Gerdas Brief

Liebe Gemeinde,

an ihrem Lebensabend schaut eine Frau, ich nenne sie einmal Gerda, schaut Gerda auf ihr Leben zurück. Sie hat einen Stift in der Hand, ein weißes Blatt Papier liegt vor ihr. Etwas aufschreiben, denn sie schreibt gern Briefe, aber nun will sie etwas aufschreiben, etwas festhalten für ihre Söhne, danach steht ihr der Sinn. Irgendetwas geht in ihr vor in den letzten Monaten seit sie diesen Namen vor sich gesehen hat.

Wie können ein paar Buchstaben das wohl geordnete Leben so durcheinander bringen. Kleine Buchstaben wie ein Virus. Irgendetwas verändert sie wie der Ausbruch einer nahenden Grippe. Gerda spürt es deutlich. Ein merkwürdiges, verstörendes Gefühl steigt in ihr auf. Ein inneres Durcheinander verwirrt ihre sonst so klaren Gedanken. Und Verwirrtheit im Alter ist nicht gut.

Wenn es nur die Gedanken wären, nein, die ganze Ordnung in ihrer Wohnung, das Rezept für das Mittagessen, die Telefonnummer. Und ihr Mann schaut sie immer öfter besorgt an. Wie soll sie es ihm erklären, er kann sich da nicht hineinversetzen, wenn man kurz vor der Rente erfährt, dass man adoptiert wurde, dass die Mutter eine ganz andere ist. Seitdem ist es ihr, als ob eine fremde Hand sie kräftig durchgeschüttelt hätte.

Manchmal kann sie es immer noch nicht fassen. Gerdas Blick fällt durch das Fenster ihrer kleinen Wohnung in den Garten. Was hat sie alles gesehen, die ganze Welt, China und Nordamerika, Russland und Afrika. Viele so unterschiedliche Kulturen hat sie dort kennen gelernt. Sie war immer weltoffen und neugierig auf die Menschen dort.

Merkwürdig, wie sie schon immer eine große Verbundenheit empfunden hat, wie sie besonders die Kulturen bewundert hat, in denen die Familien an erster Stelle stehen, an denen der Respekt vor den Eltern und den Großeltern, ja, der ganzen Ahnenreihe so tief in den Menschen sitzt wie Eingeweide. Nur hat sie dieses Gefühl nicht auf sich selbst bezogen. Etwas verstörendes war schon immer tief in ihr lebendig und brach manchmal aus ihr heraus.

Sie denkt nach, erinnert sich: Ich bin der HERR, dein Gott, ich bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern ….“ Was soll sie ihren Söhnen schreiben?

Sie beginnt: „Ich habe immer das Beste für Euch gewollt. Ich habe Euch beide immer gerecht behandelt ….“ Gerda stockt. Sie kommt nicht weiter. Eine Ahnung hatte sie schon immer, dass es an ihr läge, keine Enkel zu bekommen, dass sie aus irgendeinem Grund den Jungs keine richtige Mutter sein konnte. In ihr dreht sich alles.

Und plötzlich überwältigt es sie. Ihr Seelenblick fällt auf sie: Was mag ihre richtige Mutter empfunden haben? Schmerz und Kummer über die Weggabe eines Kindes? Warum hat sie es getan? Oder wurde ihr das Kind weggenommen, es waren bittere Zeiten in den 30er Jahren. Diese gottlose Ungerechtigkeit!

Tränen, seltene Tränen laufen über ihr Gesicht. Ist es nicht ungerecht, dass ihre Eltern, nein, ihre Adoptiveltern, ihr nie die Wahrheit erzählt haben? Ja, sie haben alles, wirklich alles erdenkliche für Gerda getan. Sie war immer so dankbar für ihr gutes Elternhaus. Es ging ihr wirklich besser als anderen. So dachte sie immer.

Aber dass sie fast ein ganzes Leben lang mit einer Lüge herum laufen musste, dass ihre Adoptiveltern nicht ehrlich waren, das verstört sie jetzt, das lässt ihre ganze Kindheit und Jugend in einem anderem Licht, nein Licht ist das falsche Wort, wie in einem Nebel erscheinen. Das schreit zum Himmel, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das ist wie sterben vor dem Tod!

Gerdas Blick fällt wieder durch das Fenster in den Garten. Ihr Mann wird gleich zurück kommen. Sie zerreißt das erste Blatt Papier, legt sich ein neues weißes Blatt zurecht, denkt an die vielen Länder und Menschen, die sie auf ihren Reisen kennen gelernt hat, sieht innerlich auf ihre beiden Söhne und beginnt von neuem zu schreiben:

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“

Ja, das gefällt ihr. Sie schreibt weiter, will nicht hadern mit ihrem Schicksal. Ganz mütterlich will sie ihren Söhnen von ihrem Gottvertrauen erzählen. Weiter schreibt sie: „Übertreibt es nicht mit irgendeiner Form von Frömmigkeit, lebt sie vor allem in Euren Herzen. Habt Ehrfurcht vor Gott, der alles Leben erschafft, vor dem Gott, den wir Christen Vater nennen …“

Wieder geht ihr Blick zurück. Sie kennt den Namen ihres Vaters nicht. Das Krankenhaus hatte nur den Namen der Mutter in den Unterlagen. Plötzlich muss sie schmunzeln, ohne einen Vater gäbe es mich nicht. Aber meine Mutter, meine Eltern haben mir mein Leben geschenkt.

Mein Gott, denkt sie, ich habe auf jeden Fall einen Vater. Gott sei Dank! Mehr brauche ich gar nicht zu wissen, dann sieht Gerda noch einmal auf die Zeilen, die sie geschrieben hat: „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“

Liebe Gemeinde,

manche Menschen, denen etwas ähnliches geschehen ist wie Gerda, schaffen es nicht mehr, mit diesen verstörenden Gefühlen nach erschütternden Erfahrungen umzugehen. Es verwirrt sie zunehmend mehr wie eine über sie gekommene fremde Macht. Das Durcheinander in ihrer verletzten Seele überwältigt sie immer mehr, lässt sie manchmal tüdelig erscheinen. Oder sie wollen am liebsten vergessen, was sie so schmerzhaft erleben mussten. Denn dann geht es ihnen scheinbar besser.

Damit Du nicht stirbst vor deiner Zeit …“, ich sehe Angehörige vor mir, die mit einer Demenz des Partners oder eines Elternteils umgehen lernen müssen. Sie sagen manchmal, er habe sich so verändert. Er oder sie ist nicht mehr der Mensch, den wir kannten, der uns liebte, der uns so viel gab, sie ist nicht mehr. Er oder sie seien gestorben.

Solche Lebenserfahrungen gab es zu allen Zeiten. Und was ich Gerda habe aufschreiben lassen, ist in Wirklichkeit unser heutiger Predigttext aus dem Buch des Predigers Salomo.

Nach dem bekannteren Text „Alles hat seine Zeit,“ aus dem 3. Kapitel des Predigers Salomo, auch Kohelet genannt, stammt dieser Text aus dem 7. Kapitel. Die neue Perikopenordnung der Predigttexte hat uns um neue biblische Predigttexte bereichert. Bislang war das Buch Kohelet nur einmal in den sechs Jahren der Perikopenfolgen mit dem „Alles-hat-seine-Zeit-Text“ vertreten.

Heute haben wir unter der Überschrift in der LutherbibelVon der wahren Weisheit“ diese vier Verse gehört, die mir so gut gefallen, dass ich sie in eine wirkliche Lebensgeschichte als Anfang eines Briefes an die Nachkommen wie eine zeitlose Lebensweisheit hinein gestellt habe.

Warum habe ich nun gerade Gerda ausgewählt und ihre Geschichte erzählt? Gerda ist eine Frau, eine gebildete, eine welterfahrene, aber eben eine verletzte Frau. Und die Weisheit ist – nicht nur biblisch gesehen – weiblich. Sie wird oft mit der weiblichen Seite Gottes gleichgesetzt.

Diese weibliche, weise Seite Gottes führt mich auf den Weg Christi. Wenn wir in Christus unseren Gott als weise und eben auch als verletzlich kennen lernen, dann erscheinen diese Worte aus dem 7. Kapitel des Predigers Salomo wie ein weiser Hinweis auf Jesus Christus.

Auch Jesus hat in seinen Predigten vor dem übertriebenen Frommsein gewarnt, vor den vielen Worten derjenigen, die viel plappern statt zu dem Vater zu beten, der in das Verborgene sieht.

Sei nicht zu gerecht und nicht zu gottlos.“. Solche Worte, die wie ein Mittelweg klingen, sind bei den Menschen, die Jesu Predigten ernst genommen haben, gewiss gut angekommen:
– bei dem Zöllner im Tempel, der auf sich, statt auf die Anderen schaut,
– bei den Außenseitern der Gesellschaft, zu denen sich Jesus an den Tisch setzt oder
– bei denen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.

Die Weisheit in unserem 7. Kapitel sagt wie auf den Punkt gebracht: „Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Die Weisheit lehrt uns wie Jesus Christus, dass wir in Ehrfurcht, in Respekt, in Verantwortungsbewusstsein vor Gott und den Menschen in unsere Seele schauen sollen. Und am Ende eines Menschenlebens, wenn wir wie Gerda auf das Leben zurück schauen, alle unsere Verletzungen in der Seele seinen heilenden Händen anvertrauen, dann bleibt das eine wie ein Atemzug: „Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Amen

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