Vor Gott und vor den Menschen (Hebräer 4, 14-16)

Ich stelle fest: Priester hat es immer und überall, also zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Religionen gegeben.

Und dass protestantische Selbstverständnis behauptet selbstverständlich das Priestertum aller Getauften! 

Als er am Rande der Party in der Küche auf die Frage nach der Studienrichtung antwortete :„evangelische Theologie“ kam zwar noch ein „Ah ja, interessant“ als Antwort, aber das war eher das Ende des Gespräches als ein Anfang, über die eigentlich sehr ergiebige Frage nach Gott und dem persönlichen Glauben. Man sah ihm  nicht an, dass er Pfarrer werden wollte, er unterschied sich in nichts von allen anderen Gästen an diesem Abend, und war doch sofort zu exotisch…zumindest für ein Gespräch. Was da wohl für Bilder im Kopf des Gegenübers waren, als er hörte „Theologie“ und automatisch dachte „ aha, Pfarrer“… „Berufschrist“?

Wie kann man denn heute noch so was studieren?

Oder: wie schräg ist der denn drauf?

Vielleicht aber auch: aufpassen, was du sagst – am Ende ist er ein engstirniger Moralapostel…

Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, wo alle dankbar das indirekte Gesprächsangebot annahmen, wenn man nur andeutete, hauptamtlich mit Glaubensfragen beschäftigt zu sein. Ich zögere deswegen manchmal bis heute gerade auf Reisen, ehe ich mich mit meinem Beruf oute. Wie reagieren Menschen auf ihr kirchliches Engagement?

Haben sich die Bilder in den Köpfen und Herzen gewandelt?

Die Rollen waren sicher früher klarer: der Pfarrer als Respektsperson und Vertreter einer Obrigkeit in einer Reihe mit anderen lokalen Würdenträgern: Bürgermeister, Apotheker, Lehrer…

Er war für Anstand und Moral zuständig und zumindest in seinem Umfeld erwartete man ein Leben, das mit diesen Vorstellungen übereinstimmte.

Aber er war nicht automatisch ein Mann, dem deswegen Vertrauen entgegengebracht wurde oder respektvolle Zuneigung. Er konnte auch einer sein, der Angst verbreitete, schließlich stand er er mit den himmlischen Mächten  kontrollierend und aufpassend im Bunde.

Im Film „das weißen Band“ begegne ich dem Typ Pfarrer, den eine Filmkritik den traurigen Despoten nannte. Streng, möchte er eigentlich  doch seine Kinder lieben, sucht das Beste, kann ihnen aber seine Liebe nicht zeigen, sondern wird eher als der strafende Richter wahrgenommen. Dem Sohn werden nachts die Hände festgebunden, um ihn vor der vermeintlichen Sünde der Selbstbefriedigung zu schützen. Einmal kommen die Kinder verspätet nach Hause. Als die Familie beim Essen sitzt und alle schweigend ihre Suppe in sich hineinlöffeln, durchbricht der Vater die beklemmende Stille mit einer Äußerung, deren seltsame Logik verblüfft. Er und die Mutter wüssten nicht, was sie mehr schmerzt: dass die Kinder nicht nach Hause gekommen sind oder dass sie dann doch wieder aufgetaucht sind. Der Grund: es mache ihn traurig, aber er müsse seine Kinder bestrafen. Aber so erwartet man ihn auch als Pfarrer, als Gottesmann. So stellen sich viele Kirche vor. 

Oder ganz anders, wie Pastor Breithaupt in den „Heiden von Kummerow“, der respektiert, aber nicht wirklich ernst genommen wird, weil er liebenswürdig, aber ein bisschen weltfremd ist, zumindest den Kindern, auch den eigenen, gegenüber. Man glaubt ihm, dass er die Welt besser machen möchte mit seinen Predigten, man glaubt aber auch dem Grambauern, dass man nicht so lange warten könne, bis sich die Verhältnisse auf diese Weise änderten. Es ist ein liebevoller Respekt, der den Pfarrer aber nicht ganz ernst nehmen kann, was zu seiner Rolle gehört, weil er ja auch nicht ganz von dieser Welt ist. Auch so stellen sich Menschen Kirche vor!

Und welche Bilder tragen wir in uns? 

Wir werden uns an die Vorbilder erinnern, die uns in der Kindheit und Jugend geprägt haben, aber auch an die Erwartungen, die andere schon vor uns an Lebensgestaltung und Haltung formuliert haben, dass wenigstens im Leben der Pfarrer  stellvertretend für alle gelingt, was im Normalfall scheitert.

Nur: die Zeiten, das Amt und die Rolle haben sich geändert. Es ist ein weiblicherer Beruf geworden und dabei, ein richtig weiblicher zu werden, zumindest im protestantischen Bereich (wobei Priesterinnen gab es auch immer schon… zumindest in anderen Kulturen und Religionen). Und dennoch steht er auch zunehmend im Verdacht nicht nur weltfremder Naivität, sondern des irdischen Machtmissbrauches hinter der Fassade der Moral und des Anstandes. Anders kann ich mir die Missbrauchsdebatte als eine Debatte, die ja fast ausschließlich als kirchliche Angelegenheitgeführt wird, nicht erklären. Da ist vielen Kindern und Jugendlichen unsägliches und nicht zu entschuldigendes Leid zugefügt worden, da ist nicht mit der notwendigen Klarheit aufgeklärt worden. Und da bekennt eine ganze Gesellschaft nicht, wie tief in die Gesellschaft hinein Strukturen des Machtmissbrauches – in der Kirche und in weiten Bereichen des sozialen Lebens – reichen. 

Aber alle wissen: gerade in der Kirche hätte es zu keiner Zeit soviel Macht und Machtmissbrauch geben dürfen. Weder in der Zeit, in der das weiße Band spielt, noch in der jüngeren Gegenwart. Menschen, die sich  zum Dienst an und vor Gott berufen fühlen, tragen eine besondere Verantwortung und werden besonders aufmerksam angeschaut.

Und es gab und gibt überall die Menschen, deren Auftrag es ist Menschen vor Gott und Gott vor den Menschen zu vertreten. Das ist religionsgeschichtlich die Rolle des Priesters. Und sie sind immer schon irgendwie ausgesondert gewesen, mit einer besonderen Lebensführung oder einer besonderen moralischen Erwartung konfrontiert: Die Ehelosigkeit, die Keuschheit oder Jungfräulichkeit war in vielen Religionen Teil der priesterlichen Lebensweise.

Und zugleich wissen wir alle irgendwie, auch wer alle vor Gott und Gott vor allen vertritt, ist doch nicht anders als alle. Ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen, mit Stärken und Schwächen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen, mit guten Vorsätzen und vielen Niederlagen. Es war schwer zu lernen, dass dies kein Gegensatz, sondern zwei Seiten der gleichen Medaille waren und sind. Wir sind Sünder und gerechtfertigt. Dennoch fragten man lange Zeit: wenn ein Priester Schuld auf sich geladen hat und dann tauft oder Abendmahl feiert, verliert das Sakrament dann seine Wirksamkeit, ist unwürdig oder gar missbraucht? Diese Ängste gab es nicht nur in der alten Kirche. Vor noch nicht so langer Zeit, als man über Scheidung in der Nachbarschaft schon nicht mehre redete, mussten Pfarrer oder Pfarrerinnen, deren Ehen scheiterten, zumindest ihre Stelle wechseln… denn gerade von ihnen hätte man das ja nicht erwartet!

Es braucht anscheinend Menschen, deren Beruf die Stellvertretung ist: stellvertretend vor Gott und stellvertretend vor den Menschen und es gibt die Erwartung, dass stellvertretend dort die Welt heil und in Ordnung ist und alles einschließlich Ehe und Familie gelingt und wie schnell werden dann die Chancen übersehen, die gerade in der Verletztbarkeit, Fehlbarkeit und Lebenserfahrung derer liegen, die  stellvertretend auch scheitern dürfen und trotz allem von Gott reden und Vergebung nicht nur predigen, sondern dieser wie alle auch bedürfen.

Was haben wir also für Bilder und Erwartungen, welche Enttäuschungen müssten wir bei uns einmal hinterfragen oder noch direkter: mit welchen Erwartungen begegnen uns Menschen, die Kirche nur noch von ferne kennen, aber von Christen in besonderer Weise das Einstehen für ihre Werte erwarten und besonders schnell buchstäblich enttäuscht sind? 

Der Hebräerbrief ist  ganz tief von priesterlichem Denken geprägt. Das Bild des Hohenpriesters, der als einziger stellvertretend für das ganze Volk das Allerheiligste betreten und vor Gottes Angesicht stehen darf, der die Sünde des Volkes am Versöhnungstag mit dem Sündenbock in die Wüste treibt und damit von den Menschen nimmt, dient dazu, zu begreifen, wer Jesus für uns ist und was er für uns getan hat. Auch er ist  priesterlich Stellvertreter. Er vertritt den Menschen vor Gott und Gott vor den Menschen. Mit seinem Leiden findet sich jeder Schmerz, jede Einsamkeit, jeder Tod und damit jedes Menschenleben vor Gott wieder. Und zugleich ist er als Gottessohn damit Gottes Angesicht ganz nah bei mir in jedem Schmerz, in jeder Einsamkeit, in jedem Tod. Er vertritt unsere Lebenswege vor Gott und Gott in unseren Lebenswegen. Und bei allem, weil Leben immer auch scheitern heißt, Scheitern an den eigenen Erwartungen, Zielen und Wünschen, Scheitern an den eigenen Möglichkeiten durch die eigenen Grenzen, ist er zugleich auch Gottes Vergebung in unserer Welt und in meinem Leben; ist er Barmherzigkeit, wo die öffentliche Meinung so schnell unbarmherzig wird und Mittler, der mir eine neue Chance, neue Möglichkeit für das Leben ermöglicht.

Seine Fragen, seine Klagen, Sein Schmerz, seine Einsamkeit, sein Tod sind letztlich nichts anderes als stellvertretend meine Fragen, Klagen, Schmerzen, Einsamkeit und Sterben. Denn er ist der Mensch vor Gott, er ist zugleich Gott bei den Menschen. Doch ohne Sünde – sagt der Hebräerbrief und er meint nicht die Moral und die Verfehlungen. Er meint: seht doch in euren engen Grenzen, in eurer Angst, in eurer Ohnmacht, auch  in der Unbarmherzigkeit eurer Moral:  das ist Gott. Ihr könnt ihm vertrauen.  Er weitet eure Grenzen, er nimmt Furcht, lebt Barmherzigkeit und verurteilt nicht. Er ist für euch da, er schenkt euch sein Ohr und immer und allezeit. Mit ihm seid ihr vor Gott. Mit ihm ist Gott bei euch, allezeit!  Wir haben einen Hohenpriester! So sei es, Amen.

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