Wovon ich singen und sagen will (Johannes 1, 1-5.9-14)

Die Blicke sagen eigentlich: mach nicht so viele Worte, hör auf „vollzutexten“. Aber Ich kann nicht schweigen, ob sie es hören wollt oder nicht… Ich muss davon erzählen. Dabei gibt es eigentlich dafür keine Worte. Es gibt Dinge, die sind größer als wir  denken und  größer als das wir sie aussprechen können.

Sagt mir einer: „Erzähl mir doch davon“ bin ich zwar zunächst verlegen. Wie soll ich davon erzählen? Es gibt Dinge, die bleiben unaussprechlich.

Haben sie beispielsweise schon einmal versucht, ihren Kindern zu erklären, wie es ist, verliebt zu sein, vor Sehnsucht fast zu platzen, nicht schlafen und es aber auch nicht erwarten zu können, Schmetterlinge im Bauch zu haben? Sie werden einen anschauen, als sei man von einem anderen Stern – bis sie es selbst einmal erleben – und dann werden sie wahrscheinlich mit uns, den Eltern, gerade darüber nicht reden. diese Erfahrung ist viel zu kostbar, als dass man so viele Worte davon macht oder sie gerade mit Eltern teilt.

Aber auch wenn mir oft die Worte fehlen: ich muss davon reden.

Einige Wochen war ich im Kindergarten. Da habe ich es getan. Wir haben alte und neue Lieder gesungen und uns so erzählend auf einen Adventsweg gemacht.  Am Ende sind wir angekommen und haben staunend in der Kirche vor der Oberlinkrippe mit ihren besonderen Figuren gestanden. Die Kinder wussten, was sie gerade sehen.

Kann man also doch davon erzählen?

Schweigen wäre jedenfalls keine Antwort. Wie soll denn Glaube, Liebe, Hoffnung, Erwartung und Erfüllung, Sehnsucht und Freude, das Wissen um das Geheimnis und das Staunen über das Wunder weitergegeben werden, wenn nicht durch Erzählen von Generation zu Generation und am Ende geschieht vielleicht das größte Wunder, dass einer zum anderen spricht: brannte nicht unser Herz, als wir zuhörten?

Ich kann halt nicht schweigen. Ich rede nicht von einem Streitgespräch zwischen Intellektuellen, die Argumente für und Wider austauschen, die sorgsam abwägen und mit kluger und klarer Argumentation versuchen, den Gesprächspartner von den eigenen Ansichten zu überzeugen.

Ich rede von Erfahrungen, die ich wider Erwarten gemacht habe, die mich bis heute prägen, die mich tragen, die sich dem Herzen ebenso wie dem Verstand erschließen, ich rede von Glauben, der nicht zum  Wissen und Verstehen Widerspruch steht, aber auf einer anderen Ebene, auf der Ebene der Erfahrung und des Empfindens zu Hause ist, und mich als Mensch dort anspricht und so versucht die Welt und ihren Alltag zu deuten und zu verstehen .

Ich will nicht über Gott sprechen, wie ich über ein Kunstwerk oder ein Ereignis in der Vergangenheit rede, dass schon lange nichts mehr mir zu tun hat. Ich will von Gott so reden, dass es mein Leben und meine Welt angeht und sie längst schon verändert hat.

Ich will reden, weil Gott Wort und Anrede ist, weil er nicht schweigt und sein Wort mich und meine Welt verändert.

Denn im Anfang war das Wort, war sein Wort, war er Wort…

Keine Inflation von leeren, bedeutungslosen Worthülsen, sondern Rede die Wirklichkeit schafft. Wo Gott spricht, da wird und geschieht etwas. Er ruft ins Sein und er spricht an. Er sagt Du und ich werde Mensch, ein ICH, ein unverwechselbarer Mensch mit seinem Gesicht, seinem Namen und seiner Geschichte. Denn Mensch werde ich erst aus der Begegnung, aus einem Gegenüber, durch seine gesprochene oder gezeigte Zuwendung mit Worten oder Gesten.

Wenn Gott spricht, dann meint er, was er sagt. Er macht keine Worte aus Verlegenheit, um Schweigen zu beenden, um in die Irre zu führen und zu täuschen oder um eine Wirklichkeit vorzuspielen, die gar nicht existiert. Ihm sind „fake news“ unbekannt und wesensfremd, seine Worte sind Wahrheit und Wirklichkeit, sie sind klar und aufrichtig.

Unsere Väter und Mütter haben erlebt, wie er spricht. Sie haben in ihrer Sprache eine wunderbare Formulierung dafür gehabt: ihnen geschah das Wort Gottes: wenn sie ihm begegneten, von ihm ergriffen wurden und so sein Wort hörten Es geschah etwas mit ihnen. Es traf sie etwas in der Begegnung mit Gottes Wirklichkeit. Etwas wie Liebe, etwas wie Erschütterung, wie Einsicht und Ergriffenheit, ein heilsamer Schrecken vielleicht oder ein tiefer Frieden, eine Klarheit, um die sie lange gerungen, auf die sie lange gehofft haben oder eine Gelassenheit, die auch Dinge annehmen kann, die sich nicht ändern lässt.

Das Wort Gottes geschah ihnen. Wie den Hirten auf dem Felde, denen eine Klarheit aufging, die leider nicht alle haben erleben dürfen. Ihnen wurde Gottes Ehre in der Höhe Wirklichkeit und sie erfuhren seine Größe, ohne daran zu Grunde zugehen. Sie erlebten stattdessen eher eine eigene Würde, die sie, arm wie sie waren, vor allen Kaisern, Königen und Statthaltern auszeichnete. Ihnen wurde es Friede  – weil  Gottes Wort geschah. Dazu braucht es nicht viele Worte, aber die wenigen müssen mehr als nur dahingeplappert, sie müssen tief und ehrlich und menschlich sein.

Ich glaube und erfahre, das Gottes Wort geschieht.

Und ich möchte gerne hören lernen.

Denn Worte wollen Hörer erreichen, dürfen nicht in Leere gehen, sondern  auf offene Herzen und offene Ohren treffen.

Darin muss ich mich einüben. Sören Kierkegard erzählt von seinem Lernprozess zwischen Beten und Hören: Als mein Gebet immer innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen, zuletzt wurde ich ganz still. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.

Um Gott  hören zu können, muss ich  aufhören, selber zu reden, viele Worte zu machen.

Im Alltag rede ich oft, um mein Gegenüber nicht zu Wort kommen zu lassen. Jetzt kommt es darauf an, still zu werden.

Denn Gott ist Wort und will zur Welt kommen.

Er will ausgesprochen und gehört werden.

Vielmehr noch: er ist vernehmbar als Wort im Raum, er hat Wohnung unter uns genommen, dauerhaft, sein Klang verhallt nicht einfach ohne Nachhall – nur höre ICH ihn?

Ich vernehme, wie Johannes, resigniert, ernüchtert oder doch aufrüttelnd feststellt: er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Ich aber kann nicht schweigen. Ich muss davon erzählen, auch wenn mir eigentlich die Worte fehlen.

Gott ist unaussprechlich und hat sich doch der Welt versprochen. Er ist Mensch geworden. er erlaubt mir, von ihm zu reden, wie von einem guten Freund, wie von einem lieben Bruder, wie von einem Wegbegleiter, der zu mir hält im Guten und im Schlechten.

Er hat sich der Welt versprochen, will nicht anonym und rätselhaft bleiben. Seine Geschichte ist die des Kindes von Bethlehem. Seine Liebe ist die Zuwendung zu allen Großen und Kleinen, Starken und Schwachen, Selbstbewussten und Hilfsbedürftigen. Sein Leben ist das der Aufmerksamkeit und der Aufrichtigkeit.

Ich muss nicht schweigen, sondern darf die Geschichte des Jesus aus Nazareth von der Geburt bis zu Kreuz und Auferstehung erzählen und werde erfahren, dass Gott sich zu Wort meldet, Wort wird, ein Gegenüber, mein Gesprächspartner ist. Ich werde Mensch, denn Gott spricht. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Das ist das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, die Menschwerdung seines Wortes. Und es geht am Ende um nicht mehr, aber auch nicht weniger als um unsere Menschwerdung. Ich sag es (noch) einmal mit geborgten Worten:

in tausend wünschen

endlose jagd

nach hülle und fülle

sein wie gott

 

der aber

hegt nur

einen wunsch

den menschlichen menschen

 

einmal hat er sich selbst

diesen wunsch erfüllt

und wartet seitdem

auf nachahmung Amen

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