Unser Leben sei ein Fest – Widerrede gegen Paulus

Predigt über Römer 12, 9-16

  1. So n. Epiphanias, 20.1. 2019

 

Die Gnade Jesu Christi

Und die Liebe Gottes

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

Sei mit uns allen.

 

Lieber Paulus,

heute muß ich Dir schreiben, sonst platze ich. Gerade lese ich einen Abschnitt aus dem Brief, den Du an die Gemeinde in Rom geschrieben hast. Du kennst sie gar nicht und willst Dich ihnen vorstellen, weil Du dort einen Besuch planst.

Du legst ihnen Deine Theologie dar. In der Mitte steht bei Dir Jesus Christus. Elf Kapitel lang legst Du so Deine Gedanken dar. Und dann soll es praktisch werden: Das Leben als Gottesdienst, steht als Überschrift über Kapitel 12 Deines Briefes.

Gottesdienst – das ist für Dich nicht nur die eine Stunde am Sonntagmorgen, sondern die ganze Zeit dazwischen, jede Stunde unseres Lebens. Ganz praktisch.

Und dann schreibst Du

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht.

15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Römer 12, 9-16

 

Ehrlich, Paulus?

Ich habe gezählt: 21 Ermahnungen in sieben Versen. Jede richtig. Jede gut gemeint.

Und doch drücken sie mich nieder, jede ein Stückchen mehr.

21 Ermahnungen schreibst Du – zum Glück machen sie mich auch wütend. Denn das kenne ich ja: dass die Latte hoch gelegt wird und immer ein Stückchen höher, und wir darüber springen sollen. Es ist nie genug. Das Ziel läßt sich nie erreichen.

Es ist wie die Liste mit Aufgaben, die ich morgens oft in mein Heft schreibe. Diese Dinge will ich im Laufe des Tages erledigen. Und am Ende des Tages stehen immer noch welche da.

Das ist doch Mist, so zu leben!

Und wo bleibt die Mitte dessen, worum es Dir geht, Paulus – und mir auch: Jesus Christus?

Weißt Du was mich begeistert hat, als ich Jugendliche war? Ein Lied. Das überrascht hier niemanden, denn ich singe ja gerne und laut und viel.

Mich begeisterte damals das Lied „Unser Leben sei ein Fest.“ (EG 557) Der Text beschreibt, was Du wahrscheinlich auch meinst: „Jesu Geist in unserer Mitte“ – was ist das anderes als „Haßt das Böse, hängt dem Guten an“ oder „Segnet, die euch verfolgen“, wie Du in Deinen Ermahnungen schreibst?

„Jesu Werk in unseren Händen“, heißt es auch im Lied. Was ist das anderes als „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft“?

Und schließlich „Jesu Wort für unsere Wege“ – was ist das anderes als „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet“, wie Du schreibst?

Und doch ist es anders. Weil über allem Jesus steht und die Einladung zu seinem Fest, das auch unser Leben zum Fest werden lassen kann. Und weil in allem steht: Jesus geht mit. Ich muß mich nicht allein mühen. Ich habe ein Vorbild, Jesus. Ein Vorbild, das nicht nur vorangeht, wie ein Vorturner. Sonst hätte ich gleich wieder das Gefühl: Das schaff ich nie. Ich bin nicht so stark und so geduldig und so ausdauernd und so gelenkig.

Sondern Jesus ist ein Vorbild, das mitgeht. Das macht mir den Weg leichter.

Und letztlich: das Lied zeigt das Ziel dieses – manchmal mühsamen – Weges auf: Ein Fest, mit Jesus und mit allen, die unterwegs sind in seinem Geist, mit seinem Wort, auf seinem Weg.

Das fehlt mir bei dir, Paulus. Was du an die Gemeinde in Rom schreibst, ist ja nicht falsch. Aber wie du es schreibst, das kann ich schwer ertragen.

So, nun mache ich auch Schluß. Ich hoffe, Du nimmst mir nicht übel, daß ich so offen geschrieben habe. Ich denke, Du kannst es tragen.

Ach ja, kennst Du dieses Zitat? Vielleicht nicht … dann lernst Du es jetzt kennen. Ich finde, es drückt aus, worum es uns geht – mir und dir.

Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.
Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude.

Rabindranath Tagore (1861-1941)

Also, Paulus, bis zum nächsten Mal, wenn ich mich vielleicht wieder über etwas ärgere, was Du geschrieben hast.

Amen

Und der Friede Gottes, …

Als Predigtlied: Unser Leben sei ein Fest (z.B: EG Niedersachsen 557) oder Wichtig ist Liebe, Freitöne 171

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