Respekt

Wieviel Respekt habe ich in meinem Alltag, Respekt vor Menschen, die immerhin Gottes Geschöpf sind, Respekt vor dem Heiligen? 

Wenn ich eine Moschee besuche, gebietet es mein Respekt vor dem Glauben Anderer, die Schuhe auszuziehen. Wenn ich eine Kirche betrete, wie verhalte ich mich. Vielleicht muss ich ja mal damit anfangen, mich selber zu kontrollieren. Wem gelten meine Gedanken? Mir selber? Dem Gebet? Der Begegnung mit Gott? Den Menschen, die ich hier treffen kann? Dem schönen Bauwerk, das ich genieße?

Sicher hängt das Alles auch irgendwie zusammen. Ich muss nur selber wissen, was ich warum tue.

Darum geht es auch in einer Geschichte im Alten Testament. Wir treffen Mose, der aus Ägypten geflohen ist in seiner neuen Familie. Mose musste fliehen vor dem Pharao, an dessen Hof er aufgewachsen ist. er geht in die Wüste, sucht sich eine Frau hütet Schafe, versucht frei und unabhängig zu leben. Bis Gott ihm in seinem Alltag begegnet:

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. 2 Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 3 Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. 4 Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! 6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. 7 Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. 8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt. 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst. 13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? 14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. 15 Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Herr, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

Die spontane Gewalttat des Mose brachte keinen Segen. Den Diener des Diktators zu erschlagen, daraus konnte keine wirkliche Befreiung erwachsen, weder für ihn persönlich, noch für sein Volk. Er musste fliehen. 

Außerhalb des Landes der Verheißung und getrennt von den Seinen, abgeschnitten von allem, was ihm wertvoll und heilig war, lebte er wohl auch ohne Besitz. Er gewinnt eine Frau, findet Familie, aber die Herde, die er hütet, gehörte dem Schwiegervater. Kein Traumleben. Eine Wüstenexistenz

Und gerade dort begegnet ihm Gott. Das erleben wir öfter in der Bibel und in der Geschichte des Glaubens, dass Gott Menschen begegnet in der Wüste oder in den Wüsten ihres Lebens. Gerade dort, wo sie sich von Gott verlassen fühlen, begegnet Gott ihnen. Außerhalb aller heiligen Räume und Orte.

Hier kommt er in einem Dornbusch, der brennt, ohne zu verbrennen. Er begegnet Mose nicht in einer Eiche oder einem ähnlich imposanten Gewächs. Im Gestrüpp erscheint Gott und macht das Unscheinbare, das Unwichtige zu einem Heiligen Ort. Mose muss seine Schuhe ausziehen, um nahe treten zu können. Das Ausziehen der Schuhe ist ein Zeichen der Selbstentäußerung, in anderen Religionen üblich beim Betreten des Gotteshauses. Es ist ein symbolisches sich nackt machen vor Gott.

Der Ort, wo man den Gott der Bibel finden kann, kann auch mitten in der Wüste sein. Es ist auch kein Gebäude, nicht einmal ein Zelt. Es ist eine Stelle im Wüstensand. Es ist mitten im Alltag der Menschen, die zu ihm gehören. Es ist der Ort, an dem Gott den Menschen begegnen will und nicht unbedingt der Ort, an dem Menschen Gott begegnen wollen. Und Gott brennt an genau dieser Stelle dafür, dem Menschen zu begegnen. Und er wartet auf Menschen, die bereit sind, sich ihm zu nähern. 

Er begegnet Menschen in ihrem Alltag an ihrem Ort und er stellt sich vor als der, der schon dagewesen ist für Abraham Isaak und Jakob. Und er stellt sich vor als persönlicher Gott: ‚der Gott deines Vaters‘. So begegnet Mose seiner Kindheit wieder. Und so begegnet er seiner Berufung, findet sich wieder in der Tradition seines Volkes. So wird er bereit, sich in Gottes Dienst zu stellen, obwohl er noch überhaupt nicht weiß, was das für ihn und sein Volk bedeutet. Gott stellt sich vor als der, der für Menschen da ist, als der, der Freiheit will für Israel, der das Elend der Menschen ernst nimmt und sie befreien will.

Und Mose nimmt den Auftrag an. Er lässt sich in Dienst nehmen, weil er spürt, wie wichtig das werden kann für ihn und für die Menschen in seinem Volk, dem Volk Gottes. Der Ort verliert dann auch seine Heiligkeit. Wir wissen bis heute nicht, wo er ist. Er hatte seine Heiligkeit darin, dass Gott Mose begegnete. Und so sollten wir auch heute nicht heilige Orte suchen, sondern die Begegnung mit Gott. 

Mitten im Leben erscheint Gott bei Mose. Gott sucht selten die großen Auftritte. Im Alltag will er Menschen begegnen und ihnen weiterhelfen. Und er zeigt Mose einen neue Weg, wie er ohne Gewalt, aber mit Gottes Hilfe das Volk befreien kann. Der Weg wird hart, er muss zum Pharao gehen, in die Höhle des Löwen: Aber Gott geht mit ihm, steht hinter ihm, ist ihm Stärke und Halt. Gott will Freiheit für seine Geschöpfe und für seine Gemeinde. Er will Freiheit für sein Volk. Und er will Menschen, die seinen Willen tun, die ihm antworten.

Die Gabe, das Heilige zu erkennen und zu würdigen, ist vielen Menschen verlorengegangen. Wer neigt noch sein Haupt aus Respekt beim Abendmahl, bei der Taufe. Wer empfindet noch Ehrfurcht, wenn er eine Kirche betritt. Vielleicht sind auch die Formen der Respektbezeugung nicht so wichtig, wie dieses Hinhören, was will Gott von mir, was ist sein Wille in meinem Leben? Der Respekt vor Dingen ist zweitrangig. Der Respekt vor dem Gott, der mir begegnen, mich in den Dienst nehmen will, ist entscheidend. Ich muss Orte suchen, wo ich Gott begegnen kann – in meinem Alltag. Und ich will versuchen, herauszufinden: Worin besteht meine Berufung?

Ich bin nicht Mose, aber auch ich bin Gesandter Gottes und darum auch immer auf der Suche nach Gottes Willen in meinem Leben.

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