Gott wird Mensch und zeigt seine Zärtlichkeit

Johannes 1,1-5.9-14
(1. Christtag 2018, Berlin-Hellersdorf)

Die Predigt setzt voraus, dass der Gemeinde das Marienbild von Lucas Cranach im Dom St. Jakob in Innsbruck zugänglich gemacht wird.

(Kanzelgruß)
Nur noch ein paar Tage, dann beginnt wieder die Vierschanzentournee der weltbesten Skispringer. Oberstdorf, Garmisch, Innsbruck und schließlich Bischofshofen werden wie immer die Stationen sein.

Und nach Innsbruck möchte ich Sie heute zunächst gedanklich entführen und dort in Innsbruck ganz hoch hinauf, aber nicht etwa auf die Berg-Isel-Schanze. Obwohl, das ist schon ganz faszinierend: Da läuft man von der Marie-Theresien-Straße durch die Ehrenpforte und hebt den Blick und hat plötzlich den Schanzenturm ganz nahe vor Augen. Und umgekehrt, wenn die Kamera die waghalsigen Springer auf ihrem Weg durch die Lüfte verfolgt, dann hat man den Eindruck, sie fliegen direkt in die Stadt hinein und der Dom liegt zum Greifen nahe. Ja, zum Dom hin wollte ich Sie gedanklich führen und auch dort wieder ganz hoch hinaus, nicht auf einen der Türme, auch nicht hoch oben zur mächtigen Orgel, sondern gegenüber der Orgel zum Hochaltar, aber auch dort ganz oben hin, denn dort oben befindet sich eines der schönsten Marienbilder, nach 1530 von Lucas Cranach in Wittenberg für den sächsischen Hof gemalt und dann durch Schenkung nach Innsbruck und schließlich dort in den Dom gelangt. Sie haben ein einigermaßen brauchbares Foto dieses herrlichen Gemäldes in den Händen.

Sanft neigt Maria ihren Kopf und berührt den ihres Kindes. Das Kind wiederum schaut zur Mutter auf und greift nach ihr. Ein Bild voller Zärtlichkeit und gegenseitiger Zuwendung. Dabei blickt Maria versonnen, als würde sie nachdenken, was mit ihr und dem Kind später alles geschehen wird. Das Kind dagegen wirkt munter und überaus rege; es wird etwas bewegen. Das ahnt man sofort.

Eine durch und durch menschliche Szene hat Cranach hier gestaltet und dabei zugleich Gott und das weihnachtliche Geschehen ins Bild gesetzt. Was schon immer galt, nämlich, dass Gott auf der Seite der Menschen zu finden ist, das erfährt zu Weihnachten seine Vollendung: Gott wird Mensch. Man mag daher die Menschen unterscheiden, wie man will, nach Geschlecht, nach Besitz, nach Bildung oder wie auch immer. Die Liste der Möglichkeiten ließe sich lange fortsetzen. Das ist ja auch alles nicht grundsätzlich falsch. Aber solche Unterscheidungen werden bedeutungslos angesichts dessen, dass Gott ganz allgemein Mensch wird. Damit werden die natürlichen wie die menschengemachten Unterschiede samt und sonders aufgehoben, so dass jede und jeder sich bei ihm wiederfinden kann.

Und damit erschließt sich auch schon die zentrale Botschaft unseres heutigen Predigttextes aus dem 1. Kapitel des Johannesevangeliums. Es ist der Anfang dieses Evangeliums, der in dem Satz gipfelt: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Dabei ist es wichtig für unser Verständnis, dass wir uns schon beim Hören über die Bedeutung des Begriffes „Wort“ im Klaren sind, der in dem Schriftabschnitt ständig begegnet. „Logos“ ist die griechische Vokabel, die hier im Text steht. Und so wie auch bei uns im Deutschen „Wort“ nicht nur ein einzelnes gesprochenes Wort meinen kann, sondern auch einen ganzen Satz oder sogar viele Sätze, wenn es von einer Situation etwa heißt: „Er sagte ihm ein gutes Wort.“ Und wenn Christen von „Gottes Wort“ sprechen, dann meinen sie in der Regel die ganze Bibel, und das sind bekanntlich abertausende Wörter.

„Logos“ im Griechischen ist anfangs auch ein einzelnes Wort, bald aber umfasst der Begriff sehr viel mehr, er wird zu einem philosophischen Prinzip und schließlich auch zu einer Umschreibung für Gott. Und genau diese Bedeutung übernehmen die Autoren des Neuen Testaments. Wenn sie den Begriff „Logos“ verwenden, dann meinen sie zwar gelegentlich auch ein einzelnes Wort, das da gesagt wird. Meistens aber haben sie bei „Logos“ das Göttliche im Blick. Und dann ist Logos immer ein Begriff oder ein Titel, der zu Jesus Christus gehört. Wenn wir also jetzt Verse aus Johannes 1 hören, dann sollten wir stets „Christus“ oder „Jesus Christus“ mitdenken, wenn der Satz sich auf „das Wort“ bezieht oder „das Wort“ ausdrücklich benennt. Wenn wir das tun, verstehen wir auch sofort, worum es hier im Text geht, nämlich darum, dass der „Sohn“ – noch so ein Titel für Christus – von Anfang beim „Vater“, also bei Gott, war und untrennbar mit ihm verbunden ist. Deshalb fängt Johannes 1 auch fast genauso an wie die erste Schöpfungserzählung in 1.Mose 1. Und wir verstehen von daher natürlich auch sofort das Staunen und die Freude des Evangelisten darüber, dass dieser ewige Logos sich mit den Menschen verbindet. Deshalb klingt der Text ja beinahe wie ein Hymnus. Und wir verstehen schließlich auch die Trauer des Evangelisten darüber, dass nicht alle das begriffen und ergriffen haben.

Und nun hören wir auf Johannes 1, die Verse 1 bis 5 und 9 bis 14.

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. … 9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Johannes umschreibt hier das Wunder der Weihnacht: Gott wurde Mensch und in der Folge dessen eröffnete sich für die Menschen, die ja allesamt schon immer Gottes geliebte Geschöpfe sind, dass sie noch viel mehr sein können, nämlich Gottes Kinder, ausgestattet mit allen Rechten, die Kinder ihren Eltern gegenüber haben.

Darüber kann man nun tiefe Gedanken formulieren wie Johannes am Beginn seines Evangeliums.

Man kann auch eine Geschichte erzählen wie Lukas.

Man kann dieses Geschehen ganz schlicht und doch mit höchster Kunst ins Bild setzen wie Lucas Cranach.

Es haben sich deshalb nicht von ungefähr seit den Notzeiten des 30jährigen Krieges bis heute Menschen in all‘ ihrer Verschiedenheit immer wieder gerade diesem Bild zugewandt und in seiner Gegenwart Hilfe erbeten von dem, der da im Kleinen doch schon so groß ist. Und sie haben Fürsprache gesucht durch die, die Jesus zur Welt bringen durfte. So wurde das Gemälde des Wittenberger Protestanten Lucas Cranach zum berühmten Maria-Hilf-Bild von Innsbruck. Und wer heute den Innsbrucker Dom betritt, schaut auf zu diesem „Gnadenbild“ und mag bei seinem Anblick eine Ahnung bekommen von der Menschlichkeit Gottes, ja von Gottes Zärtlichkeit und Freundlichkeit.

Das Wunder der Weihnacht: Wie gesagt, wir können uns tiefsinnige Gedanken machen oder eindrücklich erzählen. Wir können auch versuchen, das wunderbare Geschehen irgendwie ins Bild zu setzen wie Lucas Cranach und viele andere. Und: Wir können singen! Singen ist ja eine besonders innige Form der Anbetung, denn wer singt, betet doppelt. So jedenfalls sagte das schon der Kirchenvater Augustin. Das wollen wir nun gemeinsam tun. Vielleicht schauen Sie beim folgenden Lied auch immer wieder einmal auf Cranachs Gemälde, denn den Text kennen Sie ja sowieso ganz oder fast ganz auswendig: „Stille Nacht, heilige Nacht …“

Und der Friede Gottes … Amen.

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