IIhr seid geheiligt, darum könnt ihr mit Gott Wunder wirken.

Auch als regelmäßige Gottesdienstbesucher werden Sie diese Erzählung kaum kennen. sie kam bisher in unseren Lesereihen für die Gottesdienste nicht vor. Mit der Neuordnung der Perikopen, der Lesetexte sind zahlreiche alttestamentliche Texte neu in die Predigtreihen aufgenommen worden. Das ist gut so! Enthalten doch gerade diese älteren Texte sehr lebensnahe Bilder von Gottes Begleitung.

Je genauer historische Forschung und Archäologie die Abläufe im Alten Israel erkennen, umso leichter wird es für uns als Lesende, die Aussagen zu verstehen, die die biblischen Autoren über Gott machen.

Die Erzählung von der Überschreitung des Jordans ist da ein gutes Beispiel.

Bis an die Grenze des Landes hat Moses sein Volk geführt. Nun muss Josua die Leitung übernehmen. Bedrohlich grenzt der damals noch breite Strom das fruchtbare Land von der Wüste ab. Über den Jordan gehen ist bis heute eine stehende Redewendung für den Übergang in eine völlig neue Lebenswelt. Voller Sorgen blicken Josua und das Volk zum anderen Ufer. Sie, die Landlosen, werden von Gott in eine neues Land geschickt. Doch dieses Land ist nicht leer. Verschiedene Völker wohnen dort. Völker, die nicht als Nomaden n Zelten leben, sondern längst sesshaft sind und zum Teil fest ummauerte Städte gebaut haben. Angst macht sich breit. Was wird uns erwarten?

Liebe Gemeinde, dieser völkerkundliche Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit erscheint auf den ersten Blick weit weg. Heute gehören wir zu denen, die gut gesichert leben. Zuwanderung muss begrenzt werden, so meint eine Mehrheit unserer Bevölkerung. Auch wenn sich Deutschland in dieser Woche an der Aufnahme der Flüchtlinge im Mittelmeer beteiligt hat, gehören wir doch auch zu denen, die die Nomaden unserer Zeit an den Grenzen aufhalten.  Das erwählte Gottesvolk, zu dem wir uns so gerne zählen, steht auf der anderen Seite. Das gilt es in der aktuellen Politik festzuhalten.

Ich möchte den Predigttext aber von einer anderen Seite her erschließen. Zumindest die Älteren kennen ja die Situation auch aus dem eigenen Leben: Irgendwann stößt man an Grenzen, die unüberwindlich scheinen. Die Wohnung wird wegen Eigenbedarfs gekündigt. Der Arbeitsplatz wird wegrationalisiert. Ein Umzug in eine neue Stadt steht an oder eine wichtige Prüfung. Der Übergang in den Beruf oder in den Ruhestand. Auch ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden habt vielleicht schon solche Grenzen in eurem Leben erlebt. Von einem Tag auf den anderen entsteht der Eindruck, dass nun nichts mehr geht. Die Trennung der Eltern vielleicht, manchmal auch nur ein Umzug. Plötzlich getrennt von allen Freunden. Wie soll das weiter gehen?

Manchmal stehe ich vor dem Jordan meines Lebens. Und muss hinüber.

Mir helfen dann solche Bilder aus dem Alten Testament. Josua muss seine erste große Aufgabe als Verantwortlicher erfüllen. Heiligt euch, denn Morgen wird Gott ein Wunder tun, so sagt er.

Voller Vertrauen geht er diesen großen Schritt. Gott wird mit uns sein!

In manchen unserer Rituale ist dieser Satz bis heute lebendig geblieben. An den Übergängen des Lebens – wenigstens dort – treffen wir uns in der Kirche zum Gottesdienst. Taufe, Konfirmation, Hochzeit und auch Beerdigungen gehören zu den an besten besuchten Gottesdiensten. Bevor ich über den Jordan einer Lebensschwelle gehe, suche ich das Heilige. Längst sind zu diesen klassischen Übergängen weitere hinzugetreten, der Schulanfang etwa.

Heiligt euch, denn Morgen wird Gott ein Wunder tun!

Und dann wird beschreiben, wie Gott das scheinbar unüberwindliche Hindernis begehbar macht. Die Bundeslade spielt dabei eine Rolle. Ein Kasten mit den 10 Geboten. Der Gott Israel hat einen Bund geschlossen. Das Volk vertraut auf die einfachen Grundregeln des Zusammenlebens. Bis heute bilden die Zehn Gebote die Grundlage für das Miteinander von Menschen. Nicht nur Juden und Christen auch alle anderen können den Wert dieser knappen Sätze anerkennen.

Sie auch in der kritischen Situation hochzuhalten, bewirkt in der Erzählung das Wunder.

Da sind wir heute manchmal weniger konsequent. Um ein Ziel zu erreichen werden da schon mal bewusst Regeln gebrochen und damit Gottes Verheißung außer Kraft gesetzt.

Du sollt nicht töten? Rettungsschiffe, die wochenlang von Hafen zu Hafen geschickt werden, können keine weiteren Schiffbrüchigen aufnehmen. Verschleppte Klimaziele reduzieren die Überlebenschancen vieler Menschen, wenn das auch zunächst nicht in Europa zu sehen ist.

Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat. Unsere Industrie lebt davon, das Begehren nach immer mehr Konsum zu wecken. Weit über jedes vernünftige Maß hinaus sollen wir kaufen und dann schnell wieder wegwerfen.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Mit gefälschten Informationen werden wir in die Irre geführt. Bis in die höchsten Etagen von Wirtschaft und Politik lautet das Gebot heute eher: Du sollst dich nicht erwischen lassen.

Josua fordert das Volk auf: Folgt den alten Geboten. Sie werden euch retten. Lasst nicht ab in eurem Bemühen um einen menschlichen, gerechten Umgang miteinander und Gott wird an eurer Seite stehen.

Da ist es egal, ob man Gott als persönliches Gegenüber oder abstrakter als Prinzip gelingenden Lebens versteht:

Heiligt euch, denn Morgen wird Gott ein Wunder tun!

Allein das konsequente Bemühen um die Einhaltung der Gebote führt zu dem Wunder. Leben wird möglich. Neue Türen für ein Miteinander tun sich auf.

Das Josuabuch wird in der Folge viele Geschichten von Eroberungen und Gewalt erzählen. Wir wissen heute, dass die Landnahme Israels anders verlaufen ist. Militärisch waren sie immer unterlegen.  Erfolg hatten sie da, wo ihre klares Eintreten für die Rechte Schwächerer überzeugen konnte.

Heiligt euch, denn Morgen wird Gott ein Wunder tun!

Das Alte Testament beschreibt dann auch immer wieder, wie Gote Volk an diesem hohen Anspruch gescheitert ist. Auch das kennt wohl jede und jeder von sich selbst. Die guten Vorsätze zum neuen Jahr wanken schon. Manchmal erscheint es einfacher sich irgendwie durchzumogeln, als den ehrlichen Weg zu gehen.

Als Christinnen und Christen sind wir da einen Schritt weiter als Josua.  Wir blicken nicht nur auf die Gebote in der Bundeslade sondern auch auf Jesus am Kreuz. Da wo meine Kraft nicht reicht, wirkt Gott sein Wunder. Die Übergänge meines Lebens sind von ihm getragen. Nicht ich muss mich selber heiligen, ich bin in der Taufe durch Gott heilig gesprochen.

Ihr seid geheiligt, darum könnt ihr mit Gott Wunder wirken.

Thomas Gleitz, Pastor in Wunstorf

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