Es ist ein Roß entsprungen

Eines der bekanntesten Weihnachtslieder beginnt mit den Worten:

Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart

Wie uns die Alten sungen, von Jesse war die Art.

Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter,

wohl zu der halben Nacht.

 

Eines der bekanntesten Weihnachtslieder.

Es ist auch eines der Weihnachtslieder, das am öftesten missverstanden wird oder gar nicht verstanden wird.

 

Mir ging es auch lange so, schon als Kind.

Ich habe mich gefragt: Wieso ist da eine Rose weggelaufen?

Rosen können doch nicht laufen.

Ich habe dann vermutet, es muss „Ross“ heißen, also Pferd.

Aber wieso singen wir in der Kirche über ein weggelaufenes Pferd?

Und wie kommt das Pferd aus einer zarten Wurzel?

Das ist komisch.

Und ich habe auch nicht verstanden, wer da ein Blümlein gebracht hat.

Die Rose? Das Ross? Beides ist komisch.

Und dann noch von der Art „Jesse“.

Die Rosensorte kenne ich nicht.

Es gibt sie auch nicht.

Bei Jesse dachte ich immer an Jesse James, einen berühmten Gangster im Wilden Westen.

 

Der Text des Liedes geht zurück auf eine Weissagung des Propheten Jesaja. Sie ist uns überliefert im 11. Kapitel seines Buches und ich lese sie uns einmal vor.

 

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

So hat Luther den Anfang des Textes übersetzt.

Reis, das ist ein altes Wort für Sprössling, und das ist dann in dichterischer Freiheit die Rose geworden, die in dem Lied vorkommt.

Und Isai, so hieß der Vater von David. Und im Lied wird aus Isai „Jesse“.

Klingt ja irgendwie ähnlich.

Und nachdem das so weitergeht, nehme ich glaube ich lieber eine Übersetzung im heutigen Deutsch, wenn wir verstehen wollen, worum es hier geht.

Also noch mal von vorne:

 

Was von Davids Königshaus noch übrig bleibt, gleicht einem alten Baumstumpf. Doch er wird zu neuem Leben erwachen: Ein junger Trieb sprießt aus seinen Wurzeln hervor. Der Geist des Herrn wird auf ihm ruhen, ein Geist der Weisheit und der Einsicht, ein Geist des Rates und der Kraft, ein Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor dem Herrn. (…) Dann werden Wolf und Lamm friedlich beieinander wohnen, der Leopard wird beim Ziegenböckchen liegen. Kälber, Rinder und junge Löwen weiden zusammen, ein kleiner Junge kann sie hüten. Kuh und Bärin teilen die gleiche Weide, und ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Heu wie ein Rind. Ein Säugling spielt beim Schlupfloch der Viper, ein Kind greift in die Höhle der Otter. Auf dem ganzen heiligen Berg wird niemand etwas Böses tun und Schaden anrichten.

 

(Vorne auf dem Liedblatt: Bild von Sieger Köder)

Wie kam es zu dieser Weissagung?

Ich erzähle es kurz:

 

Im Jahr 735 v.Chr. wurde Ahas König von Juda.

Er war also der Nach-Nach-Nach-Nach-Folger von König David.

Und er hatte Ärger mit seinen Nachbarländern, die ihn unterwerfen wollten und ihre Soldaten waren auch schon unterwegs.

Den Leuten war angst und bange.

Und Ahas fragte sich: Was soll ich bloß machen?

 

Damals lebte auch der Prophet Jesaja.

Und er ging zu Ahas und sagte ihm:

Gott lässt dir ausrichten: Hab keine Angst!

Setze dein Vertrauen nicht auf Gewalt, sondern auf Gott.

Bitte ihn um Hilfe – und er wird dir helfen.

 

Und Ahas antwortete ihm sinngemäß:

Hör mir bloß auf mit dem Religionskram.

Gott vertrauen – das ist doch Quatsch.

Wie soll der mir helfen.

Ich brauche jetzt militärische Unterstützung – und wie viele Bataillone hat der liebe Gott denn?

Ich bin Politiker, und der liebe Gott hat sich nicht in die Politik einzumischen.

Außerdem glaube ich nicht an Gott.

 

Stattdessen machte er etwas anderes, so wie wir es oft tun.

Er setzte auf Macht und Stärke und verbündete sich mit Assyrien, einer Großmacht in der Region.

 

Und kurzfristig hatte er damit Erfolg.

Die Assyrer besiegten die Feinde von Ahas.

Allerdings wurde Ahas auch von ihnen abhängig und er musste ihnen eine Menge Geld zahlen.

Und er musste auch ihre Götter übernehmen.

Und dazu gehörte auch, seinen Sohn als Menschenopfer zu verbrennen.

Das hat Ahas gemacht.

Für den Erfolg müssen halt Opfer gebracht werden.

Notfalls auch der ganze Jawhe-Gottesglaube.

Wer braucht das schon.

Wer vermisst das schon.

Überhaupt, dieser Gott mit seinen Geboten.

Der steht doch nur dem Fortschritt im Weg.

Der stört doch nur.

Weg mit ihm.

Und so ging es weiter.

Mit ein paar Ausnahmen sind auch alle Nachfolger von Ahas diesen Weg weiter gegangen.

Aber dieser Weg führte bald nur noch bergab.

Bis die Babylonier kamen und alles eroberten, zerstörten, und das Volk der Juden ins Exil verschleppt haben.

Und das, was David begonnen hat, ist kaputt.

Von David leben zwar alle seine Nachkommen nicht mehr; aber übrig geblieben ist ein kleiner Seitenzweig der Familie, der auch auf Isai zurückgeht, den Vater von David.

 

Ein großer Baum, wie von einem großen Sturm umgeknickt.

Und jetzt ist nur noch ein kahler Baumstumpf übrig.

Und das hat Jesaja damals schon vorausgesagt in seiner Vision.

Darauf wird es hinauslaufen.

Auf lange Sicht zahlt sich Gottlosigkeit nicht aus.

Auf lange Sicht führt sie in den Untergang.

Kurzfristig hat sie Erfolg.

Auf lange Sicht aber nicht.

 

Das ist das erste, was Jesaja den Menschen sagte.

Gottlosigkeit führt in den Untergang.

 

Und das zweite:

Auch wenn ihr untreu seid: Gott ist treu.

Die Menschen haben vielleicht ihren Bund mit Gott gekündigt, aber er hat seinen Bund mit den Menschen nicht gekündigt.

 

Aus dem Baumstumpf des Hauses David wird ein neuer Friedenskönig wachsen.

Ein Messias. Ein Retter. Und:

Der Geist des Herrn wird auf ihm ruhen, ein Geist der Weisheit und der Einsicht, ein Geist des Rates und der Kraft, ein Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor dem Herrn.

 

Und in dieser Kraft wird er alles verändern.

Er wird der Friedensfürst sein. Er wird Frieden bringen.

Er – Der Messias.

Messias ist hebräisch und heißt auf Deutsch: Der Gesalbte.

Auf Griechisch heißt der Gesalbte: Christos.

 

Wir Christen glauben, dass Jesus Christus dieser Messias ist, dieser „Reis aus dem Stamm Isai“ ist und feiern das jedes Jahr an Weihnachten.

Denn in den Evangelien lesen wir, dass Jesus genau so ein von Gottes Geist erfüllter Gott-Mensch war.

Und das hat die Menschen umgehauen.

Und das hat viele Menschen grundlegend verändert.

Wer diesem Jesus begegnet ist, wirklich begegnet ist, dessen Leben hat sich grundlegend verändert. Und zwar positiv verändert.

Besonders ihre Fähigkeit zur Versöhnung, zur Nächstenliebe und zum Frieden schaffen.

Und das ist bis heute so.

 

Und darum ist die Vision des Jesaja auch für uns noch Bedeutung.

Das ist sozusagen ihre zweite Dimension.

Wenn Jesaja uns heute seine Vision erzählen würde, dann würde er andere Bilder verwenden als damals. Er würde wohl etwas sagen wie:

 

Wenn der Messias kommt, wenn der Messias herrscht, dann werden Donald Trump und Kim Jong Un miteinander Golf spielen gehen. Dann werden Alexander Gauland und Jerome Boateng zusammen in eine WG ziehen und Pegidademonstranten und Asylanten gründen gemeinsam Fußballvereine. Und alle Polizisten können Urlaub machen, weil niemand mehr etwas Böses tut, nicht einmal an Sylvester.

 

Das wäre doch was, oder?

Aber sind das nicht nur Spinnereien?

Das ist doch alles unmöglich.

Aber manchmal geschieht das unmögliche.

 

Wie zum Beispiel an Weihnachten 1914 an der Westfront.

Dort lagen sich deutsche und englische Soldaten in den Schützengräben gegenüber. Und dann haben sie ihre Weihnachtspakete ausgepackt, die sie von daheim geschickt bekommen haben.

Sie haben Kerzen ausgepackt und Plätzchen.

Und dann haben sie die Kerzen angezündet und Weihnachtslieder gesungen.

Die Engländer haben zugehört. Dann haben sie geklatscht und um Zugabe gebeten.

Dann haben die deutschen Soldaten gerufen:

„Merry Christmas, Englishmen“ und „We not shoot, you not shoot.

Und einer hat angefangen und ist aus der Deckung herausgekommen und hat sich verwundbar gemacht.

Und dann haben sich alle im Niemandsland getroffen und haben miteinander Weihnachten gefeiert. Miteinander Gottesdienst gefeiert und Geschenke ausgetauscht. Englischen Plumpudding gegen Bayerisches Bier. Sogar Fußball haben sie gespielt und Fotos davon gemacht.

Der ganz besondere erste Weihnachtsfrieden dauerte ein paar Tage, ein paar Wochen und an manchen Abschnitten hielt er noch monatelang an.

 

Wir brauchen mehr von solchen Momenten.

 

Und es gibt sie. Die jungen Deutschen, die damals an der Westfront waren, für die waren die Franzosen ihre Erbfeinde, ihre Todfeinde, die man erschlagen muss.

Dass das heute unvorstellbar ist, verdanken wir den Gründern der EU.

Adenauer, de Gaspari und Schuhmann, die Gründer der EU, die waren alle überzeugte Christen und sie wollten etwas schaffen, was diese Erbfeindschaft besiegt.

Vor der Aushandlung der Römischen Verträge haben sie miteinander sich zum Gebet in ein Kloster zurückgezogen, um Kraft und Weisheit zu finden.

Das weiß heute kaum noch jemand.

 

Und im Nahen Osten treffen sich im geheimen Messianische Juden und christliche Palästinenser, um miteinander Gottesdienst zu feiern und um daran zu arbeiten, wie sie miteinander die Feindschaft zwischen ihren Völkern überwinden können.

 

Das alles geschieht.

 

Abraham Lincoln hat einmal gesagt:

Der beste Weg, einen Feind zu besiegen, ist: Ihn in einen Freund zu verwandeln.

 

Weihnachten heißt: Jesus, Gott selber zeigt uns und lebt uns vor, wie das geht.

Er kommt ganz klein und schwach und schutzlos und verletzlich.

Er kommt und sagt uns: Habt keine Angst.

Weihnachten heißt: Jesus möchte bei uns einziehen, damit auch wir Frieden haben und auch wir Frieden stiften.

Jesus macht es vor

Möchte uns beschenken mit dieser Fähigkeit

Keine Moral, kein: Du musst. Streng dich an.

Sondern: Lass mich hinein in dein Herz.

Ich verändere dich von innen nach außen.

Ich heile, was zerbrochen ist.

Befreit von Angst, denn Angst lähmt.

Schenkt Fähigkeit zur Feindesliebe, denn Hass kann nur mit Liebe besiegt werden.

Ich schenke dir Frieden

 

Und dann schalten wir wieder den Fernseher ein und wir werden wieder Berichte sehen und hören von Krieg und Gewalt, von Terror und Zerstörung.

Viele Menschen schauen darum mutlos in die Zukunft.

Viele Menschen denken sich:

Was soll das noch alles werden. Es wird immer alles nur schlimmer. Es geht nur bergab. Und wir können nichts tun.

[Karikatur auf dem Liedblatt: Johann Mayr, Happy-End?]

 

Die Vision von Jesaja hat auch noch eine dritte Dimension, die uns Hoffnung geben will und Mut machen will:

Am Ende aller Zeiten, am Ende von allem, da wird nicht Vernichtung und Zerstörung und Katastrophe und Finsternis sein.

Sondern eine neue Welt Gottes, eine neue Schöpfung.

Jesaja beschreibt diese neue Welt.

Eine Welt voller Frieden, ohne Hass, ohne Angst, ohne Gewalt.

Und ohne Tod.

Diese Welt wird kommen.

So sicher, wie Jesus Christus in Bethlehem geboren worden ist.

So sicher, wie Jesus Christus an einem Kreuz gestorben ist.

So sicher, wie Jesus Christus am dritten Tag auferstanden ist.

So sicher, wie Jesus Christus auch heute noch Menschen berühren und heilen und verwandeln kann.

Jesaja beschreibt diese neue Welt als ein großes Festmahl, zu dem alle Menschen, alle Völker eingeladen sind.

Jeder darf kommen.

Jeder.

Aber nicht jeder wird kommen.

Genauso wie Jesus bei jedem Menschen anklopft, aber nicht jeder ihn bei sich einlässt.

Gott zwingt niemanden.

Gott wohnt da, wo man ihn einlässt.

Damals in Bethlehem.

Und heute bei uns.

 

Der gleiche Gott, der damals in Jesus Mensch geworden ist, der will jetzt hier heute Abend bei uns sein. Er will mit uns im Gespräch sein.

Und mein Vorschlag lautet: Antworten wir ihm doch einfach.

Das ist ganz leicht.

Im Stillen, in Gedanken kann man mit Gott reden, so wie man sonst auch mit guten Freunden redet.

Vielleicht wisst Ihr noch gar nicht, was Ihr zu ihm sagen sollt.

Dann kann man einfach sagen:

„Ich weiß nicht genau, was ich zu dir sagen soll, ich weiß noch nicht mal, wie ich mich dir vorstellen soll und ob es dich überhaupt gibt, aber wenn es dich gibt und wenn du so bist, wie in Jesus damals in Bethlehem im Stall, dann lade ich dich ein: Feier doch du mit uns Weihnachten, sei du dabei. Beschütze und behüte die Menschen die mir lieb sind und komm du in mein Leben.“

Wenn wir das tun, wenn wir so mit Gott reden, dann kann ich leider nicht garantieren, dass sich daraufhin irgendwelche großen Wunder einstellen. Ich bin aber sicher, dass Gott uns hört, wenn wir so mit reden, und dass er Mittel und Wege findet, sich irgendwie bemerkbar zu machen.

Und dann werden wir merken: Mit ihm zu leben, mit ihm im Gespräch zu sein, das ist tatsächlich das Allerbeste was uns passieren kann, an Weihnachten und auch sonst.

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