Die eine Stimme zwischen den vielen (Jesaja 51, 4-6)

Die Meldungen der letzten Tage im Jahr:

Die Deutschen sind so pessimistisch wie schon seit fünf Jahren nicht mehr.

Mehr als die Hälfte der Unternehmer rechnet mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung, weil: …. weil sie nicht genügend qualifizierte und einsetzbare Arbeitskräfte finden – oder: weil die weltpolitische Ausgangslage unübersichtlich und nicht vorhersehbar sei.

Und bei dem Versuch, der Zukunft ein wenig ihren Schrecken zu nehmen, sie zu durch-schauen – denn manchmal hilft es ja, seine Gegner oder seine Freunde zu kennen – hat man den Deutschen nun auch noch ihr liebstes Silvesterspiel genommen, weil es gesundheitsschädlich sei: wir müssen ohne Bleigießen auskommen!  (Obwohl es auch mit Wachs oder mit Zinn ginge oder sich das Gummibärchenorakel anbieten würde)

Was man als aufmerksamer Nutzer der vielfältigen Medien zum Jahresende also entscheidendes erfährt…

„Merke auf mich, mein Volk, hört, mich, meine Leute“ tönt es mitten im Stimmenlärm und Bilderrauschen, mit dem bösen Geister im alten Jahr gehalten und ein neues Jahr willkommen geheißen  werden soll. Hat da einer Sorge nicht gehört zu werden, etwas weil die Menschen mit sich beschäftigt sind, mit dieser Stimme nicht rechnen, sich im Alltag ganz gut daran gewöhnt haben, allein zu Rande zu kommen, oder sich mit ihren Sorgen und Ängsten woanders hin wenden? 

Warum ruft Gott sonst so nachdrücklich, als hätte ER Sorge,  nicht beachtet zu werden?

Die Selbstverständlichkeit des Psalmbeters jedenfalls alle Hilfe, die er sucht, von Gott zu erwarten, ist  nicht mehr Allgemeingut.

Der hilfesuchende Blick nach oben ist aber dennoch verbreiteter als die Skeptiker vermuten. In unsicheren Zeiten, gerade in Übergängen, wo sich alles verändert, die Zukunft so ganz und gar offen und überhaupt nicht festgelegt daherkommt, am Anfang eines neues Jahres, eines neuen Lebens, eines eigenen Lebensabschnittes suchen eigentlich alle nach Verlässlichkeit, nach Halt, nach Orientierung.

Das ist menschlich, verständlich, gut, manchmal aber auch gefährlich…

Es ist menschlich, weil keiner orientierungslos und planlos leben kann. Eine Zeit lang ist es aufregend, sich einfach nur treiben zu lassen. Für einen kompletten Lebensentwurf taugt diese Haltung allerdings nicht. Jeder braucht ein Ziel, einen Weg, Träume, Hoffnungen, auch Ideale.

Es ist verständlich, weil ich Koordinaten brauche, um meinen Weg zu finden und mein Ziel zu erreichen. Die Alten lasen in Wegkarten oder Atlanten und konnten sich mit ihrer Hilfe ganze Landschaften und Welten vorstellen. Den Jüngeren dienen Navigationsgeräte und GPS-Daten auf ähnliche Weise.

Es ist gut, ein moralisches und ethisches Koordinatensystem zu haben, um für sich zu wissen, worauf es ankommt und was einem Leben etwas wert sein soll (für die Juristen heißt „sollen“ immer „müssen, wenn man kann“ – d.h. es kommt auf die Entscheidung an, was mir im Leben etwas wert ist und im Zweifelsfalle auch wert sein muss – wenn ich dazu in der Lage bin)

Ich merke zunehmend, dass wir Christen und damit die Stimme der Kirchen als Kompass gebraucht werden: in friedensethischen Fragen, in bioethischen Fragen um den Anfang und das Ende des Lebens, in der sozialpolitischen Diskussion um Geschlechter- und Generationengerechtigkeit, aber auch angesichts der Herausforderungen des Klimawandels kann unser Gottesglaube nicht folgenlos und stumm bleiben. In der Diskussion, um das , was eine Gesellschaft zusammenhält, was ein Leitbild sein kann, wie die Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen nicht Ursache von Auseinandersetzungen sein muss, sondern Weg Verständigung und friedliches Zusammenleben einzuüben, braucht es die Friedensstimme des Glaubens.

Orientierung ist aber am Ende Gottesgabe, ein Geschenk: Weisung, Recht, Licht für die Völker, die im Dunkeln umherirren, kommen von Gott, daran hat der Prophet einen Zweifel (Anders als die modernen Religionskritiker). Aber Orientierung und Werte kommen nicht aus einem Bauchgefühl heraus. Wir sind verführbar und leicht zu täuschen. Es braucht eine vertrauensvolle und eine liebevolle Begleitung und Stimme. Dafür steht mein Glaube. Darum hebe ich meine Augen auf und erwarte meine Hilfe von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der den Menschen in seiner Vielfalt, in seinen Unterschieden, in seinen Eigenheit und Besonderheiten nach seinem Bild geschaffen hat und dem er so nahe kommen und nahe sein wollte, dass er Mensch geworden ist ( ein ungeheurer Glaubenssatz!). Von diesem Gott, menschgeworden in Jesus Christus, dem einen Wort, dem wir im Leben und im Sterben vertrauen dürfen, geht Weisung aus. Und diese Weisung schmeckt nach Licht, nach Heil, nach Gerechtigkeit. Deswegen misstraue ich allen, die im Namen Gottes, eines Glaubens oder einer Religion Menschen ausgrenzen, abwerten, in ihren Lebensrechten beschneiden und Zwietracht statt Versöhnung unter Menschen predigen und säen.

Der Wunsch nach Orientierung ist menschlich, verständlich, gut, am Ende Gottesgabe –  aber eben auch gefährlich.

Gefährlich, wenn mit einfachen Antworten oder Parolen versprochen wird, Probleme zu lösen, Herausforderungen zu leugnen. Nichts im Leben ist einfach und lässt sich mit einem Satz erklären oder lösen.

Wer einfachen Antworten folgt, hört auf nachzufragen und nachzudenken. Daran zu erinnern, wird eine große Aufgabe imWahljahr 2019 sein. Der Glaube gibt keine einfachen Antworten. Er ist und bleibt Vertrauen, dass sich mit Zweifel und Anfechtung auskennt, vom „Sowohl als Auch“ lebt und  dennoch an Gott festhält, weil er uns allem zum Trotz fest in seiner Hand hält.

Das tröstet besonders dann, wenn alles um uns herum tobt und stürmt.

Der Prophet beschreibt diese Erfahrung mit eindringlichen Bildern: der Himmel vergeht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein Gewand.

So manchem sind in diesem Jahr Himmel und Erde seines/ihres Lebens abhanden gekommen. Jeder kann mindestens einen aus seinem Leben erzählen. Zu jedem Jahresrückblick gejören auch die Erinnerung an die Verstorbenen, leider oft nur der prominenten, dabei gibt es so viele andere, die es wert wären, erinnert zu werden.

Wer Vertrauen verlernt und  Glauben aus den Augen verloren hat, mag das Gefühl bekommen, Menschen sterben dahin wie Mücken (wir würden heute sagen: sie sterben wie die Fliegen). Der Glaube aber hält an Gottes Heil und Gerechtigkeit fest. Jedem und Jeder wird Gott gerecht werden. Das ist ein Versprechen und keine Drohung. Jeder wird zu seinem Recht kommen.

Und Gottes Gedanken und Gottes Wesen sind nicht nur Recht und Gerechtigkeit (welch Trost allen, die in ihrem Leben zu Opfern wurden, zu Opfern gemacht wurden, Opfer des Lebens sind), Gottes Gedanken und Versprechen sind Heil, Heilung und Leben.

Versuchte ich einen Rückblick, dann würde ich Ausschau halten nach den Spuren von Recht und Gerechtigkeit, wo Geschöpfe, alles Geschaffene des Schöpfers Heil erfahren haben, heil wurden. Und mein Ausblick sollte bekennen, dass Gott uns zu unserem Recht verhilft und heil werden lässt, was krank, ängstlich oder sorgenvoll ist. Eins weiß ich auch für das nächste Jahr: jeder Gottesdienst und die Gemeinschaft des Gottesvolkes sind ein Weckruf und ein Aufmerken, ein Fingerzeig und ein Trost, eine Orientierung und eine Wegweisung auch im kommenden Jahr, nicht zu vergessen: es wird ein Jahr des Herrn sein,  der Himmel und Erde gemacht hat. Amen

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