Aufbruch aus dem „Wie immer“

Predigt über Apg 16, 6-15

Sexagesimae, Rhe I,      24.2.2019

 

 

Die Gnade Jesu Christi

Und die Liebe Gottes

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

Sei mit uns allen.

 

Liebe Gemeinde,

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, lautet ein Sprichwort.

Vielleicht haben Sie in den letzten Wochen auch einen Reiseprospekt in den Händen gehalten: Studienfahrt auf den Spuren des Paulus. Solche Reisen sind beliebt und führen gewöhnlich in die Türkei und nach Griechenland. Die Route könnte auf dem Abschnitt aus der Apg basieren, der unser heutiger Predigttext ist:

Paulus, Silas und Timotheus aber zogen durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asia.

7 Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.

8 Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.            Apg 16, 6-8.

 

Ein Reisebericht.

Paulus und seine Begleiter unternehmen allerdings keine Studien- oder gar Vergnügungsreise. Dann könnte man sagen: Na, die haben ja viel gesehen von der Gegend: Phrygien, Galatien, die römische Provinz Asien, dann Mysien. Gerne wären sie auch nach Bithymien an die Küste des Schwarzen Meeres gefahren, aber das ging dann nicht. Also weiter Richtung Mittelmeer durch Mysien in die Hafenstadt Troas.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: die Ortsnamen sind für mich Böhmische Dörfer. Als ich den biblischen Atlas aufschlage, liegt die türkische Halbinsel vor mir.

Also, als Rundreise durch die Türkei. Abwechslungsreich, aber auch anstrengend. Jede Nacht in einem andern Quartier.

Doch Paulus und seine Begleiter sind ja nicht auf einer Erholungsreise, sondern auf einer Missionsreise. Sie sind unterwegs, um „das Wort zu predigen“, wie Lukas schreibt.

Das Wort Gottes, das wie Schnee und Regen auf die Erde fällt, sie feuchtet und fruchtbar macht (Jes 55 10-12a).

Das Evangelium, das wie Saat auf einen Acker fällt und unterschiedlich aufgenommen wird, entweder ohne Auswirkungen bleibt oder auch viel Frucht bringt (Lk 8, 4-8).

„Das Wort zu predigen“ – das war Sinn und Zweck dieser Reise. Doch da bleiben sie erfolglos. Man könnte auch sagen: ihr bisheriges Konzept, mit dem sie bisher so gut gefahren waren, fruchtet nicht mehr. Sie haben keine Menschen für Jesus und das Evangelium gewinnen können. Sie haben keine Gemeinden gründen können.

Dieser Misserfolg wird von Lukas, dem Autor der Apg, nicht einfach beiseite gewischt mit einem „Pech gehabt“, wie ein verregneter Urlaubstag. Sondern Lukas interpretiert diese vergeblichen Versuche mit den Worten „es wurde vom Heiligen Geist verwehrt“ und „der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.“ (V 6b; 7b).

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“, kommt mir in den Sinn (Oder auch: Der Mensch dachte, Gott lachte).

Viele Kilometer mühsamer Reise liegen hinter Paulus und seinen Begleitern. Doch sie haben nichts erreicht. Vielleicht gab es hier und da ein paar interessierte Zuhörer. Doch die wandten sich bald wieder andern Themen zu. Reisebekanntschaften, nichts von Dauer.

Ich stelle mir vor, dass Paulus und seine Begleiter enttäuscht und entmutigt waren. Oder sagten sie: „Jetzt erst recht!“?

Wie lange kann man das aushalten, vergeblich sich zu bemühen?

 

Dann wird es Nacht in Troas.

Ruhe kehrt ein.

Hier fährt der Predigttext fort:

9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!

10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Apg 16, 9-10

 

In Kanada habe ich das Sprichwort kennen gelernt: „Wenn Gott eine Tür schließt, öffnet er ein Fenster.“

Alle Türen in Kleinasen waren verschlossen. Paulus und seine Begleiter haben vergeblich angeklopft. Der Boden war nicht bereit, das Wort Gottes aufzunehmen.

Nun diese nächtliche Erscheinung mit der Bitte, nach Mazedonien zu kommen.

Auf die Idee, nach Griechenland überzusetzen, waren Paulus und seine Begleiter offenbar nicht gekommen. Vielleicht hatten sie nach ihrer langen vergeblichen Reise ihre Füße im Wasser des Mittelmeeres gebadet. Doch das Wasser zu überqueren? In eine neue Landschaft aufzubrechen? Einen anderen Kontinent zu betreten? Das war ihnen offenbar nicht in den Sinn gekommen. Dieser Gedanke war offenbar zu fremd.

Genau dazu fordert die nächtliche Er-scheinung nun auf. Und Paulus ist sich gewiß, dass Gott selbst ihn nach Europa schickt.

Bislang hatte ihm Gott Wege verstellt. Nun eröffnet er eine neue Perspektive. Paulus nimmt Gottes Weisung wahr. In dieser Nacht ist er aufmerksam und empfänglich für Gottes Wort.

Sie brechen auf, nach Europa:

11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis

12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.

13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.      Apg 16, 11-13

 

Wieder Orte an der Ägäis, Handelsstädte, dann Philippi, eine römische Militärkolonie. Zum ersten Mal einige Tage Aufenthalt, auch ein Sabbat. Da es offenbar keine Synagoge in der Stadt gibt, gehen Paulus und seine Begleiter dorthin, wo üblicherweise ein jüdischer Gottesdienst stattfinden könnte: am Ufer des Flusses außerhalb der Stadt. So ist es auch. Allerdings mögen Paulus und seine Gefährten etwas enttäuscht gewesen sein: sie treffen einige Frauen dort.

„Wer geht denn bei Euch in die Kirche?“, höre ich manchmal. „Nur ein paar Frauen – und die Konfirmanden, die müssen ja.“.

Nur ein paar Frauen – das mag enttäuschend gewesen sein für Paulus. Keine Familienväter. Keine Honoratioren. Keine biblisch oder philosophisch Interessierten.

Hören wir nun den letzten Abschnitt unseres Predigttextes:

14 Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.

15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Apg 16, 14-15

 

Lydia ist eine dieser Frauen. Sie selbst stammt auch aus Asien. Ist es ihr schwer gefallen, nach Europa zu kommen, Neuland zu betreten und Fuß zu fassen?

Lydia stammt aus Thyatira, einer Stadt, die für Textilhandel und Purpurfärberei berühmt war. Dies ist auch Lydias Beruf. Sie ist eine „Gottesfürchtige“, also eine Frau, die mit dem Judentum sympathisiert, aber nicht übergetreten ist. Eine Frau am Rand, interessiert, aber abwartend.

Paulus „predigt das Wort“ an diesem Sabbat. Lydia hört zu. „Der Herr tat ihr das Herz auf“, heißt es.

Paulus hat das nicht bewirkt. Das Wort Gottes bleibt unverfügbar und frei. Doch da fällt es auf einen Grund, der es dankbar und begierig aufsaugt, fällt es auf einen Acker, der es willig und gerne aufnimmt.

Lydia hört genau zu. Das Wort fällt auf fruchtbaren Boden. Lydia lässt sich und ihre Familie taufen und alle, die mit ihr leben und arbeiten.

Dies ist die erste europäische Gemeinde. Der Beginn des christlichen Abendlandes – bei einer ausländischen Frau.

 

Ein schöner Bericht darüber, wie Gottes Wort zu Gehör kommt – oder auch nicht. Wie Gottes Wort wirkt – oder auch nicht.

Ein anschaulicher Bericht darüber, dass unsere Bemühungen vergeblich sind, wenn wir bei uns bleiben und unsern Konzepten, Aktivitäten, Zielen und Traditionen … und darüber nicht wahrnehmen, was Gott mit uns tun will.

Ich habe schon viele Gemeinden erlebt in meinen Ausbildungs- und Berufsjahren. Sie waren ganz verschieden. Doch in vielen habe ich diese Sätze – so oder so ähnlich – gehört. „Das machen wir wie immer. Das haben wir schon immer so gemacht. Das soll bleiben wie immer.“

Für jemanden, der oder die neu in eine Stadt oder eine Kirchengemeinde kommt, sind diese Aussagen unverständlich. Er oder sie weiß nicht, was „wie immer“ bedeutet. Wenn man nachfragt, erhält man oft unterschiedliche, manchmal auch widersprüchliche Antworten. Wann war „wie immer“?. Wie waren die Umstände im „wie immer“?

Und: Ist „wie immer“ Gottes Auftrag für uns?

 

„Wie immer“ ist der alte Kontinent, auf dem Paulus unterwegs war.

 

Wie mag der neue Kontinent aussehen, wenn wir uns tatsächlich dahin aufmachen? Was ist unsere Vision davon, wie in unserer Gemeinde, in unserm Stadtteil, in W. weitergehen könnte? Und was will Gott für unsere Gemeinde, in unsern Stadtteil, für W.?

 

Mit seinem „wie immer“ kam Paulus nicht weiter. Erst als er aufbrach – von Gott gerufen und von Gott geleitet – wendete sich das Blatt. Erst als er einen neuen Kontinent betrat, den er vorher nicht gesehen hatte, der ihm fremd war – da änderte es sich.

Nicht mit spektakulären Erfolgen. Aber mit einem Anfang in Philippi.

Der Weg beginnt immer mit dem ersten Schritt.

 

Ich denke, dass auch wir in dieser Gemeinde aufbrechen müssen. Aufbrechen, indem wir lauschen auf Gottes Wort. Dazu müssen wir erst einmal Ruhe einkehren lassen – wie Paulus zur Ruhe kam nach der hektischen Reise kreuz und quer durch Kleinasien.

„Wie immer“ – das geht nicht mehr. Wir müssen aufbrechen!

Wohin aufbrechen? – Das ist noch nicht deutlich. Da muß ich, da müssen wir genau achten auf das, was Gott uns sagt.

 

Ich vertraue darauf, dass Gott uns auf dem Weg leiten und bewahren wird.

 

Amen

 

Liedvorschlag:

EG 395 Vertraut den neuen Wegen

 

 

 

 

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