Steine zu Brot

Jesus fastet in der Wüste und wird danach versucht. „Sprich, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ (Matthäus 4,3)  Der Hunger macht ihn wehrlos. Wenn Menschen halbverhungert sind, sind sie zu fast allem bereit. Bei Jesus waren es 40 Tage. Da schreit jede Faser nach Brot. Wenn die Armut und das Elend in den Ecken hocken, folgen die Menschen jedem, der ihnen verspricht, sie da herauszuholen. Hunger  und Not sind große Künstler, die Sinne zu vernebeln. Glücksritter und Volksverführer finden willige Gefolgschaft. So stimmen die Abgehängten für Parteien, die Wohlstand und Aufschwung versprechen. An den Rand Gedrängte bejubeln Wortführer, die gegen Minderheiten hetzen. So übermächtig ist ihre Hoffnung, dass sie sogar alle verjagen, die sie zur Vernunft mahnen. Dass der Reichtum keineswegs den Armen winkt, sondern im Gegenteil auf ihre Kosten erkauft wird, wollen sie nicht hören. Sie können es nicht hören. Hunger kann den Verstand vernebeln.

Aus Steinen wird Brot. Wer hörte das nicht gern. Schon bald wächst das Schnitzel aus dem 3-D-Drucker. Die Kühe geben allergenfreie Milch. Schweine können Phosphat besser verdauen.  Die Saatgutindustrie  gibt vor, den Hunger in der Welt zu besiegen. Dass sie sich Patente auf die Züchtungen schon längst gesichert hat und ihr Saatgut so teuer verkauft, unterschlägt sie. In Wahrheit geht es ums Geld, nicht um Gerechtigkeit. Sonst hätte sie schon längst auf die Expertise von Entwicklungshilfsorganisationen wie „Brot für die Welt“  gehört. Die sagen: den Hunger in der Welt besiegen wir durch Teilen. Durch Gerechtigkeit. Durch Landreformen. Indem wir sanft mit der Erde umgehen.

Steine werden zu Brot. Es ist wichtig darauf zu schauen, wer solche Sätze sagt und das Blaue vom Himmel verspricht. In der Geschichte von Jesus ist klar: Es sagt der Versucher, eine sinnbildliche Figur. Die Bibel nennt sie Satan, Verdreher. Und ihm geht es nicht wirklich um Brot zum Leben, sondern er führt aufs Glatteis. Ihm geht es um Macht. Die beiden anderen Versuchungen machen das deutlich. Jesus soll vom Dach des Tempels herabspringen, und er soll auf die Knie fallen und ihn anbeten.

Wunder tun, das bedeutet bewundert werden, im Mittelpunkt stehen, gemocht und angehimmelt werden. Wer sehnt sich nicht manchmal danach? Und was tun Leute nicht alles, um Aufmerksamkeit zu erregen: sie ziehen ins Dschungelcamp, bewerben sich im Fernsehen, zählen ihre Likes und Freunde bei Facebook. Oft wissen sie selbst, wie peinlich sie wirken. Aber die Vorstellung, dass niemand sie beachtet, beängstigt sie noch unendlich mehr, so dass sie lieber in Kauf nehmen, sich lächerlich zu machen.

Die dritte Versuchung ist die, Macht auszuüben. Wer je ohnmächtig war, abhängig und ausgeliefert, weiß, wie entsetzlich sich das anfühlen kann. Viele Menschen würden alles unternehmen, um da nicht wieder zu landen. Außerdem ist es angenehm und bequem, bestimmen zu können, egal ob in der Familie, auf der Arbeit oder in einem Verein. Wir sind herausgefordert, dass wir unsere Umgebung aktiv mitgestalten und prägen, jede*r an ihrer Stelle. Doch Macht kann süchtig machen. Leute werden hochnäsig, von sich eingenommen, bevorzugen die einen und ignorieren andere, die Persönlichkeit verändert sich schleichend. Macht kann ein Klima von Abhängigkeit und Gewalt produzieren. Das Kind in der Trotzphase auf Amerikas Thron illustriert die verheerenden Auswirkungen. Wir alle sind Teil von Beziehungen. Als Eltern, als Erzieherinnen, als Aufsichtspersonen, in der Pflege üben wir Macht aus. Wir müssen unsere Rollen reflektieren, wie sie sich auf uns und andere auswirken.
Gott jedenfalls hat sich immer wieder bewusst auf die Seite der Ohnmächtigen gestellt. Jesus ist den Weg der Gewaltfreiheit bis zum Ende gegangen. Indem er sich für die Seite der Ohnmacht entschied, hatte niemand Macht über ihn.  Die Ohnmacht hat ihn also paradoxerweise frei gemacht.

Jesus hat Hunger und gerät in Versuchung. Die Geschichte schildert Versuchungen, die auch heute aktuell sind. Auf schnelle Versprechungen, auf Hetze und verdrehte Parolen hereinfallen. Bewundert und gemocht werden. Einfluss haben und andere beherrschen. All das bedroht das Miteinander in einer Gesellschaft oder in einer Gruppe. Und es entwürdigt uns selbst. Wir machen uns kleiner, als wir sind, wenn wir Kälte, Eitelkeit oder Herrschsucht die Übermacht in unserer Seele gewinnen lassen.  Die Bibel ermutigt uns, solchen Versuchungen zu widerstehen. Wir können immer wieder üben, „in der Wahrheit zu leben“ (Vaclav Havel), barmherzig zu sein und Frieden zu suchen.

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