Yin und Yang, wie ist das Leben wirklich?

Liebe Gemeinde,
Müsli, Brötchen, Brot, Belag, dazu einen Kaffee. Das ist der Normalfall des Durchschnittsfrühstücks. Allerdings, es gibt auch Besonderheiten. Man merkt es den Leuten an, wenn sie einem begegnen.

„Da hat einer einen Clown gefrühstückt“. Den ganzen Tag hält sich diese Person für besonders witzig.

Es geht noch besser. Bei diesen Personen ist sogar Besteck nötig. Sie kennen doch die Aussage: „Die Person hat die Weisheit mit Löffeln gefressen.“

Dabei ist Weisheit, eine Eigenschaft, die eigentlich äußerst positiv bewertet wird. Wir suchen und schätzen die Nähe von weisen Menschen. Weise Worte sind sehr willkommen, sie geben uns einen neuen Blick auf eine Sache. Aber, es kommt auf das Timing an. Zum unpassenden Zeitpunkt wird aus Weisheit, wie der Volksmund sagt: „Klugscheißerei“.

Da gibt es noch eine Eigenschaft, die oft mit Weisheit in Verbindung gebracht wird: „Gerechtigkeit“. Sie hat einen hohen Wert, bis sich die Silbe „selbst“ davor schleicht. Selbstgerechtigkeit ist schwer erträglich.

Da ist die Mahnung, die sich im heutigen Predigttext findet, gar nicht mehr so seltsam. Es heißt: „Sei nicht zu gerecht und nicht zu weise.“

Hören wir den Text, aus der Züricher-Bibel 2007, im 7. Kapitel (7,15-18) des Predigerbuches:

„Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit. Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern? Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit? Gut ist, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.“

Kennen Sie diesen Satz aus Ihrer Kindheit? „Zieh keine Grimassen, denn sonst schlägt’s 13 und dein Gesicht bleibt für immer so!“ Der Sachverhalt trat nie ein. Half meist auch nicht, zur Unterlassung. Aber einen Versuch schien es den Erziehungsberechtigten wert.

Es war der Versuch, Kinder etwas zu lehren. Dass es einen direkten, fast schon unmittelbaren, Zusammenhang gibt, zwischen dem was man tut und dem wie es einem deswegen ergeht.

Später wurden die Sachverhalte komplexer, der zeitliche Rahmen langfristiger: „Sei nett zu den Leuten, dann sind sie nett zu dir!“ „Iss nicht das verkohlte Toastbrot, das macht Krebs!“ „Treibe Sport, rauche und trinke nicht, dann lebst du länger und so weiter.“

Weise Worte, und anders als die Sache mit der Grimasse, basieren auf Erfahrungswerten. Meist stimmten diese Aussagen ja. Und dann hat es da wieder diese Ausnahmen. Die Weisheit bekommt eine Krise, wenn ein Ex-Bundeskanzler Menthol-Zigaretten frühstückt. Der Rolling-Stones-Gitarrist, 75 Jahre alt geworden, sämtliche Betäubungsmittel aus dem Effeff kennt! Dann aber deren Weggefährten, die vegan aßen, gesundheitsbewusst waren und einen vorbildlichen Lebenswandel führten, längst gestorben sind.

Es ist und bleibt unfair, oft ist es sogar grausam! Der Einfluss auf die Spanne unseres Lebens ist doch eher gering. Außerdem gibt es keine Garantien dafür. Hoffentlich nehmen sie sich jetzt nicht vor, den morgendlichen Frühstückskaffee durch ein Dose Bier zu ersetzen. Nur weil Keith Richards ein gutes Lebensalter erreicht hat.

Maßhalten kommt nicht vom Bierkrug stemmen auf der Wiesn. Es darf andererseits auch nicht zu einem aussichtslosen Kampf führen. Besonders interessant finde ich die Regalkilometer in Drogeriemärkten mit Produkten unter der Bezeichnung „Anti-Aging“ – gegen das Altern.

Es gab und gibt Gesellschaften, in denen alte Menschen Hochachtung genießen. Ihnen wird Weisheit und Wertschätzung zu gestanden. Die tickende Uhr „Lebenszeit“ lässt sich nicht verlangsamen. „Flüchtige Tage“ heißt es im Predigttext. Das ist überhaupt das Thema dieses Buches, das unter dem Namen „Prediger“ in der Bibel zu finden ist.

[Den nächsten Satz mit einem Augenzwinkern! Unbedingt freisprechen, mit Augenkontakt zur Gemeinde, ansonsten hat er eine gegenteilige Wirkung.]
Wenn ich also im Folgenden von „Prediger“ rede, dann spreche ich nicht im „Pluralis Majestatis“. Also von mir in der dritten Person, sondern vom Autor dieses biblischen Buches.

Bisher kam dieses Buch nur alle Jubeljahre im Sonntagsgottesdienst vor. Jetzt, mit der neuen Perikopenordnung werden wir öfter von ihm hören. Meist wurde hieraus nur dieser schöne Text zitiert: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“. (Pred. 3,1) Dieses Buch trifft offensichtlich einen Lebensnerv. Weshalb es gern von Taufeltern, Hochzeitspaaren und Trauernden ausgewählt wird.

Das liegt wohl an der Weltsicht, die der „Prediger“ hatte, die hinter den einzelnen, weisen Sprüchen steckt. Eines macht er unmissverständlich klar: Wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was.“, sondern bei „So ist es!“. Er beobachtete viel und beschönigte wenig.

Zitat: „Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit.

Wieviel schöner wäre es doch, mit fröhlichen Gerechten und kurzlebigen Ungerechten. Ist aber nicht so. Wäre es nicht logisch und gut nachvollziehbar, wenn das was ich tue 1:1 zu mir zurückkäme? Gute Taten – gute Folgen, böse Taten – böse Folgen!

Der „Prediger“ sah sich um und stellte fest: „So funktioniert das nicht.“ Und dann traf er eine sehr bewusste Entscheidung. Er nahm sich vor, „nicht übergerecht und nicht allzu weise“ zu sein und empfiehlt uns das gleiche.

Sei nicht übergerecht, denn Hand aufs Herz, mal klappts besser, mal schlechter mit der Gerechtigkeit. Und sei nicht allzu weise, denn ehrlich betrachtet, kommt alles menschliche Erkennen irgendwann an seine Grenze.

Weisheit und Gerechtigkeit, das waren für den „Prediger“ eher Lebenseinstellungen statt Patentrezepte. Diese Art von Gelassenheit finde ich bewundernswert – und weise. Weiß aber auch, es ist nur ein schmaler Grat bis zur Gleichgültigkeit.

Deswegen finde ich es so interessant, wie der „Prediger“ das Ganze auf festen Grund stellte: „Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.“ Es war für ihn Gottesfurcht, es weder mit Gerechtigkeit und Weisheit, noch mit Ungerechtigkeit und Torheit zu übertreiben.

Der „Prediger“ legte sich fest: Der Mensch kann das Handeln Gottes nicht verstehen, aber er kann sich sicher sein, dass Gott dem Menschen wohlgesonnen ist. Er erkannte, dass alles aus Gottes Hand kommt und nahm es als echtes Geschenk an. Er genoss es in vollen Zügen, wo er nur konnte. Während manche sich ärgern, dass andere erben (und verprassen), was mühsam erarbeitet wurde. Der „Prediger“ würde bedauern, wenn es niemanden zum Teilen gäbe.

Statt Angst vor dem Tod hatte er Freude am Leben. Nicht dem Unvergänglichen jagte er nach, sondern konzentrierte sich auf das Machbare. Mehr noch: Er erkannte, wie kostbar das Vergängliche ist. Und manchmal war er ganz froh, dass nicht alles für die Ewigkeit ist – manches vergisst man besser.

Jetzt sind Sie dran. Ob für sie diese Lebenseinstellung Weisheit ist oder Klugscheißerei, das können nur Sie selber entscheiden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich ihre Einstellung manchmal, innerhalb von Minuten, ändern wird. Ist das, was der „Prediger“ schrieb, der Weisheit letzter Schluss?

Ich lese den Text noch einmal:

„Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit. Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern? Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit? Gut ist, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.“

Ich setze zum Vergleich einmal einen Vers aus Goethes Faust daneben: „Das ist der Weisheit letzter Schluss: / Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, / der täglich sie erobern muss.“

Das ist die gegenteilige Lebenseinstellung. Aber dass man sich die Freiheit und das Leben erkämpfen muss, davon halte ich nichts. Gerade im Kontext meiner Erfahrungen von Unfreiheit und Tod in meinem eigenen Leben oder weltweit.

Ich nehme beides, Freiheit und Leben, als Gottes gute Gabe und halte es lieber mit dem „Prediger“: Das Leben ist schön und wir machen das Beste draus.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Sebastian Kuhlmann.)

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