Versucht wie wir

Die Lesung aus dem Matthäus-Evangelium haben wir gehört: Jesus wird versucht. Vielleicht haben wir auch uns geprüft: Welchen Versuchungen begegnen wir und wie begegnen wir ihnen. Gerade zum Beginn der Passionszeit, der Leidenszeit und der Fastenzeit gehören Versuchungserzählungen dazu. Versuchungen widerstehen: Mit Gottes Hilfe gelingt es. Zumindest bei Jesus.

Versuchung ist nicht zart und sie ist nicht aufregend und sie macht auch wenig Spaß. Auch wenn uns die Werbung etwas anderes erzählt: Versuchung ist eine ernste Sache. Weil sie die Gefahr birgt, dass wir uns selbst verlieren. 

Wer versucht wird, bei dem steht nicht selten seine Integrität auf dem Spiel. Ehrlich sein, auch wenn ich dadurch Nachteile habe? Steuern hinterziehen, wenn es niemand sieht? Kann ich mir selbst treu bleiben? Um Versuchung geht es am Sonntag Invokavit. Aber eben auch um Behütung in der Versuchung.

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Die Gemeinde, von der der Hebräerbrief erzählt fühlt sich klein und schwach. Da sind Anfechtungen und Versuchungen. Da gibt es Druck von außen. Da gibt es Leiden und Verletzungen. Da gibt es auch, dass Menschen sich schwach fühlen, spüren, dass es ihnen nicht immer gelingt, ihren Glauben auch wirklich zu leben.

Ihnen wird hier von ihrer Größe, ihrer Bedeutung erzählt. Sie sind es Jesus wert, dass er mit ihnen leidet, sich selbst zum Hohepriester für sie erklärt. Der Brief will den Glaubenden etwas vermitteln von Hoffnung, von Auferstehung.

Das Bild vom Hohepriester soll den Menschen helfen: normalerweise brauchen Menschen in den Religionen jemanden, der ihr Opfer zu Gott bringt, der den Kontakt herstellt, der hilft Gott milde zu stimmen. Ich brauche einen Anwalt, um eine Chance zu haben bei Gott. Dieses Bild wird genommen um darzustellen, wer Jesus Christus für uns ist, aber auch warum wir keine Priester mehr brauchen. 

In Jesus Christus haben wir den direkten Zugang zu Gott. Es gibt keine Opfer mehr, mit denen wir Gott gnädig stimmen könnten oder ihm etwas Gutes tun können. Wir brauchen auch keinen Mittler, weil wir ihn längst haben: Jesus Christus. Er ist unser Hohepriester. Er ist leidensfähig, das heißt auch: ist fähig zum Mitleid, bereit zu Empathie und Sympathie. Und er ist bereit uns teilhaben zu lassen an Gottes Gnade und Barmherzigkeit – allein aus Gnade.

Das Bild des Hohepriesters hat eine gewisse Analogie zum Tempel im Vorhang, der an Karfreitag zerrissen ist: Wir dürfen freimütig ohne Mittler vor Gott erscheinen und mit ihm reden. 

Wir brauchen keine heiligen Hallen mehr. Wir brauchen keinen Pontifex, der uns Brücken zu Gott baut. Wir brauchen eigentlich auch keine Kirchen mehr. Zumindest nicht, um Gott zu begegnen. Vielleicht aber, um den Menschen zu begegnen. Sie wahrzunehmen als seine Geschöpfe, unsere Schwestern und Brüder, mit denen wir auf einem Wege sind. Mit denen wir auch gemeinsam mit Gott reden dürfen und gemeinsam über Gott reden dürfen. Mit denen wir gemeinsam schweigen können und gemeinsam handeln können.

Lasset uns festhalten: Das ist kein billiger Konservatismus, sondern eine Einladung zur Hoffnung auf den, dem wir so viel wert sind. Wir werden ermutigt vor unseren Gott zu treten mit erhobenem Haupt mit all unseren Mängeln und Fehlern, weil wir es wert sind. 

‚Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis‘: Das ist eine Einladung, vielleicht auch eine Ermutigung. Da ist vielleicht auch jemand, der sich selber pushen will: Come on – du schaffst das.  Vielleicht auch wie das berühmte ‚Wir schaffen das!‘ von Angela Merkel, ein Wort voller Selbstvertrauen und Vertrauen in alle Beteiligten, dass zu gleich auch ein Mut machender Apell sein will. Da will einer sich selbst und den Schwestern und Brüdern Mut machen, immer wieder neu das Gespräch mit Gott zu suchen, immer wieder ja zu sagen zu sich selbst, auch zu den eigenen Fehlern und zu vertrauen auf die Liebe Gottes und die Sympathie Jesu Christi.  

Wir können unser Leben gestalten mit erhobenem Haupt, nicht weil wir wissen, dass wir perfekt wissen, aber weil wir wissen, dass Jesus Christus für uns da ist, mit uns lebt. 

Von ihm heißt es: ‚Versucht wie wir‘: Versuchung ist Teil des Lebens, besonders aber die Versuchung Macht zu missbrauchen. Ich bin dauernd in Versuchung für andere zu entscheiden, über andere zu bestimmen. Wie Jesus mit Versuchung umgegangen ist, illustriert die Lesung. Wie ich mit Versuchung umgehe, darüber muss ich immer wieder neu nachdenken, weil ich immer wieder neu eine Entscheidung fällen muss.

Ich bin verantwortlich für mich, dem Gott zu begegnen, der mit mir leiden kann. Gerade für ChristInnen der Reformation ist der Umgang mit dem Heiligen eine offene Frage. Früher war Kopftuch oder Kopfbedeckung für die Frauen Pflicht im Gottesdienst genauso wie angemessene Kleidung. Im katholischen Bereich wird wie selbstverständlich das Kreuz geschlagen, eine Kerze entzündet. Wir haben den direkten Zugang zu Gott, aber wie nutzen wir ihn?

Wir brauchen diese heiligen Hallen nicht mehr, wir brauchen auch die Priester nicht mehr. Wir haben Jesus Christus. Mit ihm dürfen wir direkt sprechen, dürfen ihm sagen, was uns bedrängt, ihm unsere Schuld vor die Füße legen und unsere Pläne in seine Hände legen. Wir können ihm nichts bringen und empfangen so viel: Liebe und Gerechtigkeit, Wohlgefallen und Frieden.  

Der Text benennt etwas, das wir längst haben. Wir müssen uns nicht darum bemühen, wir können es uns nicht verdienen: wir haben einen Hohepriester, der uns retten will.

Das könnte ein Grund sein, einfach loszugehen und unser Leben in die Hand zu nehmen. Ein bisschen rücksichtslos, ohne Rücksicht auf meinen guten Ruf und ohne Rücksicht, wie ich vor Gott dastehe. Weil Beides nicht entscheidend ist.

Entscheidend ist, dass ich mein Leben lebe, weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und mich befreit hat. Darum  kann ich leben in dieser Freiheit und in Verantwortung vor meinem Gewissen, zusammen mit Schwestern und Brüdern, die mit mir Gemeinde leben.

drucken