Eure Liebe soll aufrichtig sein! zu Römer 12,9-16

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

wer von Ihnen und Euch hatte gute Vorsätze für das neue Jahr? Bitte melden!

Wer ist zufrieden, mit dem wie er oder sie sie bisher umgesetzt hat?

Wer ist unzufrieden?

 

Ich lese Römer 12,9-16

9 Eure Liebe soll aufrichtig sein.

Verabscheut das Böse

und haltet am Guten fest.

10 Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern.

Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung.

11 Lasst nicht nach in eurem Eifer.

Seid mit Begeisterung dabei

und dient dem Herrn.

12 Freut euch, dass ihr Hoffnung habt.

Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst.

Hört nicht auf zu beten.

13 Helft den Heiligen,

wenn sie in Not sind.

Macht euch die Gastfreundschaft zur Aufgabe.

14 Segnet auch die Menschen,

die euch verfolgen –

segnet sie

und verflucht sie nicht.

15 Freut euch mit den Fröhlichen.

Weint mit den Weinenden.

16 Seid alle miteinander auf Einigkeit aus.

Werdet nicht überheblich,

sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein.

Baut nicht auf eure eigene Klugheit.

 

Wir sehen hier ein Problem in dem, was Paulus im 12. Kapitel des Briefes an die Römer schreibt. Ich zähle 19 Aufforderungen an seine Adressaten. Und jetzt soll ich Ihnen zusätzlich zu dem, was Sie sich für Ihr Leben sowieso schon vorgenommen haben, noch weitere 19 Dinge, die Sie auch noch tun sollen, nahe bringen und das in 15 Minuten. Ich habe noch nicht mal eine Minute, um Sie davon zu überzeugen zum Beispiel die Gastfreundschaft zu Ihrer Aufgabe zu machen. Dieser Versuch wäre zum Scheitern verurteilt.

Naja, vielleicht muss ich Sie ja nicht von solchen Selbstverständlichkeiten überzeugen wie: Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest.

Deshalb suche ich mir jetzt drei nicht so selbstverständliche Aufforderungen aus, um Ihnen zu zeigen dass Paulus hier auch ein paar ungewöhnliche Ideen unter die Leute bringt. Drei!

1.     Freut euch mit den Fröhlichen

2.     Weint mit den Weinenden

3.     Werdet nicht überheblich

Erstens: Freut euch mit den Fröhlichen!

Wenn man gerade Schmerzen hat oder eine verhauene Arbeit zurück bekommen hat oder am Morgen schon mit dem falschen Fuß aufgestanden ist und dann kommt jemand vorbei und dem geht es gut und er grüßt so richtig begeistert und fröhlich, was ist Ihre erste Reaktion?

Ich vermute, er geht ihnen furchtbar auf die Nerven und Sie würden dieser Frohnatur gerne einen Dämpfer verpassen?

Und was empfiehlt Paulus?  

Mitfreuen!

Nicht das, was einem als Erstes einfällt. Aber im Prinzip eine gute Idee. Er lächelt mich an. Ich lächele zurück – ich bin ja höflich. Und meine Laune hebt sich tatsächlich ein wenig. Und er erzählt, und ich vergesse mich selbst beim Zuhören. Vielleicht hat er mich mit seiner Begeisterung angesteckt. Der Tag sieht schon freundlicher aus. Freut euch mit den Fröhlichen. Ja, auf andere eingehen, ihnen wirklich zuhören, ihre Gefühle aufnehmen, so entsteht Verbundenheit. Und wir sind Gemeinschaftswesen. Verstehen und Verstanden werden, das tut Menschen gut. Das wusste schon der alte Paulus als es ihm gelungen ist Gemeinden zu gründen, wo die Menschen versucht haben, wirklich füreinander da zu sein.

 

Zweitens: Weint mit den Weinenden!

Das ist die andere Seite von Freut euch mit den Fröhlichen! Stellen Sie sich vor, Sie haben eine gute Nachricht bekommen. Sie sprudeln über vor Freude. Sie gehen raus, um ihrer Nachbarin davon zu erzählen. Und die hat Tränen in den Augen.

Weint mit den Weinenden! Auch dafür müssen Sie jetzt Ihre eigenen Gefühle loslassen, und sich auf die Gefühle der Nachbarin einstellen. Das ist gar nicht so einfach. Und wenn die Nachbarin dann anfängt zu klagen, und Sie haben diese Klagen schon hundert Mal gehört. Und Sie haben ihr schon hundert Mal Ihre beste Idee, was der Nachbarin helfen könnte angebracht und sie hat diese Idee nie aufgenommen. Und sie tut immer das Gleiche , was die letzten zehn Jahre schon nicht funktioniert hat. Das zieht runter. Und es nervt.

Und dann sagt Paulus auch noch: Weint mit den Weinenden! Und Sie würden viel lieber jemanden finden, mit dem Sie Ihre gute Nachricht teilen können. Und Sie hören die Klagen Ihrer Nachbarin weiter an und Ihnen ist langsam tatsächlich zum Weinen zumute. Ihre gute Laune ist weg.

 

Wie gemein! Haben Sie nicht auch das Recht, dass einmal jemand auf Sie eingeht und Ihre Gefühle teilt. Wieso sollen eigentlich immer Sie die Gefühle der anderen teilen und auf diese eingehen. Das ist doch unfair, oder?

 

Freut euch mit den Fröhlichen! Weint mit den Weinenden! Seid empathisch. Geht auf die Gefühle der anderen ein und folgt ihnen. Das ist nicht nur nicht immer einfach. Es ist manchmal nervig und anstrengend. Und man ist in der Gefahr ausgenutzt zu werden.

 

Und dann setzt Paulus noch eins drauf:

Drittens: Werdet nicht überheblich!

Jetzt habe ich seine vorherigen Empfehlungen befolgt: Ich habe meine Gefühle zurück gestellt und bin auf die der anderen eingegangen und habe deren Gefühle in den Mittelpunkt unserer Begegnung gestellt. Ich habe die Weinenden getröstet, habe mich vielleicht sogar von ihrem Schmerz anstecken lassen. Ich habe meine Eifersucht auf denjenigen, der eine eins in der Arbeit geschrieben hat zurück gedrängt und habe mich mit ihm gefreut und ihm gratuliert. Ich habe alles richtig gemacht und dann kommt Paulus und gibt mir noch eins drauf: Werdet nicht überheblich!

 

Heh, Paulus, ich bin ein guter Mensch. Ich tue das Richtige. Ich bin für die anderen da und stelle meine eigenen Gefühle für sie zurück und dann darf ich noch nicht mal stolz auf das sein, was ich da tue. Und du knallst mir vor den Latz: Werde nicht überheblich!

Wo bin ich denn hier hin geraten?

 

Paulus, was soll das? Ich fühle mich von dir ungerecht behandelt! Du hast wenig Verständnis für mich, die ich versuche, das zu tun, was du mir aufträgst!

 

Paulus würde dazu sagen: Du hast mich gründlich missverstanden. Denn du hast nur 19 einzelne Aufträge gesehen und du hast die Grundlage für diese Aufträge übersehen. Von der schreibe ich am Anfang dieses Kapitels erinnere dich.

 

Und ich sehe nach und finde: Eure Liebe soll aufrichtig sein.

Es geht also um aufrichtige Liebe, nicht moralische Anstrengung. Ich soll nicht Gutes tun, um zu beweisen, dass ich ein guter Mensch bin. Ich soll auch nicht Gutes tun, um des Guten willen – wie die Aufklärer gefordert haben.

 

Ich soll mit den Weinenden weinen und mich mit den Fröhlichen freuen – weil ich diese Personen aufrichtig liebe. Ich gehe auf ihre Gefühle ein, nicht weil Paulus das fordert oder ich denke, ich müsste das, weil ich ja eine gute Christin sein will. Ich weine und freue mich ganz selbstverständlich, ohne darüber nachdenken zu müssen, weil mir die andere Person etwas bedeutet.

 

Und wenn das nicht so ist, wenn mich die andere Person einfach nervt? Was dann? Und wenn ich keine Lust habe, und wenn ich mich danach sehne, dass endlich mal jemand auf meine Gefühle eingeht. Wenn ich nicht immer nur lieben will, sondern auch mal geliebt werden möchte?

 

Dann, sagt Paulus, wirf dich mit diesem Wunsch Gott in die Arme und bitte um die aufrichtige Liebe, die du nicht selbst herstellen kannst, und die immer nur ein Geschenk von Gott ist. Du hast keine Chance das Richtige zu tun, wenn du es aus eigener Kraft versuchst. Und du wirst selbstverständlich das Richtige tun, wenn dein Herz mit der Liebe erfüllt ist, die von Gott kommt. Und dann wirst du dich nicht mehr allein und überfordert fühlen, weil du die anderen triffst, deren Liebe, die von Gott kommt, auch auf dich überfließt. Und dann lebst du nicht mehr in einseitiger Anstrengung sondern in gegenseitiger Liebe.

 

So hat sich das Paulus zumindest in den von ihm gegründeten Gemeinden und in der Gemeinde von Rom, an die er hier schreibt, vorgestellt.

 

(Pause, sich umsehen, lächeln)

 

Dass der Alltag in den Gemeinden meistens anders aussah, darüber schreibt Paulus in den Briefen an die Korinther. Und wir wissen auch, dass der Alltag in unserer Gemeinde an dieses Ideal normalerweise nicht heranreicht.

Das auszuhalten und trotzdem weiterhin Gott zu bitten, uns mit aufrichtiger Liebe zu erfüllen, das ist meine Aufforderung heute an Sie und an mich selbst, die zwanzigste Aufforderung zusätzlich zu Ihren guten Vorsätzen. Ob das gut geht? (Lächeln)

 

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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