Mit unserer Macht ist nichts getan.

(Dieser Predigt liegt die Ausarbeitung von Pfr. R. v. Doorn, aus GPM I/1, 73. Jahrgang aus 2018, S. 93ff. zugrunde.)

Uno
Manchmal lernt man am Küchentisch etwas fürs Leben. Beim Essen oder beim Reden und manchmal auch beim Spielen. So ein Spiel, das einen Menschen tatsächlich auf das Leben verweisen kann ist Uno. Gewonnen hat, wer schnellstmöglich alle Karten nacheinander ablegen kann, aber der Weg dahin ist schwer. Kaum hat man nur noch eine Karte auf der Hand, kann es passieren, dass man eine oder mehrere ziehen muss. Es kann auch passieren, dass man, kurz vor dem Ziel, aussetzen muss oder die Karte auf der Hand passt nicht zur Karte auf dem Stapel.
Was das Spiel den Spielern beibringt ist, dass es nicht unbedingt fadengerade läuft. Es gibt Umwege, die es einem schwerer machen – aber man kann auch mit den meisten Karten auf der Hand noch gewinnen.
Es ist stetes vor und zurück, um überhaupt vorwärts zu kommen.

Auch in der Geschichte um das Volk Israel, um Mose und den Einzug ins versprochene Land geht es um Umwege und um kleine Schritte. Vor und wieder zurück und doch kommt das Volk an sein Ziel. Es ist ein Zick-Zack-Kurs den der Held des heutigen Predigttextes, Josua, vorerst vollenden wird. Und damit Moses Nachfolger auf der Spur bleiben kann, braucht es viel Einsicht in die Weisheit der Führung Gottes.

Einsicht
Stellen Sie sich vor, Sie sind jung, motiviert und wollen was. Man bietet Ihnen eine der wichtigsten Stellen an, aber dafür müssen Sie Ihren Namen ändern. Und das an entscheidender Stelle und danach sind Sie nicht mehr der unglaubliche Macher, sondern der, der voller Vertrauen einem anderen nachfolgen soll.
So wie bei Josua. Der ist gerade erst befördert worden und soll vollenden, was Gott mit Mose angefangen hat. Aber Mose ist tot. Einen letzten Blick über das ganze versprochene Land hatte Gott ihm noch geschenkt, dann war seine Zeit vorbei. Die ganze Verantwortung liegt damit bei Josua.
In Führungsfragen noch etwas unerfahren, aber schon ein ganzes Volk führen. Eine ziemlich große Aufgabe, aber die Menschen, die Israel führten, hatten die wohltuende Eigenschaft immer zuerst auf Gott zu hören und nicht so sehr der eigenen Klugheit und Stärke zu vertrauen.
Jetzt lagert das ganze Volk am Jordan. Der Fluss ist die letzte Hürde, dann sind sie im Land. Auch die Lade, Gott selbst, ist mit dabei.

Treibstoff
Mit der Übernahme des neuen Amtes hat sich auch Josuas Name geändert: Aus dem Macher wurde einer, der Gottes Wirken zulassen kann. Schon bald darf Josua sich bewähren und zeigen, wie weit er bereit ist, Gott machen zu lassen.Das Lebensgefühl unserer Zeit wehrt sich eher gegen solche lässigen Typen. Angesichts vieler existentieller Bedrohungen, Terrorismus, Politkrisen, Klimawandel, Schwierigkeiten bei der Integration, flüchten auch nicht wenige unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in die Arme der vermeintlich Starken. Aber Wut und Verzweiflung, Hass und Angst waren noch nie gute Ratgeber.
Josuas Treibstoff ist ein anderer. Er setzt auf das Wort Gottes und nimmt sich selber zurück. Ob Josua weiß, was er da tut? Natürlich! Er ist ja lange genug mit diesem Gott mitgegangen, um zu wissen, dass der nicht Gelingen verheißt, sondern Begleitung! Und Trost!

Und dieser Trost liegt nicht nur hier in seiner verlässlichen Gegenwart und ist eine wohltuende Grundausstattung. Israel verdankt es ja nicht seinem irgendwie überragenden Orientierungssinn, dass es jetzt am Jordan steht. Weiß Gott, da gab es auch andere Stimmen auf dem langen Weg durch die Wüste und aus stilleren Gesprächen mit mir selbst weiß ich, dass man immer mal wieder an den Lagerfeuern des Zitterns und in den Schweigestunden des Zagens ankommt. Eine verzagte Seele gibt es mitnichten nur bei den anderen. Hand aufs Herz: Es gibt immer auch gute Gründe, zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens zu wollen!

Aber jetzt steht das Volk kurz davor, das gelobte Land zu bevölkern. Allen selbsterdachten Strategien zum Trotz lagert das Volk an den Furten dieses Flusses, der das letzte Hindernis darstellt.
Bis hierhin war es auch eine seltsame Mischung aus Glück und Gelegenheit, aber jetzt sind sie fast am Ziel. Durch alles Zagen und Zweifeln hindurch schauen sie auf das Land. Und es ist einzig der Ruf aus dem Inneren der Lade, aus der Weite des Wortes Gottes, der das Volk bis hierhin gebracht hat.

Nichts anderes!
Mit unserer Macht ist nichts getan. Josua hat das erkannt. Er kommt auch gar nicht auf die Idee, jetzt anders zu denken. Er ist kein Macher, lässt keine Brücke und auch keine Flöße bauen um überzusetzen. Es geht nicht um schnelle Lösungen und der alles beherrschende, erklärende und aus sich selbst heraus regelnde Mensch ist an dieser Stelle nicht gefragt. Nur wer sich selber retten lässt, kann andere retten. Da steht Josua in einer Tradition mit Mose und später auch mit Jesus.
Nur im Sich-Helfen-Lassen wird Gottes Herrschaft der Weg bereitet.

Einübung ins Christentum sagt Sören Kierkegaard, ist auch Einübung in die Kunst des Loslassens. Josua geht da mit gutem Beispiel voran und lässt los und lässt Gott machen. Er weiß, all seine Autorität ist nur von Gott geliehen. Und weil das für alle Lebensbereiche gilt, müssen sich auch die Priester bücken, um die Lade anzuheben, bevor sie mit ihr in den Fluss steigen. Demut ist der Beginn des Loslassens.

Vermeintlich stark.
In der Geschichte um Josua, das Volk und die Bundeslade geht es um die Gegenwart Gottes. Sie verheißt Zukunft. Sie verheißt Gelingen und nur sie verheißt, dass man den Anderen, der auch trockenen Fußes über den Jordan will, wahrnimmt. Denn die Lade ist so angelegt, das man einander ansehen muss, alleine kommt man nicht weit. Das gilt auch für die, die behaupten, sie hätten die Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit. Und darum Mauern fordern, Stacheldraht ziehen lassen und ganze Häfen schließen. Das gilt auch für die, die sich aus ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl stehlen wollen und damit andere im Chaoswasser untergehen lassen.
Das gilt aber auch für alle Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in unruhigen Zeiten: Einfach mal alle eigene Ideen loslassen, auf Gottes Wort hören und sich helfen lassen. Gerne auch allen Sorgenfalten im Beffchen zum Trotz: Der Zukunft die Gott uns verheißen hat einfach etwas zutrauen. Es bleibt seine Welt, auch wenn sie neu und jenseits des Flusses liegt!

An allen Übergängen, sei es am Jordan oder im echten Leben, gibt es demnach nur eine logische Bitte: Herr, segne das Reden und das Hören und danach das Tun und das Lassen.

Amen.

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