Vertrauen wagen (Markus 4, 35-41)

Das Flugzeug war startklar. Es hatte seine Parkposition verlassen, in der Kabine war erwartungsvolle Vorfreude zu spüren. Es waren wohl mehr Urlauber als Geschäftsreisende an Bord. Aber bald stoppte der Flieger auf dem Weg zur Startbahn, stand eine Weile still, bis der Pilot den Passagieren mitteilte, dass sie wegen eines technischen Problems zur Parkposition zurückkehren würden. Unsicherheit machte sich breit, ob dieser Flieger am Ende sicher sein und ob es wohl lange dauern wird, bis die Maschine doch noch abhebt. Einer in meiner Nähe blieb ganz entspannt. Gleich nach dem Einstieg, hatte er es sich in seinem Sitz bequem gemacht, sich ein wenig in sich hineinverdreht und …. schlief, verschlief die ganze Aufregung und wirkte dabei im besten Sinne völlig tiefenentspannt und gelassen. Vielleicht hatte er ausreichend Flugroutine, um sich durch so etwas nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Vielleicht war die Nacht wegen des frühen Fluges auch einfach nur ausgesprochen kurz ausgefallen oder er hatte bis in die Morgenstunden Abschied gefeiert und war nun todmüde. Vielleicht hatte ihn die Arbeit der letzten Wochen bis an den Rand der Erschöpfung gebracht, so dass der Körper sich den Schlaf holen musste, den er brauchte, vielleicht…. Es war nicht sehr bequem auf seinem Mittelplatz, aber wenn es sein muss können manche überall schlafen und sind nicht aus der Ruhe zu bringen. Es  ist nicht abwegig daran zu denken, wenn Markus in seinem Evangelium von einem schlafenden Jesus erzählt, während das Boot von den Menschen weg ans andere Ufer fährt? Jesus hatte sicher nicht durchgefeiert, aber sich die ganze Zeit auf Menschen, die ihn bedrängten, an seinen Lippen hingen, auf ein Wort, ein Blick, eine Geste warteten, eingelassen. Das ist Arbeit, harte, dabei aber gute und wohltuende Arbeit, die an den Rand der Erschöpfung führen kann: Pflegekräfte, Therapeuten, Sozialarbeiter, Ärzte, auch Pfarrerinnen und Pfarrer, alle in helfenden Berufen oder alle, die bereit sind, aufmerksam für andere da zu sein. Wer sich keine Ruhe gönnt, keine Ruhe gegönnt bekommt, ist bald am Ende und keine Hilfe mehr, kann sich selbst irgendwann nicht mehr aufrecht halten und helfen. Wohl dem, der tiefenentspannt neue Kräfte sammeln oder sich am Ende eines arbeitsreichen Lebens zufrieden und gelassen zur Ruhe setzen kann, weil er seine Arbeit getan hat.

Andere Passagiere wurden unruhig, hektisch. Sie machten sich Sorgen wegen ihrer Pläne. Sie hatten alles anscheinend genau vorausgeplant. Der frühe Flug am Morgen brachte einen ganzen Urlaubstag Gewinn und der schien nun gefährdet. Unvorhergesehenes war in ihrem Leben anscheinend nicht eingeplant. Und sie konnten keinen wirklich dafür verantwortlich machen. Höhere Gewalt, so heißt es in den Versicherungsbestimmungen schließt Ansprüche aus. Und unvorhergesehene technische Probleme, die Sicherheit der Passagiere, das Wetter, das ich nicht beeinflussen kann, als das ist höhere Gewalt, oder? Aber wer mag sich schon gerne das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen. Wer alles gerne im Blick und im Griff hat, der reagiert ohnmächtig und verärgert auf Augenblicke der Hilflosigkeit. Was machen wir mit den Ereignissen, Schicksalsschlägen, Herausforderungen, die nicht eingeplant sind? Ich kann schimpfen, ich kann trotzig reagieren, ich kann mich verärgert verkriechen, ich kann meine Wut auf andere projizieren und Vorwürfe machen, ich kann Gott den ganzen Schrott meines Lebens vorwerfen und ihm mein Recht auf Glück, Zufriedenheit und Erfüllung meiner Wünsche vorhalten oder aber lernen gelassen die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, auch nicht durch Vorwürfe oder Aggression, weil das Leben nun einmal kein Wunschkonzert ist und unverhofft bekanntermaßen oft kommt. Mit all diesen Reaktionen und menschlichen Verhaltensweisen ist Jesus auch bei seinen Jüngern immer wieder konfrontiert. Ob sie auch zur Ermüdung beigetragen haben, ihn bis in den Schlaf verfolgen?

Ich spüre im Flugzeug aber auch Unsicherheit. Gut, wenn technische Probleme noch am Boden bemerkt werden. Wer aber garantiert, dass sie wirklich behoben sind, wenn die Maschine vom Boden abgehoben hat und alle sich ganz in den Händen des Flugzeuges und seiner Besatzung, dem einwandfreien Funktionieren aller Systeme und dem Reaktionsvermögen der Crew ausgesetzt sind? Ich bin nicht gerne von anderen abhängig. Mir und meinen Fertigkeiten meine ich im Alltag eher trauen zu können. Was andere tun oder lassen, entscheiden oder falsch machen, kann ich nicht beeinflussen. 

Angst habe ich nicht wirklich wahrgenommen, aber es ist nicht weit von der Unsicherheit bis zur Angst. Da hilft es mir wenig, wenn Forscher mir erklären, wie überlebensnotwendig Angst ist, vielleicht sogar die wichtigste Emotion, die wir kennen, weil sie uns vorsichtig, aufmerksam und hellwach macht, wenn es darauf ankommt. Angst kann auch krank machen. Mit einem Rainer Maria Fassbinder Filmtitel gesprochen: Angst essen Seele auf.

Angst kann die Seele zerstören, kann krank machen, kann Lebensmut rauben und töten…

Wer einmal Todesangst erlebt hat, bis ins Mark erschrocken oder erschüttert wurde, hat vielleicht eine Ahnung davon. Das ist etwas anderes, als meine kindliche Angst vor dem dunklen Keller, in dem mir nie etwas passiert ist, trotz meiner Furcht.

Der Sturm auf dem See, dem sich Jesu Jünger ausgeliefert gegenüber sehen, ist eine Erschütterung bis ins Mark, ist eine Grenzerfahrung, wo man dem Tod ins Angesicht zu schauen meint. „Ich hatte schon abgeschlossen mit meinem Leben“ haben Überlebende gesagt und berichtet, wie Bilder ihres Lebens an ihnen vorbeigezogen sind. Andere, denen kein guter Ausgang vergönnt war, haben vielleicht noch eine letzte Nachricht an ihre Angehörigen abgesetzt, wenn die Zeit und Gelegenheit geblieben ist. In alter Zeit war der unvorbereitete Tod der eigentlich Schrecken, wenn  keine Zeit mehr blieb mit allen und allem ins Reine zu kommen, aus dem Leben zur Unzeit gerissen. Was haben wohl die Jünger gedacht, sich zugerufen, haben während sie mit dem Boot und dem Sturm und dem See kämpfen?

Im Flugzeug hinter mir wird diskutiert, nicht über die Sicherheit des Flugzeuges. Den Vorschriften und Sicherheitskontrollen scheinen diese Fluggäste zu vertrauen. Sie diskutieren über die große Politik. Die Klimaveränderung, die Kündigung des Atomwaffensperrvertrages, den Bürgerkrieg in Syrien, den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern, den Vormarsch der Populisten in vielen Ländern und ihren zunehmenden Einfluss auf das Tagesgeschehen. Bis einer sagt: „Das sind stürmische Zeiten, in denen wir leben. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch einmal soweit kommt. Ob meine Kinder auch noch in Frieden, Wohlstand und Sicherheit älter und alt werden können?“

Stürmische Zeiten… bisher kannte ich noch keine wirklich Zukunftsangst, aber heute macht mich vieles unsicher. Was wird aus unsrem Land nach den vielen Wahlen im Frühjahr und im Herbst? Bleibt es bunt, vielfältig, tolerant und menschlich? Werden Menschen in ihren Nöten Hilfe und Zuwendung erfahren, gibt es Menschen, die für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eintreten und etwas riskieren?

Da höre ich laut eine verzweifelte Stimme aus dem Evangelium, sie könnte auch unserer Mitte kommen, war glücklicherweise nicht im Flugzeug zu hören: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Irgendwie könnte das unser Lebensgefühl sein!

oder: Ist Gott längst verstummt,  bei soviel Leid, Gewalt und Not? Manchen ist das ja die eigentliche Gottesfrage: wo bist du, Gott, hast du uns vergessen, aufgegeben oder haben wir das alles nur erträumt und eingebildet in Zeiten, in denen es gut ging und es leichter war an einen guten Gott zu glauben? Die verzweifelte Stimme darf nicht zum Schweigen gebracht werden. Vielleicht ist sie das entscheidende Moment, der Kristallisationspunkt im Evangelium. Es ist der Schrei, der Jesus weckt, der ihn zur Tat ruft und ihn zu Gegenfrage provoziert, die wir dann aber auch aushalten und als Frage an unser Leben mit in den Alltag nehmen müssen.

Wenn wir von dieser Stunde heute morgen alles vergessen, diese Frage an uns sollte im Gedächtnis und im Herzen bleiben, weil so vieles, gar alles von ihr abhängt: habt ihr noch keinen Glauben, kein Vertrauen? Wagt ihr es noch nicht, euer Leben einfach in Gottes Hand zu legen und euch geschehen zu lassen, was Gott will.

Leere Hände kann er füllen. Wenn ihr euer Leben allein in der Hand halten und bewahren wollt, dann kann er euch aber nicht an die Hand nehmen, weil die Hände nicht frei sind.

Gelassenheit und Vertrauen liegen ganz nah beieinander.

Vertrauen schenkt eine ungeheure Gelassenheit.

Und Gelassenheit macht mich offen für Gottes Gegenwart, die mich birgt, trägt und ans Ziel bringt.

Die Maschine ist schließlich mit zwei Stunden Verspätung gestartet und sicher in der ewigen Stadt Rom gelandet.

Die Frage Jesu geht mir nach und je öfter ich sie wiederhole, desto mehr verstehe ich sie als Einladung: habt ihr noch keinen Glauben, kein Vertrauen? Mein Leben ist doch in Gottes Hand. Ich kann sicher ruhen, schlafen, meine Sorgen loslassen, den Stürmen standhalten, um am Ende in Gottes Gegenwart zu bleiben. Gott sei Dank!

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