Vom himmlischen Menschen

Predigt Psalm 34/15, Jahreslosung 2019, 31.12.2018, von Pfarrer Johannes Taig

Suche Frieden und jage ihm nach!


Liebe Gemeinde,

in seiner Predigt Nummer acht (nach Quint) führt Meister Eckhart aus: „Es ist gut, wenn man vom Frieden zum Frieden kommt, es ist löblich; trotzdem ist es mangelhaft. Man soll laufen in den Frieden, man soll nicht anfangen im Frieden. Gott will sagen: Man soll versetzt und hineingestoßen werden in den Frieden und soll enden im Frieden. Unser Herr sprach: »In mir allein habt ihr Frieden« (Joh. 16,33). Genau so weit wie in Gott, so weit in Frieden. Was irgend von einem in Gott ist, das hat Frieden; ist dagegen etwas von einem außerhalb Gottes, so hat es Unfrieden. Sankt Johannes spricht: »Alles, was aus Gott geboren ist, das überwindet die Welt« (1. Joh. 5,4). Was aus Gott geboren ist, das sucht Frieden und läuft in den Frieden. Darum sprach er: »Lauf in den Frieden!« Der Mensch, der sich im Laufen und in beständigem Laufen befindet, und zwar in den Frieden, der ist ein himmlischer Mensch. Der Himmel läuft beständig um, und im Laufe sucht er Frieden.“ (Quint, Meister Eckhart, S. 188)

Über den inneren Frieden haben wir also zunächst einmal nachzudenken. Wer von uns möchte den nicht finden! Ganze Bücherregale könnte man mit Ratgebern füllen, die den Weg zum inneren Frieden aufzeigen wollen. Im christlichen Sinne aber gilt: Der innere Frieden ist nicht herstellbar durch Psychotechnik. „Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir“, sagt der Kirchenvater Augustinus. Und Eckhart schließt sich ihm an: Wahrer innerer Frieden ist nur in Gott zu finden. So weit in Gott, soweit im Frieden. Wenn das Kind von Bethlehem auch in uns geboren wird, dann gewinnen wir Anteil am Frieden Gottes, der bekanntlich höher ist als unsere Vernunft, aber Herz und Sinne umfängt. Frieden fängt also innen an.

Eckhart hat ihn schon zitiert, den Satz, den Jesus im Johannesevangelium zu seinen Jüngern sagt: „Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh. 16,33) Jesus identifiziert den großen Feind des Friedens: Es ist die Angst. Die Welt macht Angst. Nehmen wir nur als einfaches Beispiel den nächsten Zahnarzttermin. Da hat der innere Frieden eindeutig Pause. Ganz zu schweigen von der Angst vor dem Leben und der Angst vor dem Alt-, und Krankwerden und vor dem Sterben. Immer wenn wir von der Angst gepackt sind, wird unser Leben zur Hölle. Und nicht nur unseres. Da machen wir auch anderen das Leben zur Hölle. Überlegt einmal, wie viel Misstrauen und Streit im Grunde angstgesteuert sind, z.B. durch die Angst zu kurz zu kommen. Angst macht uns zu höllischen Menschen, denen Meister Eckhart den himmlischen entgegen stellt. Der weiß sich und sein Leben und Sterben in Gott geborgen.

Da in Gott alle Dinge sind, kann der in Gott lebende Mensch niemals zu kurz kommen. Wer also den inneren Frieden sucht, der muss immer wieder in Gott laufen und sich und alle Dinge Gott überlassen. Das ist kein frommer Spruch und auch keine stoische Schicksalsergebenheit, sondern eine tägliche und manchmal auch eine harte Übung. Danach muss gelaufen und gejagt werden. Freilich gilt vom Frieden Gottes, dass Gott unserem Laufen schon immer und schneller entgegenläuft, als wir uns das vorstellen können. Wer den Frieden Gottes sucht, darf sich von diesem Frieden finden lassen.

Denn, so Meister Eckhart: „Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und alle Tugend. Und was zuvor du suchtest, das sucht nun dich; wem zuvor du nachjagtest, das jagt nun dir nach; und was zuvor du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum: wer Gott eng anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, und den flieht alles, was Gott ungleich und fremd ist.“ (Quint, Meister Eckhart, S. 58)

Und was ist mit dem äußeren Frieden in unserer friedlosen Welt? Fast 75 Jahre leben wir in Deutschland im Frieden. Das gab es in der deutschen Geschichte noch nie. Da ist es nur gut, wenn uns die Kriege überall auf der Welt daran erinnern, dass der Friede keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder verteidigt und erkämpft werden will. Es ist leicht einzusehen, dass auch der äußere Frieden im Land einen großen Feind hat: Die Angst. Im Bundestag sitzt nun wieder eine Partei, die aus den Ängsten der Menschen politisches Kapital schlägt, indem sie bewusst Ängste schürt: Die Angst zu kurz zu kommen, die Angst vor den Fremden, die uns alles wegnehmen: Die Identität, den Glauben, die Kultur, das Geld.

„Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ruft in seiner Botschaft zum Jahreswechsel deshalb dazu auf, 2019 zu einem Jahr des Friedens zu machen. Er bezieht sich dabei auf die biblische Jahreslosung (…) Dies sei für ihn eine vielversprechende Aussicht auf das neue Jahr, so der Ratsvorsitzende: ‚2019 – ein Jahr des Friedens – für mich selbst und hoffentlich auch für die Welt! (…) Am Reden vom Frieden fehlt es nicht. Am Handeln manchmal schon. Noch immer ist Deutschland der viertgrößte Waffenexporteur der Welt. Es gibt viele Versuche, die Produktion und Weitergabe von Kriegswaffen zu verteidigen. Sie alle ändern nichts daran: Da, wo Waffen nicht national oder international zur polizeilichen Sicherung des Rechts verwendet werden, verbreiten sie vor allem Schrecken. Frieden kann nur entstehen, wo die Spirale der Gewalt durchbrochen wird.‘“ (epd) (Zitat Ende)

1934 sagte Dietrich Bonhoeffer in seiner Rede auf der Fanö-Konferenz: „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier Friede und Sicherheit verwechselt werden. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen.“ (Dietrich Bonhoeffer, Kirche und Völkerwelt. Rede auf der Fanö-Konferenz am 28.08.1934, DBW 13, S. 298-301)

„Einer fragte zwei Maler, die berühmt waren für ihre großartige Kunst, wie sie ein Bild malen würden, das ausdrückt, was Frieden ist. Der erste beschrieb eine wundervolle Bildtafel. Sie zeige einen See mit stillem Wasser, umgeben von grünen Bäumen und Vögeln von phantastischer Schönheit. An der Seite des Sees sehe man eine Herde von Schafen mit ihrem Hirten, die in aller Ruhe grasen. Alles wäre äußerst friedlich – es wäre das allerschönste Bild. Der zweite Künstler präsentierte ein ganz unerwartetes Bild! Als hätte er das Thema nicht verstanden, das er malen sollte! Er sagte: ,Ich male eine raue See mit Wellen, deren Wasser ein finsterer Ozean ist und darüber ein bedeckter Himmel. Warum das alles in einem Bild vom Frieden? Warte ab, mein Freund. Ich drücke den Frieden Gottes aus. Denn inmitten von all dem siehst du einen Felsen, der fest im Sturm steht. Und in einer Felsspalte siehst du einen Vogel. Er ist ganz ruhig und kümmert sich gar nicht um die Wellen und den Sturm ringsherum. Da fühle ich den Frieden trotz des erschreckenden Sturmes, der draußen ist.‘“ (zitiert nach Eva Hadem, GPM, 4/2018, Heft 1, S. 84f.)

Meister Eckhart würde sagen: Der Vogel auf dem unerschütterlichen Fels, das ist ein schönes Bild für den himmlischen Menschen. Aber trotzdem bitten wir Gott, dass überall dort, wo verbrannte Erde und die Trümmer und Ruinen sind, die der Krieg hinterlässt, irgendwann wieder Menschen ohne Angst wohnen und Bäume wachsen und Schafe weiden.

Die Predigt zum Hören

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