Barmherzigkeit, Opfer und die Stimmen aus der Gemeinde

Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen mit Namen Matthäus am Zollhaus sitzen, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. Und es geschah, als er in dem Haus zu Tisch lag, und siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? Als aber er es hörte, sprach er: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das ist: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer.“ Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (Elberfelder)

 Jesus beruft einen Zöllner in seinen Jüngerkreis, ist dann zusammen mit Leuten von zweifelhaftem Ruf bei ihm zu Gast – und die Leute fangen an zu motzen.

Er hört sozusagen „Stimmen aus der Gemeinde“.

 

Das erste, was mir bei dieser Geschichte auffällt:

Jesus hatte keine Hemmungen, wenn es darum geht, sich Feinde zu machen.

Auf die Leute, die gemeckert haben – auf die hat er nicht gehört.

Er hatte kein Interesse daran, sich beliebt zu machen.

Sein einziges Interesse war:

Das Richtige zu tun.

 

Ich finde das richtig stark.

Denn bei uns ist das oft anders.

Wir lassen uns oft beeindrucken und beeinflussen von denen, die meckern und motzten und protestieren.

Und wir haben große Hemmungen, uns unbeliebt zu machen.

Ganz besonders bei denen, die Macht haben. Die einflussreich sind.

Wenn Leute lautstark protestieren – dann gehen wir oft auf Tauchstation oder geben nach und suchen den Weg des geringsten Widerstandes.

 

Jesus war da anders.

 

Jesus sieht auch anders.

 

Am Anfang unserer Erzählung heißt es:

Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen

 

Er sieht einen Menschen.

Einen Menschen mit Willen und Gefühlen, mit Träumen und Ängsten, mit Fähigkeiten und Grenzen, mit schlechtem Gewissen und Verwundungen, mit Vorsätzen und Kompromissen, mit guten Seiten und mit weniger guten Seiten.

 

Und dann sieht er, dass dieser Mensch am Zoll sitzt.

Einer, der der Versuchung nachgegeben hat.

Komm doch, ein sicherer Job, und du wirst dabei garantiert reich!

Ohne jedes Risiko!

Und die Leute, die dich moralisch kritisieren – die sind doch nur neidisch.

 

Und dann sieht er auch noch, dass dieser Mensch Matthäus heißt.

Das ist hebräisch und heißt auf Deutsch: Gabe Gottes.

 

Jesus sieht einen Menschen, eine Gabe Gottes, einen, der nach Gottes Ebenbild gemacht hat, der die Berufung hat, Gottes Kind zu sein, und der sich moralisch verheddert hat und etwas ziemlich übles macht.

Einen, der sich verheddert hat in einem Gestrüpp von Ehrgeiz und reich sein wollen und „der Zweck heiligt die Mittel“ und „wenn ich genug verdient habe, dann höre ich auf und mache alles anders“ und Sehnsucht nach geliebt werden und verstanden werden und anerkannt sein.

 

Die anderen sehen nur einen Zöllner.

Einen Halsabschneider.

Einen korrupten Verbrecher.

Abschaum.

Verachtenswert.

Einen, mit dem man nichts zu tun haben will.

 

Jesus sieht Menschen, die aus welchen Gründen auch immer als Prostituierte arbeiten.

Die anderen sehen Nutten.

Verkommene Subjekte, die man nicht als Nachbarn haben möchte.

 

Das mit dem unterschiedlichen Sehen, das ist oft so.

 

Die einen sehen Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind.

Verzweifelte Menschen.

Menschen in Not.

 

Die anderen sehen Flüchtlinge.

Asyltouristen.

Kostenfaktoren.

Potentielle Vergewaltiger.

 

Jesus hört nicht auf die Meckerer.

Jesus sieht anders als andere.

Und Jesus hatte auch keinerlei Berührungsängste.

 

Die mit dem meisten Dreck am Stecken, der letzte Abschaum.

Die jeder verachtet hat, zu denen jeder auf Distanz gegangen ist und sie nur mit der Beißzange angefasst hat – mit denen hat er ganz öffentlich und demonstrativ Freundschaft geschlossen.

 

Und als er dann dafür kritisiert und angegriffen wird, da verteidigt er sich nicht, sondern da geht er voll in den Gegenangriff.

Er sagt: Leute, Ihr habt das Wichtigste nicht begriffen.

Geht und lernt:

Gott sagt:

Ich will, dass ihr barmherzig seid; eure Opfer will ich nicht

 

Die Leute, zu denen er so gesprochen hat, das waren die Guten.

Das waren die Anständigen.

Das waren die Kirchgänger.

Das waren die, die sich Mühe gegeben haben, so zu leben, wie Gott es doch haben will.

Das waren Leute, die sich ihren Glauben etwas kosten haben lassen.

Eigentlich waren das Leute, ungefähr so wie wir.

 

Aber es waren Leute, die – so sagt Jesus – das Wichtigste nicht begriffen haben.

 

Und zwar sagt er:

Es gibt zwei Logiken, zwei Denkweisen, zwei Weisen, wie das Herz verdrahtet sein kann.

Die eine heißt Barmherzigkeit.

Und der andere heißt Opfer.

Opfer, das bedeutet Gebote und Religion.

 

Die Logik von Opfer geht so:

 

Da ist ein Gott, und der gibt Regeln.

Er gibt Gebote.

Und ich halte mich da dran, so gut es eben geht.

Ich gebe ihm etwas, ich opfere etwas für ihn, und er sorgt im Gegenzug dafür, dass es mir gut geht und dass meine Wünsche in Erfüllung gehen.

Und zweitens:

Ich gebe Gott etwas, und dann hat er zufrieden zu sein und hat mich ansonsten in Ruhe mein Ding machen lassen.

Das ist der Grundgedanke aller Religion.

Das sitzt tief in uns Menschen drin.

 

Oder habt ihr das noch nie gemacht?

Lieber Gott, gib mir dies und jenes, erfülle mir diesen Wunsch, und dann verspreche ich dir, ….

Und lieber Gott, ich lebe so und so und halte mich an diese und jene Regeln, also musst Du doch…

 

Das ist die Logik von Opfer. Das ist die Logik von Religion. Das ist die Logik von Gerechtigkeit.

In dieser Logik geht es übrigens immer zuerst um mich.

Um mein Wohlergehen. Um meine Wünsche. Um meine Familie.

Und Jesus sagt: Wer so denkt, der hat das Wichtigste noch nicht begriffen.

 

Gott bevorzugt die Logik von Barmherzigkeit.

Die Logik von Barmherzigkeit geht so:

Ich sehe einen anderen Menschen.

Ich sehe ihn zuerst als Menschen.

Und ich schaue auf das, was er erleidet.

Und ich mache ihm mein Herz weit auf.

Ich lasse mein Herz davon berühren.

 

Das Gegenteil von Barmherzigkeit ist: Hartherzigkeit.

Das Herz hart machen.

Und kalt.

Es Abschotten.

Es ist nicht meine Aufgabe, deine Probleme zu lösen.

Wir können nicht die Not der ganzen Welt lösen.

 

Und das erstaunliche ist:

 

Die Leute, die auf die Zöllner mit Verurteilung und Ablehnung und sozialer Ächtung reagiert haben – die haben nichts verändert.

 

Jesus, der auf die Zöllner zugegangen ist – der hat gewaltig was verändert.

 

Aus dem Zöllner Matthäus wurde der Jünger Matthäus. Der später aufgeschrieben hat, was er da wunderbares erlebt hat.

Aus dem Zöllner Zachäus wurde ein großzügiger und freigiebiger Spender. Einer, der den Schaden, den er angerichtet hat, wieder gut machen wollte.

 

Barmherzigkeit hat die Macht, Menschen positiv zu verändern.

Gerechtigkeit hat eher verhärtende und verschlimmernde Wirkung.

 

Aber das wirklich verrückte an dieser Geschichte ist:

 

Jesus kommt bevorzugt zu Sündern, nicht zu den Gerechten.

Wer kein Sünder sein will, der hält sich so Jesus vom Leib.

 

Je mehr wir uns für anständige Menschen halten, je mehr wir uns für gute Christen halten, für Menschen, über die sich Gott doch richtig freuen sollte und die lange darüber nachdenken müssen, bevor ihnen etwas einfallt, was sie vielleicht an sich ändern sollten – je mehr wir so sind – desto weiter weg von Jesus sind wir.

 

Und umgekehrt: Je mehr wir uns dessen bewusst sind, wie unvollkommen, wie egoistisch, wie lieblos, wie träge wir sind, und wie wenig wir das von uns aus ändern können und darum Hilfe brauchen – je mehr uns das bewusst ist und wir darunter leiden – desto näher ist uns Jesus.

 

Und damit sind wir bei der spannendsten Frage angelangt:

Wo sind wir in dieser Geschichte?

 

Sind wir Gerechte, die tief in sich denken:

Also manchmal übertreibt es dieser Jesus schon mit seinem Barmherzigkeitsfimmel und mit seinem Nächstenliebegerede.

Wo kommen wir denn da hin?

 

Oder sind wir Starke, die in ihrem Herzen glauben:

Eigentlich brauche ich Gott nicht.

Ich komme auch so gut zurecht, und ich halte mich auch so gut es geht an seine Regeln.

Ich brauche ihn nur im Notfall.

 

Oder sind wir Kranke, die wissen: Ich brauche Gott. Ich komme alleine nicht zurecht. Wenn ich nicht meine Gummimaßstäbe anlege, sondern die Maßstäbe der Bergpredigt, dann bin ich ein ganz übler Kerl.

 

Wer sind wir?

 

Gerechte oder Sünder?

 

Oder sind wir mit bei den Ärzten?

Bei denen, die sich nicht nur um sich selber kümmern, sondern um andere, um Fremde, um Kranke, um Gescheiterte?

 

Was sehen wir?

 

Menschen oder Zöllner?

 

Fragen über Fragen.

 

Die Antwort geben wir wie immer selber mit unserem Leben.

 

(Die Beobachtung, dass Jesus zuerst einen Menschen sieht, verdanke ich Pfarrerin i.R. Dr. Christine Hubka, gefunden auf Predigtpreis.de)

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