Jes 9,1-6 Ansehen geben

Liebe Festgemeinde

Licht und Jubel

Licht sehen, Jubel wecken. Damit fangen wir an.

„Schnell, Oma, ich will bei dir aussteigen.“ Jedes mal das gleiche Spiel. Die Kleine steigt auf Omas Autoseite aus. Und Opa? Opa muss mit großem Schrecken auf den leeren Kindersitz schauen und er muss voll Entsetzen ausrufen:  „Oma, wir haben die Kleine verloren. Sie ist nicht mehr im Auto.”

Opa muss dann  langsam um das Auto herumgehen – damit auf der andern Seite Zeit bleibt, auszusteigen – und rufen muss er nochmals: „O Schreck! O Schreck, oh großer Schreck, das Kind ist weg“.

Und es beginnt zu glühen ein Kindergesicht im erwarteten Glücksmoment.

Denn dann, dann muss Opa sie entdecken. Und muss sie direkt anschauen. Psychologen sagen, der Augenkontakt sei hier besonders wichtig. „Gott sei Dank! Da ist sie ja. Wie ist sie bloß dahin gekommen!“

Jetzt leuchtet das hübsche kleine Gesicht  von Innen her und strahlt aus sich heraus.

Opa spielt den von Angst befreiten Mann. Eine kleine Seele aber hat sich im todernsten Leben wieder einen kleinen Lichtleben-Baustein erobert und eingesammelt: Ich werde gesehen, also bin ich nicht verloren. Ich werde erblickt, also bin ich da.

Man kann von Kindern so viel lernen.  Diese Lust, gesehen zu werden, dieses Verlangen danach, wahrgenommen zu werden; das alles hört ja nicht irgendwann einfach auf  Es gehört zu uns.

Diese Sehnsucht nach Wahrnehmung meiner selbst verschwindet nicht mit den Kinderklamotten im Secondhand-Laden. Sie bleibt. Ein Leben lang.

Das ist keine egozentrische Sünde – wie alte Kirchenväter schwadronierten – es ist existentiell und lebenswichtig: Nur indem ich gesehen werde, lebe ich.

Wir werden uns dessen jedoch nur bewusst, wenn es fehlt:

„Für mich hat sich noch nie eine interessiert.“  Klagt ein junger Mann.

„Ich bin unsichtbar geworden“ klagt eine Frau (meist über 40).

Haben sie schon einmal Sätze wie folgt gesprochen oder gehört:

„Dir ist doch egal, wie ich mich fühle“.

„Du hörst mir nie richtig zu!“. „Du schaust mich ja gar nicht richtig an.“

„Du könntest auch mal Danke sagen.“

„Wenn alle still vor sich hin fressen, dann schmeckt es  wohl“.

Wo Anerkennung fehlt, fühlen sich Menschen unsichtbar. Sterben Seelen dahin. Wir brauchen diese Lichtleben-Bausteine der Anerkennung, die wir – passend zur Weihnacht – stets nur als Geschenk erwerben.

Wer glaubt, der fühlt und sagt: Gott sieht mich, darum kann ich mutig leben. Ziel dieser Predigt wäre es, ihnen diesen Satz auf die Zunge zu legen. Was sie nicht kann: Ihnen diese Gewissheit ins Herz zu legen. Das kann nur Gott selbst.

2.  Treiberstecken und Jochstange

Stecken des Treibers und Jochstange . Damit machen wir weiter. Für alle, die den Begriff „Joch“ nicht kennen: Joch bzw. Jochstange ist das aus Holz und Leder gefertigte Geschirr, das man Zugtieren in den Nacken legt, um daran den Wagen, den sie ziehen müssen, festzumachen. Wer ein Joch im Nacken hat ist allemal unterjocht.

Also fangen wir an zu klagen. Wohl wissend, dass dem Leben eine Härte innewohnt, die wir ihm niemals nehmen können.

Klagen wir zuerst über des Treibers Knüppel, bzw. Stecken, wie es im Bibeltext heißt.

Hinter uns lieget wieder ein Jahr voll Wut derer, die sich unsichtbar fühlen.

In der Kultursoziologie spricht man von Aufmerksamkeitsökonomie. Mein Gott, solche Begriffe am Heiligen Abend!

Im Internet wählt nicht nur der User aus einem Überangebot aus, was ihm gefällt. Wer zudem selbst etwas über sich postet wird  zum Konkurrenten all derer, die um Aufmerksamkeit geilen.

Das ist es, was unsere Zeit so hart macht: Man sieht nur die Wenigen, die Lauten, die Spinner, die Erfolgreichen, die Hemmungslosen, die genialen Könner, die Idioten, die Hochbegabten, die publikumswirksamen Versager, die Lustigen und die Hassträgerinnen. Klingt vielleicht widersprüchlich, was ich da so aufreihe. Aber so sind unsere Talkshows besetzt. Aufmerksamkeitsökonomie hat keine Wertvorstellung, da sie nur Lärm belohnt.

Man sieht… nein…wir, wir selbst sind es, wir selbst sehen die Wenigen, die Lauten, die Aufdringlichen. Die Mehrheit sehen wir  nicht. Die Mehrheit sehe ich nicht. Wir sehen uns nicht. Wir sehen uns selbst nicht. Das ist unser Elend.

Prominente bemessen ihren Wert an der Anzahl ihrer „Follower“. Jesus hatte 12. Das war genug, die Welt zu verändern.

Von Jesus wird fast immer berichtet, dass er diejenigen, mit denen er spricht, die er heilt, die ihm nachfolgen, dass er sie sieht, dass er sie ansieht, dass er ihnen in die Augen blickt, dass er Segen personalisiert:

„Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir .“ Das ist die Urform aller Lichtlebens-Bausteine. Der Segen.

Wer aber aus dem Internet hat seine „follower“ je angesehen? Ist es doch umgekehrt: Aus ihrer Zahl, aus ihrer Vielzahl errechnet man für sich selbst „Ansehen“. Andere wahrnehmen ist da nicht vorgesehen. Wäre ja auch Konkurrenz.

Sagen wir es doch einmal so: Mein Ich wird groß indem andere für mich zur Zahl werden. Ich lebe, andere zahlen. Das ist die Treiberstange, die wir aus der Hand legen müssen.

Ich werde nicht mehr gesehen. Dieser existentielle Mangel, den wir uns gegenseitig antun, macht zudem viele Menschen  so wütend auf die, denen öffentliche Wohlfahrt gilt: Flüchtlinge, Transferleistungsempfänger.

Klagen wir nun über das Joch. Beginnen wir mit einem steilen Satz:

Das Joch, unter dem wir alle leiden, ist die zur Tugend erhobene Habgier. Wobei man wissen muss: Erst im neuzeitlichen Gewand des Neoliberalismus wandelte sich die im Mittelalter als Todsünde gebannte Habgier bzw. der Geiz zur angeblich allheilenden Kraft.  Hören wir die Liturgie der Habsucht:

Habgier ist in uns allen. (Der Chor antwortet: Ja, so ist es). Habgier ist darum gut. (So ist es) Habgier bewirkt Konkurrenz. (So ist …) Konkurrenz belebt das Geschäft. (So ….??)   Konkurrenz macht alles gut. (Ja, wir sehen es an der Bundesbahn…). Geschäft macht uns alle reich. (äh…. alle????).  Soweit die irrsinnige Glaubenshymne des Neoliberalismus.

Und die Realität: Wenige, sehr Wenige besitzen immer mehr. Und weil sie Geld haben schweigen andere ob ihrer Sünden: Korruption. Habgier ist stets ohne Moral und sie ist stets mordbereit. „Wir sind Alphatiere“ lautet das stolze Selbstbild, das man sogar in gehobenen, kirchlichen Kreisen hört.

Der Geist des Neoliberalismus, dieser Kaufmannsgeist aus Habgier verwandelt und vergiftet einen Lebensbereich nach dem anderen.

Genug der Klage. Sie ändert ja doch nichts.

3. Glauben heißt: Herkunft aus Gott haben.

Kinder hat er mir gegeben als Zeichen und Weissagung. So heißt bei Jesaja. Mit einem Kind hatten wir begonnen. Mit einem Kind, mit dem Kind, mit Jesus kommen wir zum Ziel.

Heute feiern wir die Herkunft Jesu aus Gott. Ich sage es lieber so, weil das mit dem Geburtstag nicht stimmen würde. Wir kennen das Datum von Jesu Geburt nicht. Aber kluge Menschen vor uns meinten, dass der beste Tag für die Feier von Jesu Herkunft doch der Tag sei, an dem es kosmisch betrachtet am dunkelsten auf Erden ist.  Eine gute Wahl.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter;

6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Schön gesagt. Aber nun fragst du: Friede, Recht und Gerechtigkeit. Was ist das? Was heißt das?

Sage ich dir nicht, gebe ich zur Antwort. Finde es heraus. Das ist das, was Gott von dir will. Und ob es dir gelungen ist, prüft er im Gericht.

Friede, Recht und Gerechtigkeit, das sind die Wegweiser auf dem Weg zur Zukunft.

Friede, Recht und Gerechtigkeit gibt es nicht, regt sich nun unser ungläubiges Herz.

Seltsam. Das falsche Leben erscheint uns als das reale, das wirkliche, als das, was wir nicht verändern können. Der Tod hält uns gefangen. Die Sünde leckt an unserem Leib. Das alles ist so real obgleich es falsch ist. Aber es fehlt uns der Mut, auszubrechen.

Das wahre Leben ist fern, ist Lug und Trug, ist Märchen, ist …sei ehrlich!.. ist das, wozu mir der Mut fehlt.

Zwischen mir und dem Leben stehen: Meine Angst, meine Bequemlichkeit, meine Gier.

Und das ist jetzt die Botschaft des Heiligen Abends 2018?

Nein. Ich zitiere einen Vers aus dem Lukas-Evangelium. Jesu begegnet mir, begegnet dir, begegnet dem reichen Jüngling, dem reichen Menschen:

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!(Mk 10,21)

Kannst Du dich noch erinnern, wir glücklich du warst als Kind, gesehen zu werden? Warum verweigerst du anderen dieses Glück?

Und wolltest du heute den Mut fassen, dich von Gott anzuschauen zu lassen, so würdest du leben.  Das ist die Botschaft der Heiligen Nacht.  Gott schaut uns an. Schaut dich an. Schenkt dir einen Lichtleben-Baustein. Mach was draus. Für andere. Das ist die Pointe wahren Lebens.

Könntest du doch fühlen und sagen: Gott sieht mich, darum kann ich mutig leben.

Dann hättest du es kapiert, wie das Leben, das wahre Leben läuft.

Glauben heißt: Herkunft aus Gott haben. Glauben heißt: Darum kann ich für andere da sein.

Glauben heißt: Sinnvoll leben. Wage es!

Dann würde es sogar von Dir gelten, was Jesaja gesagt hat:

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn(eine Tochter) ist uns gegeben

In die Internet-Welt überersetzt heißt dieser Satz: Follower Jesu zu sein ist anspruchsvoll.

Amen

drucken