Wie schön, dass Du geboren bist!

Predigt Römer 1/1-7, Weihnachten II, 26.12.2018, Predigtreihe I (neu), von Pfarrer Johannes Taig

1 Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes,
2 das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift,
3 von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch,
4 der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten – Jesus Christus, unserm Herrn.
5 Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden,
6 zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.
7 An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!


Liebe Gemeinde,

keine einfache Reise ist das, die der Apostel Paulus vor sich hat. Nach Rom möchte er reisen zu einer Gemeinde, die er selbst nicht gegründet hat. Man hat dort von ihm gehört und Paulus sind einige Leute aus der Gemeinde bekannt. Was dort über in gedacht wird und was ihn erwartet, weiß er nicht. So schreibt er einen Brief, der mit den eben gehörten Versen beginnt. Ein einziger langer Satz ist das, bevor sich Paulus mit dem obligatorischen Friedensgruß an die Empfänger wendet.

Es ist fast so als würde Paulus seinen Ausweis vorzeigen. In diesem Ausweis sind zwei Dinge besonders vermerkt: Paulus ist erstens ein Knecht Jesu Christi. Er steht in seinen Diensten. Sein Dienst geschieht zweitens zwar als etwas Neues, aber dieses Neue steht in engem Zusammenhang mit dem Handeln Gottes an seinem auserwählten Volk Israel. Ausdrücklich werden die Propheten und die Herkunft des Christus genannt. Der Christus und sein Evangelium wurzeln im Alten Testament und im Judentum. Deshalb ist jede Form des Antisemitismus in christlichen Kreisen nichts als blanker Unsinn und ein gefährlicher dazu. Wer seine Wurzeln verleugnet, sägt den Baum ab, auf dem er sitzt.

Und noch etwas fällt auf: Paulus verweist in seiner Vorstellung mit keinem Wort auf seine Fähigkeiten und auf das, was er schon geleistet hat. Er verzichtet auf all das, was in einer ordentlichen Bewerbung eigentlich unverzichtbar wäre. Völlige Fehlanzeige. Alles, was Paulus aufzählt, ist ihm widerfahren. Er hat sich nicht bekehrt – er wurde berufen. Er wurde ausgesondert, um das Evangelium Gottes zu predigten. Er hat sich das Apostelamt nicht verdient, er hat es empfangen. Weil alles, was dem Apostel Paulus widerfahren ist, nur einen einzigen Ursprung hat und der ist die Gnade Gottes!

„Der Anspruch, den Paulus erhebt (…) ist Ausdruck und Konsequenz der Gnade des einen Herrn der Welt, Jesus Christus. (…) Gnade aber ist nicht nur das erste Wort, mit dem Paulus die berufenen Heiligen in Rom (…) grüßt. Gnade begründet nicht nur die Friedensbotschaft der Weihnacht für alle Welt. Sie intoniert nicht nur das Geheimnis der Weihnacht, das in der Gestalt des kleinen Kindes und neugeborenen Königs in reiner Empfängnis zur Welt kommt.

Durch Christus hat Paulus empfangen Gnade und Apostelamt (V 5), durch Gottes Gnade ist er, was er ist (vgl. 1. Kor 15,10). In seinem Schreiben an die korinthische Gemeinde bezeichnet sich Paulus als ‚unzeitige Geburt‘ (V 8), als Geringsten unter den Aposteln, als ehemaliger Verfolger der Gemeinde Gottes nicht wert, diese Auszeichnung zu tragen. Mehr als alle anderen, schreibt er dort, habe er, der unzeitig Geborene, gearbeitet, nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist (1. Kor 15,10b). Weit vollmundiger tritt er am Anfang des Römerbriefs auf. Und dennoch gehören diese beiden Stellen zusammen, als Kehrseiten dieser einen Medaille der Gnade Gottes. Die nächtliche Frage des Nikodemus, wie es zugehen kann, dass ein Mensch neu geboren wird (Joh 3,4), bekommt Paulus (…) vor Damaskus beantwortet (Apg 2,6ff.). Seitdem weiß er sich als neue Kreatur (2. Kor 5/17). (…)

Gnade als reine Empfängnis begründet die Herrschaft des neugeborenen Königskindes, geboren aus dem Geschlecht Davids und von den Toten auferweckt, durch alle Zeiten hindurch. Dieses Evangelium der Gnade, diese Erfahrung des Empfangenseins und Empfangendürfens ist (…) nicht nur von persönlicher, sondern zugleich von eminent politischer Bedeutung.“ (Dr. Hans-Ulrich Gehring, GPM 2018/4, Heft 1, S.61)

Meister Eckhart zur Stelle: „Denn die Gnade selbst macht den, der sie aufnimmt, zum Sohn Gottes, sie macht, dass er Christ ist, Bruder Christi dem Vater Gott und der Mutter Maria nach. Wiederum ist alle Tugend, die einen zum Sohn Gottes macht, Gnade. Da zudem aber jede Gabe Gottes, überhaupt alles Gute in uns ohne unser Verdienst ist (…), so kommt es, dass das Ganze Gnade ist. Denn nichts in uns ist von uns; nichts also auf eigene Weise: denn wir sind nicht tüchtig, etwas zu denken von uns als von uns selber.“ (Meister Eckhart Werke II, Nikolaus Lagier (Hrsg.) S. 581)

Wie schön, dass Du geboren bist! So singen und sagen wir an Weihachten beim Anblick des Christuskindes in der Krippe im Stall von Bethlehem. Wir loben die Gnade Gottes, der zur Welt kommt und unsere Menschennatur annimmt, damit wir sterblichen Menschen und der ewige Gott eine gemeinsame Zukunft haben.

Wie schön, dass Du geboren bist, sagt das Kind in der Krippe zu uns und zeigt uns unser Leben noch einmal neu. Ja, es ist schon Gnade Gottes, dass wir das Licht der Welt erblickt haben. Wir haben uns nicht selbst ins Leben gerufen. Wir haben unser Leben als Geschenk empfangen und konnten weder etwas dafür noch etwas dagegen tun. Darum gehört dieser Satz zum Geburtstag gesagt oder besser gesungen. Aber um wie vieles größer ist die Gnade, wenn das Kind in der Krippe uns Menschenkinder so an sein Herz zieht, dass wir nicht nur Menschenkinder bleiben, sondern Gotteskinder werden. Das ist noch einmal eine neue Geburt, die in Christus und durch Christus in uns geschieht.

Darum schreibt Meister Eckhart: „Hätte Maria Gott nicht zuerst geistig geboren, er wäre nie leiblich von ihr geboren worden. Eine Frau sprach zu unserm Herrn Jesus Christus: ‚Selig ist der Leib, der dich trug‘. Da sprach unser Herr: ‚Nicht nur der Leib ist selig, der mich getragen hat; selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren‘ (Lukas 11,27f). Es ist Gott wertvoller, dass er geistig geboren werde von einer jeglichen Jungfrau – will sagen – von einer jeglichen guten Seele, als dass er von Maria leiblich geboren wurde.“ (Quint, S. 256)

So innig zieht uns der Christus an sein Herz, dass wir Teil der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiliger Geist werden. Da könnte uns schon ein wenig schwindlig werden. Die Vergottung des Menschen würde er lehren, hat man Meister Eckhart vorgeworfen. Und der Vorwurf könnte Paulus genauso treffen. Dieser Vorwurf übersieht freilich, dass der Mensch, der sich ganz Gott überlässt, nicht länger sich selbst gehört. Dieser Vorwurf übersieht, dass der Mensch, in dem Christus geboren wird und lebt, nicht länger sich selbst lebt, nicht länger seinem Eigenwillen folgt, sondern Gottes Willen.

Und das ist nun in der Tat etwas völlig anderes als die moderne Selbstvergottung des Menschen, der Gott für tot erklärt und sich an seine Stelle setzt. Das ist etwas völlig anderes als der Gottmensch, der sich zum Herrn der Schöpfung erklärt und sich jedes Recht anmaßt, die lebendige Mitwelt gnadenlos auszubeuten und zugrunde zu richten, solange er sich einen Nutzen davon verspricht. Der sich schließlich sogar zum Herrn über Leben und Tod seiner Mitmenschen aufspielt und von ihnen verlangt, sich selbst zu optimieren und ihre Nützlichkeit nachzuweisen. Und wehe dem Schwachen, dem Ausgebrannten, dem Depressiven, dem Kranken, dem Alten, dem Behinderten, der das nicht kann. Wehe allen, die nicht mithalten können in unserer „Daumen rauf- und Daumen runter-Welt“, an der sich Dank sozialer Medien und Internet jeder nach Belieben beteiligen kann. Diese „Daumen rauf- und Daumen runter-Welt“ zeichnet sich vor allem durch Gnadenlosigkeit aus! Und dagegen wird die Weihnachtsbotschaft in der Tat höchst politisch und kritisch.

In diesen Tagen schrieb eine Freundin auf Facebook: „Falls die Geschichte stimmt (und an Weihnachten wünsche ich mir das manchmal), ist Gott nicht in die perfekte Familie mit dem perfekten Leben gekommen, sondern zum unpassendsten Zeitpunkt zu unpassenden Leuten ins perfekte Chaos. Es war kein Königshaus, sondern ein dreckiger Stall, es war keine Bilderbuchfamilie, sondern eine Zweckehe im letzten Moment, und es war sicher nicht still und hat nicht geduftet. In diesem Sinne – wir schaffen das – zurück zu den Wurzeln und rein in die Katastrophe.“ (Zitat Ende)

Da hätte wohl auch der Apostel Paulus ein Schmunzeln nicht unterdrücken können und auch das Christuskind in der Krippe hätte gelächelt und alle Engel im Himmel lachen mit. Vielleicht schaffen wir’s doch nicht. Aber der Gnade Gottes ist alles zuzutrauen.

Die Predigt zum Hören

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