Vertrauen, nichts als Vertrauen!

Der heutige Predigttext ist sehr kurz. Nur drei Verse aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefs sind dafür ausgewählt worden.

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Die Kernaussage dieser wenigen Sätze lässt sich wiederum in einem einzigen kurzen und schlichten Satz zusammenfassen: Gott können wir vertrauen.

Der Hebräerbrief behauptet das aber nicht nur, er begründet es auch. Um nun aber diese Begründung verstehen und würdigen zu können, müssen wir doch ein wenig ausholen und uns sowohl allgemein mit dem Phänomen Religion befassen als auch im Besonderen mit dem jüdischen Tempelgottesdienst zur Zeit Jesu. Aber keine Angst, das klingt komplizierter, als es ist. Und am Ende ist unser Gottvertrauen hoffentlich umso fester.

Also, auf geht’s zu einer Gedankenreise!

Es ist zugegebenermaßen etwas vereinfacht, aber man kann schon sagen: Seit es Menschen gibt, gibt es auch Religion. Und in dem Maße, wie die Menschheit sich auf der Erde ausbreitete und verzweigte, differenzierte sich auch das, was wir ganz allgemein Religion nennen. Eigentlich müsste man immer im Plural, also von den Religionen sprechen. Für alle diese Religionen aber gibt es gemeinsame Kennzeichen. Sie alle kennen zum Beispiel heilige Orte, große oder kleine Tempelanlagen, große oder kleine Kirchen natürlich auch. Es gibt in allen Religionen heilige Zeiten oder geheiligte Tage, also Feste wie wir sie auch in der Kirche kennen. Einzeln oder auch gemeinsam wird in allen Religionen die Gottheit verehrt durch Gebete, durch Gesang, durch Opfergaben, Gottesdienst also im weiteren Sinne. Diese Aufzählung könnte man noch fortsetzen. Es wird aber auch so schon klar: Auch das Christentum kann nicht nur, es muss zu den Religionen gezählt werden.

Und doch gilt auch das andere: Innerhalb des großen Spektrums der Religionen nimmt das Christentum eine besondere Stellung ein. Dieses Besondere ist aber nicht der Monotheismus, der Glauben an nur einen Gott. Den haben wir mit Juden und Muslimen gemeinsam. Es ist die Gestalt Jesu, den wir den Christus nennen und von dem wir unseren Namen haben: Christen. Das Besondere ist das, was mit Jesus und durch Jesus passiert, nämlich dies: Gott kommt zu den Menschen.

Typisch für alle Religionen sonst ist, dass sie sich zu Gott hin wenden. Im christlichen Glauben aber ist es umgekehrt. Gott kommt zu uns. Dietrich Bonhoeffer hat das in dem bekannten Gedicht „Christen und Heiden“ von 1944 unübertroffen einfach und klar formuliert:

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod,
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.

Gott begibt sich in Jesus mitten hinein in die menschlichen Befindlichkeiten. Das beginnt mit einer ganz normalen Geburt, allerdings unter sehr erschwerten Umständen. Und das endet am Kreuz mit einem jämmerlichen Tod. Und zwischendrin erlebt Jesus sicher manches Schöne wie eben jene berühmte Hochzeit zu Kana, aber eben auch Heimatlosigkeit und, wie wir es heute im Evangelium hörten, Anfechtung und Versuchung. Allerdings, anders, als das bei uns oft ist: Jesus lässt sich nicht irre machen und nicht unterkriegen. Biblisch gesprochen: Er bleibt fest in der Versuchung und lässt den Teufel abblitzen.

Das heißt dann aber weiter: Wer diesen Jesus an seiner Seite oder auf seiner Seite hat, bei dem hat der Teufel, hat der Böse oder das Böse – wie auch immer wir diese nach unten ziehende Kraft nennen wollen – bei dem hat diese dunkle Macht keine Chance! Oder anders gesagt: Wer zu Jesus gehört, der wird ins Licht gezogen. Der kann wohl von Finsternis überfallen werden, aber diese Finsternis vermag keine dauernde Macht mehr gewinnen: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Haltet euch an Jesus, meint der Hebräerbrief, dann wird alles gut.

Und genau das macht er deutlich am Dienst des Hohenpriesters im Jerusalemer Tempel, der dann aber von Jesus übertroffen wird.

Bis zur Zerstörung des Tempels durch die Römer wurde dort im Tempel regelmäßig geopfert, aus Dankbarkeit oder zur Sühne für eine Schuld oder um die Gemeinschaft zu festigen. Es gab unterschiedliche Opferarten und Anlässe, aus denen die Priester für die anderen Gläubigen tätig wurden. Ein Opfer und eine Zeremonie waren aber besonders wichtig, nämlich das Opfer am Großen Versöhnungstag, welches das Bundes-Verhältnis von ganz Israel mit seinem Gott erneuern sollte. Das oblag dem obersten Priester, dem Hohenpriester, der aus diesem Anlass zunächst für sich und seine Familie ein Reinigungsopfer darzubringen hatte, ehe er anschließend mit einem weiteren Opfer stellvertretend für das Volk in das Allerheiligste ging um Reinigung und Versöhnung für alle zu erwirken.

Und so sieht und versteht nun der Hebräerbrief Jesus, seinen Kreuzestod und seine Auferstehung und Himmelfahrt. Wie der Hohepriester bringt Jesus ein Opfer dar, sich selber. Und wie der Hohepriester den Tempel durchschreitet, um ins Allerheiligste zu Gott zu gelangen, so durchschreitet der Auferstandene die Himmel, um bei Gott die Seinen zu vertreten und Vergebung aller Sünden zu erwirken. Das Ganze nur mit dem einen entscheidenden Unterschied: Anders als der Hohepriester musste Jesus nicht für sich selber und seine Reinheit opfern, denn er ist wohl wie jeder andere Mensch auch versucht und dem Leiden ausgesetzt worden, doch ist er keiner Versuchung und Sünde erlegen. Das macht den Unterschied! Und darum gilt das, was durch Jesus geschehen ist, ein für allemal und muss nicht wie die Zeremonie des Versöhnungstages jährlich wiederholt werden. Und darum ist es gut und richtig und hilfreich und ein großes Glück, sich an Jesus zu halten und an ihm und dem Bekenntnis zu ihm festzuhalten.

Und damit sind wir wieder bei unserem kurzen Schriftabschnitt:

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Und was haben wir davon? Dass wir „Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.“ So sagt es der Text. Oder anders gesprochen: Unser Gewinn ist, dass wir Entlastung erfahren, dass der Alltag uns nicht niederdrücken muss, dass wir frei bleiben, immer wieder auch unsere Mitmenschen in den Blick zu nehmen, dass wir die Welt trotz aller schrecklichen Ereignisse mit den Augen der Liebe sehen. Denn das, was der Hebräerbrief mit „Thron der Gnade“ umschreibt, die freundliche Gegenwart Gottes, das ist und bleibt unsere nicht versiegende Kraftquelle. Ihm, dem dreieinigen Gott, unserem Gott, können wir vertrauen.

Und damit sind wir nach einer langen, aber hoffentlich nicht zu langen Wanderung der Gedanken zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Vertrauen festhalten. Das ist es. Amen.

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