück

Ganz ungewöhnlich lässt Jeremia uns mit dem Predigttext genau so an seinen Kämpfen und Auseinandersetzungen Anteil haben. Für einen kurzen Augenblick schauen wir ihm ins Herz und in sein Inneres. Ich begegne dem Menschen Jeremia und er kommt mir als Person ganz nah. Wir erfahren von Konflikten, die nicht nur einfach Streit in der Sache sind, sondern sich gegen ihn als Person wenden. Sich streiten ist ja das eine. Eine gute Streitkultur, die den Streitpartner als Person respektiert ohne ihn zu verunglimpfen, ist eine hohe Kunst, die ich mir in unseren Familien, in der Gesellschaft, in der Politik und auch in der Kirche unbedingt wünsche. Denn unterschiedliche Sichtweisen sind überhaupt nichts verwerfliches!  Dem Streitpartner aber seine Würde zu nehmen, ihm keine Achtung zu schenken, ihn für Dinge, für die er nicht einstehen kann, verantwortlich  zumachen, ihm körperlich zu schaden, ist etwas ganz anderes. 

Jeremia kämpft: Wie soll ein Mensch Gottes Stelle einnehmen und ihn verteidigen, rechtfertigen, für seine Sache gerade stehen, wenn er doch selbst nur dazu überredet wurde und Gott selbst streiten müsste… 

Und doch haben Menschen genau das getan: hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. 

Und Menschen haben Gottes Sache wertvoller und wichtiger erachtet  als die eigene körperliche Unversehrtheit, als ihr Leben.

Gottes Ansprüche können das Leben eines Menschen ganz und gar durcheinander bringen, sie bedeuten nicht nur Prestige und Vorteil. Ich gebe zu, dass der Pfarrberuf zumindest im ländlichen Raum immer noch gesellschaftliche Anerkennung mit sich bringt, auch wenn dieser Einfluss zunehmend schwindet. Aber er kann mich auch in Krisen stürzen, wenn ich nicht mehr einstehen kann für das, was ich an den hohen Festtagen oder am Grab verkünden soll, oder wenn ich wie Bischof Dröge im Vorfeld der anstehenden GKR Wahlen und der politischen Wahlen sage, dass mein Glaube mit bestimmten Haltungen und Überzeugungen unvereinbar ist, aber auch wenn ich in den Widerstand gehe, weil ich Gott mehr als den Menschen gehorchen muss; denn so war es in der bekennenden Kirche, so war es für Mitglieder der Jungen Gemeinden in der ehemaligen DDR, so ist es für manche in ihrem Einsatz für Flüchtlinge auch mit dem Instrument des Kirchenasyls trotz mittlerweile angedrohter Strafmaßnahmen der Behörden und so kann es morgen auch wieder an meinem Arbeitsplatz an der Schule oder sogar auf der Straße sein. Der Glaube, die Nachfolge Christi kann gefährlich für uns werden. Ich kann mich dann winden, rausreden, abtauchen…wer weiß, ob ich wirklich zum Widerstand geboren bin – aber in die Entscheidungssituation kann ich schneller geraten als mir lieb ist. Letzten Sonntag haben wir an verfolgte Christen erinnert und religiösen Fanatismus kritisiert. Heute dürfen wir auch dankbar feststellen, dass uns unsere Nachfolge hier in unserm Land nichts wirklich abfordert, außer Herzensernst und brennende Leidenschaft für Gottes Sache oder aber die zweifelvollen Kämpfe der glaubenden, bangen Seele

Passion ist in unserem Sprachgebrauch deswegen ja ein ambivalentes Wort, dass Leiden und Leidenschaft gleichermaßen meint.

Es stimmt: Nachfolge kann Leiden sein,  oder aber brennende, leuchtende Leidenschaft in uns. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, dass wir Helden sind, Heldenmut zeigen, stark und unangreifbar wirken. Viel Wichtiger ist die innere Ergriffenheit und der Ernst, mit dem wir uns rufen lassen,  wichtig ist das Ringen der Menschen mit ihren Fragen und Konflikten, Ihren Problemen und Sorgen und dass wir dann aber auch Gott die Antworten zutrauen und wie Jünger hören lernen. Wer sich das eingesteht und dazu mit seinem Leben einsteht, ist am glaubwürdiger, als jeder, der zu überreden sucht, Falsches verspricht und sich damit um Kopf und Kragen redet. Um Glaubwürdigkeit kämpfen und für Glaubwürdigkeit streiten lohnt sich und die schenke uns Gott. Amen

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