„Denn er lässt nicht von mir …“ (Josua 3, 5-11.17)

Jedesmal brachte er aus dem Heiligen Land eine Flasche voller Jordanwasser mit nach Hause. Und er ist oft im Heiligen Land! Ich weiß nicht, wie er es durch den Zoll bekommt, aber es muss ihm ja gelingen, denn das Wasser geht ihm nicht aus. Und jedesmal kommt ein wenig Jordanwasser mit in die Taufe. Als er davon das erste Mal erzählte, musste ich lächeln. Dass man mit dem Wasser des Sees am Dorfrand oder mitten in der Stadt tauft und damit Heimatverbundenheit ausdrückt, das kannte ich, – aber Jordanwasser…?

Genau genommen kann das doch auch nur Wasser wie aus jeder anderen Quelle sein, nicht mehr als ein Symbol, ein Zeichen. Chemisch unterscheidet es sich bestenfalls durch die Mineralisierung und verrät vielleicht auf diese Weise dem Analysten etwas von seinem geographischem Ursprung. Aber Wasser bleibt Wasser, egal woher es kommt, so dachte ich und so denke ich, wohl wissend, dass wir die Macht der Bilder nicht unterschätzen sollten. Fließendes Wasser ist ein Symbol für Leben, niemand mag abgestandenes, modriges, ungenießbares Wasser, also ist es wohl doch nicht ganz egal, womit ich taufe, wenn ich schon nicht in einen Fluss steigen kann. Aber muss es Jordanwasser sein?

Die Familien erzählten allerdings immer ganz begeistert von den Tauffeiern, nicht nur, aber auch wegen des Jordanwasssers, wegen des Wassers aus dem Fluss, in dem schon Jesus getauft wurde.

Sie erzählten es auch voller Begeisterung, weil sie sich seit Jahren mit diesem zeitgenössischen Täufer in ihrer Gemeinde eng verbunden fühlten. Über viele Jahre hinweg, eigentlich seit der Kindheit war er ganz vielen ein treuer Begleiter, einer der sie unterwiesen hat, der ihnen Gott nahegebracht, Geschichten erzählt und die kleine Pflanze Glauben so gut es uns Menschen gelingen kann gehegt und gepflegt hat. Er war ihr geistlicher Vater und Begleiter, Vorbild, einer, an dem sie sich orientierten, dessen Urteil und Wort sie vertrauten und zu dem sie gerne  jetzt auch mit ihren Kindern zurückkamen.

Ich muss dann immer an die Menschen denken, die meinen Glauben entscheidend geprägt haben, Väter…,  aber eigentlich viel mehr noch meine Mütter im Glauben. Auch wenn sich Glaubens- und Lebenswege unterschiedlich entwickeln, der prägende Anfang bleibt – egal ob mit Jordanwasser oder ohne.

Ich habe ihn allerdings nie gefragt, ob die Jordangeschichten aus der Bibel , eine Rolle bei der Taufvorbereitung spielen. Hdeute haben wir ja mindestens zwei gehört! Vielleicht helfen sie ja, besser zu verstehen worum es eigentlich geht, wenn sie schon mit voller Absicht und ohne Zufall direkt nebeneinander in der Leseordnung für diesen Sonntag  stehen!

Josua führt mit Gottes Hilfe das Volk Israel nach dem Abschied von Mose in das gelobte Land, der Jordan markiert den Übergang von der alten, vergangenen Wüstenzeit in eine neue Zeit im gelobten Land.

Und in in eben diesem Jordan wird Jesus getauft, dort, wohin Johannes die Menschen zur Buße, zur Umkehr, zur Reinigung und Bereitung für das nahende Reich Gottes gerufen hat. Jesu Taufe ist der Augenblick wo Gott seinen Sohn allen Umstehenden offenbart und sich zu ihm bekennt, ein Wendepunkt in der Geschichte: „dieser ist mein lieber Sohn, er ist Gottes Herrlichkeit mitten unter euch und er ist König, nicht nur der Herzen, sondern der Welt. Jetzt können es alle wissen.“

Vielleicht hat er ja Recht, wenn er mit Jordanwasser tauft. Denn auch die Taufe ist immer ein Wendepunkt oder besser ein Orientierungspunkt, an dem ich zurückschauen und wieder nach vorn schauen kann, an dem ich begreifen und staunen darf, was Gott sein Volk erleben lässt und wie er auch durch Wüstenzeiten bis ins gelobte Land führt, dabei Menschen beruft, die Verantwortung für den Weg seines Volkes übernehmen und sich dabei selbst führen und stärken lassen – und wo ich mich immer vergewissern kann, dass ich Gottes Kind bin und Gottes Kind bleibe. Kinder sind manchmal von den Eltern ein wenig entfernt, räumlich, auch emotional, ihre Geschichte mag schwierige Zeiten haben, aber sie hören ja nie auf Kinder zu sein und die Liebe der Eltern hört auch nie auf, zu warten und zu lieben…

Unsere Taufpraxis, liebe Geschwister, mag sich unterscheiden, aber was wir mit der Taufe glauben, dass Gott durch Zeit und Wüsten ins gelobte Land führt, dass er auch wie durch bedrohliche Wasser hindurch rettet , dass sein Wort uns dabei Halt und Trost schenkt, und dass wir so daran erinnert werden, wie Gott seine Kinder liebt, das vereint  zutiefst!

Das Staunen über dieses Wunder verbindet uns übrigens genauso mit den Kindern Israels, die sich mit Josua an die Treue Gottes zu seinem Volk und seinen Verheißungen erinnern. Gott hat das gelobte Land versprochen und er führt auch in dieses. In einer Zeit, in der antijüdische Vorbehalte wieder Raum gewinnen, Antisemitismus wieder offen in Erscheinung tritt, ist es glaube ich notwendig, dass wir uns an die Treue Gottes zu seinem Volk  erinnern lassen und daran erinnern!

Aber ich möchte noch einen Augenblick bei Josua bleiben, bei dieser Geschichte, die an den Auszug aus Ägypten, die Flucht durch das rote Meer erinnert und doch nicht mehr von Flucht, sondern vom Ankommen und vom Bleiben erzählt.

Mose hat in Josua seinen Nachfolger gefunden. Es ist nicht leicht, in die großen Fußstapfen eines Vorgängers zu treten, damals nicht und heute nicht. Niemand wird gerne und sollte andauernd mit anderen, vor allem mit Vorgängern verglichen werden, weil jeder und jede er oder sie selbst und damit ganz anders ist. Gott traut Josua eine Menge zu und allem inneren Widerstand zum Trotz lässt sich Josua auf das Wagnis ein, dass vor allem Gott mit ihm eingehen will. Ich finde das wunderbar. Wir können erfahren, wozu wir fähig sind, wenn wir uns auf das einlassen, was Gott mit uns vorhat, egal ob wir es uns zugetraut haben oder nicht. 

Zwar haben viele eine sehr hohe Meinung von sich, aber solcher Hochmut, der sich immer schon alles zutraut, kann  ganz fürchterlich scheitern. Der Mut, Gott zu trauen, der einem mehr zutraut, als man sich in seinen Träumen hätte ausmalen können, diese De-Mut, dieser Mut, sich auf dass einzulassen, was Gott mit mir vorhat, hat allerdings ein große Verheißung.

Josua muss nicht allein vorangehen, die Aufgabe nicht allein bewältigen. Priester tragen die Bundeslade vor dem Volk her und bleiben mit ihr in der Mitte des Flusses stehen.

In der Bundeslade ruhen die Bundestafeln; Gottes Lebesnregeln. Die Lade ist Mittelpunkt und Blinkfang in der Geschichte und zeigt an wo auch im Leben und im Wandern die Mitte und Schutz, Halt und Orientierung sind.

Manche vermuten, dass die Bundeslade auch so etwas wie der Thron für den unsichtbar mitziehende Gott war, also ein sichtbares Symbol dafür, dass der unsichtbare Gott, den wir uns nicht vorstellen können, mitten unter ist. Mitten im Fluss steht Gottes Gegenwart und sein Wort und seine Weisung in einem.

Der Weg durch die Wüste war lang, schmerzhaft, voller Zweifel und Irrtümer, viele konnten oft nicht mehr glauben, dass es weitergeht. Es war eine Zeit voller Schuld und Bewahrung. Spätestens in diesem Augenblick, wo alle sicher den Jordan überqueren, begreifen sie das Wunder, dass Gott auch aus den Wüsten herausführt und das gelobte Land keine Utopie (also kein Un-Ort) , sondern reales Leben ist. Am Anfang eines Jahres hoffen wieder viele, die Wüsten endlich hinter sich lassen zu können. Das kann ich zwar nicht versprechen, aber dass das gelobte Land auch im eigenen Leben real ist, ein Ort, an dem Gott mich sehen und wissen und hinführen will, das glaube ich sehr wohl. 

Es  ist  gut zurückzuschauen, auch ehrlich und offen, aber dann ist es Zeit, vorauszugehen, weiterzugehen, zu leben nicht im Gestern sondern im heute und im morgen. Es gibt dabei Zeichen der Gegenwart Gottes, in jedem Leben. Es gibt Orientierung und Wegweisung in dieser Zeit, in der es für jeden einzelnen und für eine ganze Gesellschaft und eine bedrohte Welt schwer ist, den richtigen Weg zu suchen und zu finden.

Die Lade kennen wir zwar nicht mehr, sie ist verloren gegangen. Aber den Schatz, den sie beherbergt hat, die Weisung Gottes, die Thora , was ja vielmehr als nur Gesetz ist, vielmehr die wunderbare Erfahrung, dass Gott mit seinem Volk spricht, diesen Schatz des lebendigen Gotteswortes, den  haben und teilen wir miteinander. Und der macht mir Mut, darauf zu vertrauen, dass ich meine Wüsten hinter mir lassen kann, dass Gott meine Füsse sicher und trocken den Boden des verheißenen Landes, meinen Platz im Leben, erreichen lässt, dass mich sein Wort dorthin bewahrt, und das dieses Wort der ganzen Welt, allem Volk und allen Menschen not und gut tut.

Ich weiß wohl, dass das gelobte Land immer ein sehr vorläufiges ist….Schuld und Irrtum liegen nicht nur hinter uns, sondern auch vor uns. Und diese Welt ist nicht das Paradies, selbst wenn sie manchmal paradiesisch schön ist. Aber gerade deshalb ist es wichtig, in einem umfassenden Sinn mit Gottes Wort im Herzen und auf den Lippen zu tun, was uns die Jahreslosung als Christen für Stadt, Land und den ganzen Erdkreis aufträgt, uns also hier in Templin: suche Frieden und jage ihm nach.

Ich wünsche uns und unserer Welt ein Jahr voller Frieden und Zeichen der wunderbaren Gegenwart Gottes, dass wir trockenen Fusses durch den Jordan kommen, nicht über den Jordan gehen, sondern staunen! Amen

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