Bleiben oder Aufbrechen?

Die Gnade…

Liebe Gemeinde,

sie sind dageblieben. ALLE.

Nicht einer hat gesagt: Kann ich mich anschließen, darf ich mitkommen?

Nein, lieber zuhause bleiben. Im Gewohnten und Vertrauten. Ich habe gerade so viel zu tun. Besonders vertrauenswürdig sind diese spinnerten Magier aus der Fremde sowieso nicht.

Und Herodes will man ja auch nicht verärgern…

Kein einziger hat sich auf den Weg gemacht.

 

Kein Hohepriester, kein Schriftgelehrter.

Ist das nicht das eigentlich Überraschende an dieser Geschichte? Die Profis in Sachen Glauben zucken die Achseln. Ja, die Prophezeiungen von Jesaja, Jeremia, Micha – die kennen sie natürlich. Sie sind sozusagen Teil ihrer DNA.

Ein König wird kommen. Er wird den Thron Davids neu errichten, ein Friedensreich errichten, die Wölfe werden bei den Lämmern liegen, Schwerter zu Pflugscharen und die Völker pilgern nach Zion, um dem einen Gott zu huldigen.

Eine schöne Vision. Aber deswegen den Hintern hochkriegen?

 

Ich muss gestehen, ein Teil von mir fühlt sich ertappt. Hätte ich meine Kreise stören lassen von den drei Weisen und ihrem Wissen? Hätte ich alles stehen und liegenlassen in der Hoffnung, dass die große Sehnsucht endlich erfüllt wird?

 

Sie hatten ihre Sachen gepackt unter dem Kopfschütteln ihrer Ehefrauen. Ein neuer Stern – ein neuer König. Gut, sie waren die Fachleute, kannten sich mit Sternen aus. Aber deswegen gleich ins Ungewisse aufbrechen? Man könnte doch erst einmal abwarten, was daraus wird. Ob wirklich eine neue Zeit anbricht. Dann könnte man ja diesem Friedenskönig immer noch seine Aufwartung machen.

 

Die drei Weisen – wörtlich Magier – haben sich auf den Weg gemacht. Nicht weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten. Sie sind losgegangen, ohne genau zu wissen, wohin. Sie haben gesucht, ohne recht zu wissen, was sie finden werden.

Ich muss gestehen: Von diesem Entdeckergeist und Mut würde ich mir gerne eine Portion abschneiden. Man muss ja nicht gleich auf die dunkle Seite des Mondes reisen…

Aber wann habe ich, wann Du, wann Sie das letzte Mal etwas gewagt, einfach auf eine Hoffnung hin?

Dass Veränderung möglich ist, auch in dieser beängstigenden Gegenwart? Dass es sich lohnt, nach dem zu suchen, was wir noch nicht kennen?

 

Oder hatten die Hohepriester und Schriftgelehrten vielleicht doch recht? Wenn man es ganz nüchtern und analytisch betrachtet, könnte man sagen: Ja.

Dieser König hat später nicht die Macht ergriffen. Er hat kein Friedensreich gegründet und die Lämmer liegen immer noch nicht bei den Wölfen.

Und überhaupt: Wären die drei Weisen nicht vollkommen unweise ins Zentrum der Macht gegangen – zum Königspalast in Jerusalem – dann würde die Geschichte nicht gleich in der blutigen Realität ankommen: Der furchtbare Kindermord zu Bethlehem, der nur drei Verse später geschildert wird.

 

Wer hat Recht?

 

Von den Weisen wird nur erzählt, dass sie sich wieder auf den Heimweg machten nach ihrer Begegnung mit diesem seltsamen König, der in einer Futterkrippe liegt. Ob diese Begegnung sie verändert hat? Auch von den Hirten wissen wir nicht, was die Begegnung mit dem Kind mit ihrem Leben gemacht hat.

Oder war es vielleicht sogar allein das Losgehen, dass ihrem Leben eine Wendung gebracht hat?

Ich stelle es mir so vor. Wenn ich an mein Leben denke, dann waren es eigentlich immer die Aufbrüche – die freiwilligen und die unfreiwilligen – die mich geprägt haben. Aufbruch bedeutet nicht unbedingt Ortswechsel. Aufbruch kann auch da geschehen, wo ich mich auf Neues einlasse, anders handle als üblich.

Als einzelner, als Kirche.

 

Unser Landessuperintendent Rathing schrieb in seinem Weihnachtsbrief an die Mitarbeiter davon, dass die Menschen von der Kirche als erstes einmal Beständigkeit in unruhigen Zeiten erwarten. Ich zitiere: „Wäre der Satz Das haben wir schon immer so gemacht ein Weihnachtslied, würden ihn viele Menschen unter dem Weihnachtsbaum voll Inbrunst anstimmen.“

 

Und ich finde, die Menschen dürfen von ihrer Kirche auch Beständigkeit erwarten. Beständigkeit in dem Sinne, dass wir zu dem stehen, was den Kern unseres Glaubens angeht: Die Liebe Gottes glauben und tun auf vielfältigste Art, manchmal einfach nur auf Hoffnung hin. Ohne Garantien, wo und wann diese Hoffnung sich erfüllt. In diesem Sinne möchte ich schließen mit einem Zitat von Fulbert Steffensky, das einige sicher schon aus dem Kalender „Der andere Advent“ kennen. Er schreibt:

„Hoffen lernt man auch dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich. Hoffnung garantiert keinen guten Ausgang der Dinge. Hoffen heißt darauf vertrauen, dass es sinnvoll ist, was wir tun … Die Hoffnung kann lesen. Sie vermutet in den kleinen Vorzeichen das ganze Gelingen. Sie stellt nicht nur fest, was ist. Sie ist eine wundervolle untreue Buchhalterin, die die Bilanzen fälscht und einen guten Ausgang des Lebens behauptet, wo dieser noch nicht abzusehen ist. Sie ist vielleicht die stärkste der Tugenden, weil in ihr die Liebe wohnt, die nichts aufgibt und der Glaube, der den Tag schon in der Morgenröte sieht.“

 

In diesem Sinne, lasst uns aufbrechen, immer wieder. Amen.

Und der Friede Gottes…

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