Maulwurf

Liebt ohne Vorurteile, haltet euch das Böse vom Leib, werft euch dem Guten in die Arme. Haltet zusammen als Geschwister, die einander lieben. Übertrefft euch gegenseitig darin, einander zu achten. Zügelt eure Begeisterung nicht, lasst euch von der Geistkraft entflammen. Seid ganz für den Lebendigen da. Freut euch, weil ihr Hoffnung habt. Haltet durch, wenn ihr in Not seid. Im Beten gebt nicht nach. Teilt, was ihr habt, mit den heiligen Geschwistern, denen das Nötigste fehlt, nehmt Fremde auf. Sprecht denen Gutes zu, die euch verfolgen, sprecht das Gute in ihnen an und verflucht sie nicht. Freude teilen. Trauer teilen. Richtet euren Sinn auf einander und auf eine Sache aus, richtet euch nicht an der Macht aus, sondern lasst euch zu den Erniedrigten ziehen. Seid nicht klug um euer selbst willen.

(Römer 12,9-16, Kirchentagsübersetzung 2015)

Wenn sich kleine Erdhügel auf Rasen oder Wiese türmen, ist meist ein unter Gärtnern und Landwirten nicht sehr beliebtes Tier am Werk: Der Maulwurf.
Dabei kommt der kleine Wühler zu Unrecht schlecht weg, denn prinzipiell kann man sich über Maulwürfe freuen, lockert so ein Maulwurf doch die Erde auf und sorgt so dafür, dass alles ordentlich mit frischer Luft versorgt wird. Das ist gut für die Erde und gut für uns. Die Anwesenheit eines Maulwurfs ist also per se etwas Gutes.
Auch Menschen können Maulwürfe sein und der Welt Gutes tun:

In Berlin steigt ein Penner in einen Bus. In seiner Hand hält er ein paar Münzen, er will sich ein Ticket kaufen um wenigstens für ein paar Stunden der Kälte entfliehen zu können. Gerade als er bezahlen will, winkt der Busfahrer ab. „Steck dein Geld weg“, sagt er, „und setz dich hinten rein. Du kannst bis Schichtende so mitfahren.“
Der Penner und der Busfahrer kennen sich nicht. Man ist sich auch zu nichts verpflichtet. Wie der bisherige Arbeitstag für den Busfahrer war, ob der gestresst ist oder gut gelaunt, ob er zuhause Streit mit seiner Frau hat oder ob die Kinder in der Schule mitkommen, davon weiß der Penner nichts. Andersrum genauso. Wer der abgerissene Mann da vor ihm ist, kann der Busfahrer nicht sagen. Ob der selbst schuld ist an seiner Lage oder nicht, der Busfahrer weiß es nicht. Wahrscheinlich interessiert es ihn auch nicht.
Aber er handelt intuitiv: Liebt ohne Vorurteile!

Nach dem verheerenden Attentat in einer Synagoge in Pittsburgh 2018 mit elf Toten sammelte die muslimische Nachbargemeinde umgehend mehr als 120.000 Dollar, um den Opfern des Massakers schnell helfen zu können. Muslime halfen Juden. Mitgefühl über alle Grenzen hinweg. Ganz so wie Paulus es sagt:
Haltet zusammen als Geschwister, die einander lieben.

EG 637,1

Jeden Morgen fängt die Pflegekraft pünktlich um 6.30 Uhr an. Dann beginnt ihr Dienst. Der Zeitplan ist wie immer eng und die Patientenliste lang. Sie wird auch heute wieder länger brauchen als geplant. Aber das ist dann so. Schon die erste Frau, die sie heute Morgen besucht, freut sich über die Abwechslung. Es wird die einzige sein für diesen Tag.
Wenn die Pflegekraft erzählt, klingt sie etwas bitter, aber sie wundert sich auch manchmal immer noch. Einmal hat sie morgens eine Bewohnerin auf der Toilette sitzend vorgefunden, weil die Nachtschwester ihr nachts gesagt hat, sie komme gleich wieder. Und es dann vor lauter Arbeit vergessen hat.
Trotzdem zügelt sie ihre Begeisterung nicht, sonst wäre der ganze Wahnsinn im System nicht auszuhalten?

Bheki Sibeko erinnert sich: „Ich bin 1992 verletzt worden, da kam ich gerade von der Arbeit, und da sind diese Typen in den Zug gekommen und haben sofort nach dem Losfahren begonnen, Leute anzugreifen. Die sind mit einem Säbel auf mich los und haben mich aus dem Zug geworfen. Da lag ich dann auf den Gleisen, neben mir eine Frau, die hatte alle Knochen im Leib gebrochen und schrie nur noch… Ich war politisch informiert, ich wusste, was passiert war. Solche Attacken gab es täglich.“
Der Südafrikaner Bheki hat die Schrecken des Apartheitsregimes hautnah und immer wieder erlebt. Aber nach dem Ende der weißen Herrschaft wollte er Frieden und Heilung. Keine Vergeltung. Er war stolz auf Nelson Mandela, denn für den ehemaligen Staatspräsidenten war klar: „Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen zu hassen. Menschen müssen zu hassen lernen und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann Ihnen auch gelehrt werden zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil.“
Also: Sprecht denen Gutes zu, die euch verfolgen, sprecht das Gute in ihnen an und verflucht sie nicht.

EG 637,2

Das Flüchtlingscamp Kutupalong nahe der Küstenstadt Cox’s Bazar in Bangladesch ist das zurzeit größte Flüchtlingscamp der Welt, ein sogenanntes Megacamp. Rund 860.000 Flüchtlinge, fast ausschließlich Angehörige der Volksgruppe der Rohingya, leben hier. Sie sind vor Gewaltausbrüchen und Diskriminierungen im Nachbarstaat Myanmar geflohen. Das Flüchtlingscamp, das mehr Einwohner hat als Frankfurt am Main, ist an seinen Belastungsgrenzen angelangt. Den Menschen fehlt es an Nahrung, sauberem Wasser, Sanitäranlagen und medizinischer Versorgung.
Eine der Helferinnen vor Ort ist Robina. Sie arbeitet im Logistikbereich.
Sie selbst war aus Kenia geflohen und hat später bei der UNHCR angefangen zu arbeiten. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet in einem Flüchtlingscamp arbeiten wollte sagt die zierliche Frau: „Ich habe gesehen, wie die Leute etwas zu Essen bekamen und wie dankbar sie waren und so wollte ich machen, was sie machte. Ich habe gesehen, wie viel Befriedigung sie aus dieser Arbeit bekam. Und das hat mich motiviert.“
Für ihren Job muss sie stark sein. Sie ist ständig mit Leuten zusammen und arbeitet vor allem mit Männern mit unterschiedlichem Hintergrund – vom Arbeiter bis zum Manager ist alles dabei.
Robina kann mit allen gut arbeiten und meint, dass liegt daran, dass als Frau die Fähigkeiten dazu hat.
Seid ganz für den Lebendigen da. Freut euch, weil ihr Hoffnung habt. Haltet durch, wenn ihr in Not seid. Im Beten gebt nicht nach. Teilt, was ihr habt, mit den heiligen Geschwistern, denen das Nötigste fehlt, nehmt Fremde auf.

EG 637,3

Der Busfahrer in Berlin, die muslimische Gemeinde in Pittsburgh, die Pflegekraft, der Südafrikaner Bheki oder Robina, die Helferin im größten Flüchtlingscamp der Welt, sie alle haben eins gemeinsam. Sie sind Maulwürfe. Sie lockern durch ihre Haltung, durch ihre Taten die festgetreten Erde unter den Schuhen der anderen auf und erweisen dem anderen Respekt. Üben sich in der brüderlichen Liebe, kümmern sich um Bedürftige, brennen für ihre Aufgabe und haben die Hoffnung, dass man diese Welt anders machen kann. Ob all diese Menschen Christinnen und Christen sind? Das wage ich zu bezweifeln. Aber sie handeln christlich. Weil sie Liebe leben. Sie durchbrechen Mauern oder machen durch ihr Wirken den Zement zwischen den Steinen porös. Bohren unnachgiebig Löcher in den Stein und lockern die Welt auf. Sie geben einer anderen Wirklichkeit Raum, weil sie ihre Augen und Ohren auf den Anderen richten.
Alle beschriebenen Menschen haben ihre Herzen für andere Menschen geöffnet und speisen daraus ihr Tun. Liebe über Grenzen hinweg ist immer ein gutes Zeichen. Gerade dann, wenn sie nicht nur Gefühl bleibt, sondern verantwortliche Tat wird. So wie bei den Muslimen in Pittsburgh oder dem Busfahrer. Aber das gelingt nicht immer. Liebe ist schließlich bisweilen Stückwerk, das weiß Paulus auch; und was in Pittsburgh geklappt hat, muss nicht zwangsläufig auch irgendwo anders klappen.

Die Fülle der Aufgaben mag einen überfordern, aber darum sind sie ja auch im Plural formuliert: Alle Forderungen sind eben nicht nur mir oder dir persönlich auferlegt, sondern uns allen. Und nicht nur denen, die zur Gemeinschaft gehören. Natürlich bleiben wir auch manches schuldig. Das ist so.
Da tröstet mich das Bild des Maulwurfs. Der schafft ja am Tag auch nur eine begrenzte Fläche umzugraben, also werfen wir uns getrost dem Guten in die Arme – und fangen an. 
Amen.

EG 637,4

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