Sailing

Ich stehe hinter dem großen Steuerrad und gebe mein Bestes, um das Schiff auf Kurs zu halten. Neben mir steht Michael, mein Pfarrer, und ich versuche möglichst locker rüberzukommen, aber innerlich bin ich total angespannt. Ich will alles richtig machen, das Schiff auf Kurs halten. Ich bin 15 Jahre alt und ich bin Kapitän. Ich könnte platzen vor Stolz.
Michael ist der Jugendpfarrer in der Gemeinde. Er fährt mit uns auf Freizeiten und gestaltet in der Gemeinde die Jugendarbeit. Mit ihm kann man reden, er hat immer ein offenes Ohr. Bei ihm hat man das Gefühl, angenommen zu sein. Er ist endlich ein Erwachsener, der sich wirklich gerne mit uns beschäftigt.
Dabei will er eigentlich gar nicht hier sein. Er hatte sich woanders hin beworben. Auf keinen Fall in die münsterländische Provinz, zu diesen Leuten, die fast alle Platt sprechen und auch sonst eher eigen sind. Das Ruhrgebiet wäre es gewesen. So viele Möglichkeiten.
Aber jetzt ist er hier, steht neben mir und hat sich damit abgefunden. Er raucht eine Zigarette und traut mir ernsthaft zu, das Schiff in den Hafen zu steuern. Eigentlich traut er es jedem auf dem Schiff zu, jeder darf mal ans Steuerrad, wenn sie oder er es möchte.

Warum Michael hier ist und nicht in seinem geliebten Ruhrgebiet kann ich nicht sagen, aber ich bin dankbar dafür dass er da ist. Mit ihm erlebe ich unglaublich schöne Freizeiten.
Ich erinnere mich an Segeltouren, zwei Wochen auf einem Plattbodenschiff im Ijsselmeer. 12 Kinder und ein Pfarrer. Ohne viel Gepäck, auf dem Schiff ist kein Platz und abends kochen wir zusammen in der viel zu kleinen Schiffsküche. Danach gehen wir hoch an Deck und schauen zu, wie die Sonne im Meer versinkt.

Wir singen jeden Abend „I am sailing“ und es ist überhaupt nicht peinlich. Der Pfarrer spielt auf der Gitarre und wenn die Sterne über uns aufgegangen sind, gehen wir zurück ins Schiff, legen uns in die Kojen und schlafen mit einem unglaublichen Gefühl der Geborgenheit ein. Später knüpfen wir aus Schiffstau Armbänder. Wir sind keine Gruppe, wir sind eine Einheit.

Teenager, die ein Schiff segeln. Wir helfen uns aus mit Sonnencreme LSF 50, wir haben auch kein Problem damit, die Tische zu decken und für die anderen das Klo zu putzen. Es funktioniert einfach. Als wir wieder zurückkommen sind wir andere als vorher. Die Zeit auf dem Schiff hat uns verändert: Unsere Haare sind heller, die Sommersprossen sind mehr geworden und wir alle sind glücklicher, selbstbewusster und stärker.

Und auch nach dieser seligen Zeit, nach der Segelfreizeit auf der ich beinahe minütlich das Gefühl hatte, eine Gotteserfahrung nach der anderen zu machen bleibt mein Kopf in den Wolken. Noch lange zehre ich von der Erinnerung an Sonnenuntergänge und denke an Küsse auf Deck unter einem unbeschreiblichen Sternenhimmel.

Nicht auszudenken, das wir all das beinahe nicht erlebt hätten. Wäre Michael an uns vorbeigelotst worden, wäre er in sein bevorzugtes Ruhrgebiet gekommen, hätten wir alle was verpasst.
Denn er hat uns damals etwas nahe gebracht, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es brauchten. Gott.

Schicksal? Fügung? Zufall? Warum nicht einfach Gottes Führung!
So wie in der Geschichte um Paulus und seine Missionsversuche.
[Apg 16,9-10, Basisbibel]
6 Dann zogen Paulus und Timotheus weiter durch Phrygien
und das Gebiet von Galatien. Denn der Heilige Geist hinderte sie daran, die Botschaft in der Provinz Asien zu verkünden.
7 Als sie schon fast in Mysien waren, wollten sie nach Bithynien weiterreisen. Doch der Geist, durch den Jesus sie führte, ließ das nicht zu.
8 Also zogen sie durch Mysien und stiegen zum Meer hinab nach Troas.
9 In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat: »Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!«
10 Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte,
suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Mazedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden.

Paulus und Timotheus wollen gar nicht nach Mazedonien. Sie haben ganz andere Pläne. Aber die Routenänderung ist kein Zufall.
Es ist Gottes Geist, der sich einmischt und die beiden führt, wohin sie gar nicht wollen.
Es ist Gottes Geist, der die beiden daran hindert, ihrem eigenen Weg zu folgen.
Es ist die Mischung aus „menschlichem Plan und göttlichem Durchkreuzen“, aus dem „Geführt-Werden, wohin wir nicht wollen“ und „wohin zu kommen wir uns niemals geträumt hätten.“ Das macht diese Stelle so besonders. Auch weil alles so beiläufig, so undramatisch geschieht, dass es fast untergeht: Das Mitlaufen Gottes. (C. Stäblein, GPM I/1, Göttingen 2018, S. 137).

Ich habe meiner Kirche nie den Rücken gekehrt, auch weil ich durch diesen einen Pfarrer das Gefühl bekommen habe, dass ich dazugehöre und der Glaube ein schützendes Schiff ist auf dem großen weiten Meer meines Lebens. Ich war und bin Willkommen hier. Das war eine mächtige Zusage und ist immer noch ein großartiges Gefühl.
Aber das ist wohl die Ausnahme. Viele der anderen Mitfahrer von damals sind nicht mehr an Bord. Haben das Schiff längst verlassen. Sie konnten in der Kirche und im Glauben nicht andocken. Als wir vor drei Jahren silberne Konfirmation gefeiert haben, waren wir nur noch acht von insgesamt über 50. Die Kirche hat nicht mehr zu den Anderen gepasst. Gehört nicht mehr zu ihrem Leben. Vielleicht war kein Raum für sie da oder niemand hat nach ihnen gefragt.
Als Paulus und Timotheus Gottes wenig raffiniert vorgebrachtem Vorschlag folgen und doch nach Mazedonien ziehen, fragen sie sich zuerst, wo sich die Menschen treffen und gehen dann dorthin, wo die Menschen sind. Und dort reden sie mit ihnen – nicht über sie. Nebenbei beginnt so, mit einem Gespräch auf Augenhöhe, die Christianisierung Europas. Ganz beiläufig an einem Fluss.

Das Leben hält sich nicht an Planungen, das wusste schon Bertolt Brecht: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan. Gehn‘ tun sie beide nicht.“
(B. Brecht, Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens, Dreigroschenoper1928).
Das Leben hält sich nicht an Pläne. Nicht an die von Paulus und Timotheus und auch nicht an Michaels. Und ich bin dankbar dafür, denn sonst hätte ich diesen Pfarrer wohl nie kennenlernen dürfen. Ich bin dankbar für alle Erfahrungen, für die gemeinsame Zeit. Für die Leichtigkeit mit der er uns zugetraut hat, dass wir ein Schiff steuern können. Und ich bin dankbar für das Bild von Kirche, dass er uns angeboten hat.

Wenn ich mir heute eine Kirche wünschen dürfte, dann wäre sie so wie eine Sommerfreizeit auf einem Plattbodenschiff mitten im Ijsselmeer: Jeden zweiten Tag gibt’s Nudeln und abends an Deck singen wir mit Gitarrenbegleitung voller Inbrunst „Laudato si“ und etwas später etwas stiller „Sailing“.
Und dazwischen erzählen wir einander von unseren Hoffnungen, von unseren Träumen, von unseren Plänen. Und erst recht von unseren Ängsten und Sorgen.
Morgens kocht Michael dann Kaffee und weckt uns mit der Schiffsglocke. Wenn das Wetter gut ist, springen wir von der Reling ins Wasser und wenn es regnet, spielen wir Karten oder segeln weiter. Wir sind zusammen unterwegs und freuen uns auf neue Bekanntschaften, wenn wir abends in einen Hafen einlaufen.
Wir teilen unser Leben und heilige Momente. Wir machen eine Gotteserfahrung nach der anderen. Unsere Köpfe in den Wolken.
Und wir singen. Immer wieder „I am sailing“ und vertrauen darauf, dass es Gott ist, der hinter uns steht und das Ruder mit-führt.

So ist das, wenn Gott sich einmischt. Dann können Pläne scheitern. Das kann auch manchmal wehtun. „Aber das Leben geht weiter und manchmal sehr viel besser, als alle Planungen das zu hoffen wagten.“ (M. Josuttis, Wirklichkeiten der Kirche, Gütersloh 2003, S. 97-100).

AMEN.

(Die Predigt schließt mit dem Lied „Sailing“, EG+ 110, Beiheft zum EG für EKHN & EKKW, Kassel 2017)

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