Gerechtigkeit und Weisheit bei Gott und den Menschen (oder: Herzlichen Glückwunsch!)

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.

Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.

Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

 

Liebe Gemeinde,

ein Mensch hat Geburtstag. Ich klingele an seiner Haustür, er macht auf und begrüßt mich. Ich wünschen ihm alles Gute, Gottes Segen und was man halt so wünscht und überreiche mein Geschenk. Er bedankt sich und bittet mich herein zu seinen übrigen Gästen. Bald schon sind wir ins Gespräch vertieft. Es geht um den Jubilar und Erlebnisse mit ihm, Dinge aus der Vergangenheit. Wir amüsieren uns prächtig.

Immer wieder klingelt es und neue Gäste kommen. Ich beobachte, wie sie gratulieren und was sie sagen. „Gesundheit ist das wichtigste“, sagt eine ältere Frau. Ein anderer wünscht „dass alles so wird, wie du es willst.“ Und wieder ein anderer: „Noch viele schöne Jahre – bis du hundert wirst.“

Ich werde nachdenklich: „Bis ich hundert werde“ – also ich zumindest will keine hundert Jahre alt werden. Aber was will ich eigentlich, was wollen wir? Oder anders gefragt: Was macht ein gutes Leben aus?

Natürlich gehört all das dazu: Gesundheit, dass die eigenen Wünsche erfüllt werden, vielleicht Zufriedenheit … Zugleich frage ich mich, was mit den Menschen ist, deren Gesundheit eben nicht gut ist? Die unter einer Behinderung leiden oder Demenz, deren Leben in unseren Augen eben nicht perfekt ist? Was ist mit denen? Ist ihr Leben verfehlt?

Was macht gutes Leben aus? Ich finde es bezeichnend, dass wir nur unser Leben jetzt betrachten. Der Prediger Salomos zeigt uns eine andere Sicht auf den Sinn des Lebens auf: Er spricht von Weisheit und von Gerechtigkeit.

Unter Weisheit versteht er nicht einen klugen Menschen. Ihm geht es nicht um Schlauheit, Genialität. Denn da wären schon wieder 80 bis 90 % unserer Weltbevölkerung außen vor, Sie und mich eingeschlossen!

Nein, der Prediger spricht von Weisheit als Gottes Weisheit. Also dass ich Gott erkenne, spüre, in meinem Herzen trage, mich von ihm anrühren lasse. Da merke ich bei Besuchen z.B. im örtlichen Pflegeheim oder einer anderen Behinderteneinrichtung, dass da ganz viel Weisheit vorhanden ist. Oft kann ich mir an dieser Weisheit noch eine Scheibe abschneiden!

Das zweite, wovon der Prediger spricht, ist die Gerechtigkeit. Auch hier müssen wir wieder zwischen Gerechtigkeit und Gerechtigkeit unterscheiden. So heißt es: „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit!“ Zunächst erschreckt mich der Gedanke, denn ich will doch vor Gott gerecht dastehen, oder? Doch dann verstehe ich: Nicht ich mache mich gerecht, sondern Gott macht mich gerecht. Hier warnt einer vor unserer menschlichen Selbstgerechtigkeit.

Wir alle kennen Menschen, die von sich sagen: „Jawoll, ich bin super, ich bin gut!“ Sie sind dermaßen von sich selbst überzeugt, dass sie keine Hilfe mehr zu brauchen scheinen. Das sind die Gerechten, die an ihrer Selbstgerechtigkeit kaputtgehen. Die beim jüngsten Gericht plötzlich merken: Ich habe es ja doch nicht geschafft!

Ebenso verhält es sich mit der Weisheit. Was nützt es mir, wenn ich klug bin, wenn ich mein Studium mit summa cum laude abschließe, wenn ich Professorentitel trage und alle meine Gedanken hören wollen? Vor Gott nutzt mir diese Weisheit nichts. Das Beispiel haben wir in der Lesung gehört:

Da sucht ein Herr Menschen, die in seinem Weinberg arbeiten. Er stellt sie ein, zu Beginn des Tages, nach einigen Stunden und selbst noch eine Stunde vor Arbeitsende. Und er verspricht ihnen, ihnen einen gerechten Lohn zu geben.

Gerechter Lohn, da würden wir sagen: Der den ganzen Tag gearbeitet hat bekommt die volle Summe, die anderen nur eine Teilsumme je nach dem Zeitraum ihrer Arbeit. Also bekommt der, der nur eine Stunde gearbeitet hat, auch nur eine geringe Summe. Das finden wir gerecht. Das ist menschliche Gerechtigkeit. Und wir regen uns fürchterlich auf, wenn diese menschliche Gerechtigkeit durchbrochen wird. Wie in der Geschichte. Denn der Herr zahlt nicht den der Länge der Arbeit angemessenen Lohn, sondern er zahlt allen gleich.

„Wie ungerecht“, schreien wir. Doch ist das wirklich ungerecht? Der Herr enthält ja keinem seinen Lohn vor. Vielmehr gibt er denen, die nur kurz gearbeitet haben, mehr als sie eigentlich verdienen. Er schenkt ihnen etwas.

Liebe Gemeinde, ungerecht ist es eigentlich nicht. Aber wir empfinden es als ungerecht, weil wir menschliche Maßstäbe anlegen. Bei Gott gilt aber eine andere Gerechtigkeit, eine andere Weisheit. Darüber bin ich froh. Denn wohin die menschliche Gerechtigkeit und die menschliche Weisheit führen, sehen wir ja in unserer Welt, in der es keineswegs gerecht zugeht.

Der Herr in der Geschichte ist Gott, die Arbeiter in seinem Weinberg wir Menschen. Wir kommen unterschiedlich zum Glauben, der eine früher, der andere später. Muss nicht der bestraft werden, der sich erst später bekehrt? Eigentlich schon, aber Gott sieht das anders. Er sagt: „Ich verzichte auf die Strafe, auf die Genugtuung. Ich nehme den Menschen bei mir auf – aus Barmherzigkeit und Gnade!“

Deutlich wird das noch in einer anderen Geschichte, wie Gott „tickt“: Bei der Berufung des Matthäus durch Jesus. Jesus ist wieder einmal unterwegs und trifft auf einen Zöllner. Zöllner waren damals verhasst, denn sie arbeiteten erstens für die Römer, zweitens zogen sie Steuern ein und drittens auch noch mehr, als ihnen zukommt. Mit Zöllnern hat ein gerechter Mensch damals nichts zu tun! – Übrigens, merken Sie: „Ein gerechter Mensch“, sagte ich gerade – welche Gerechtigkeit war das doch gleich?

Jesus jedenfalls sagt zu diesem Zöllner Matthäus: „Folge mir nach!“ Jesus sieht nicht darauf, was Matthäus alles falsch gemacht hat. Jesus klammert sich nicht an menschliche Gerechtigkeit. Jesus schreckt nicht vor Sündern zurück. Denn dann müsste er vor uns allen zurückschrecken! Nein, er sieht den anderen liebevoll und freundlich an.

Gerechter Lohn für unser Leben wäre wohl, dass Gott uns nicht einmal mehr ansieht. Doch seine Gnade ruft uns in sein Reich.

Und was sage ich nun zu dem Geburtstagsjubilar? „Herzlichen Glückwunsch und viel Gesundheit?“ Ja, das kann ich ruhig wünschen. Doch viel wichtiger ist Gottes Segen. Denn erst mit ihm bekommen wir Weisheit und Gerechtigkeit, und zwar Gottes Weisheit und Gerechtigkeit. Herzlichen Glückwunsch.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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