Unsere Erde, die Oase im Nichts!

Liebe Gemeinde,
mitten im Kalten Krieg schickten die USA Astronauten auf den ersten bemannten Flug zum Mond. Die Besatzung bestand aus dem Kommandant Frank Bormann sowie den Astronauten William Anders und James Lovell. Ihre Aufgabe war es den Erdmond zu umkreisen. Sie waren die ersten Menschen, die die Rückseite des Mondes mit eigenen Augen gesehen haben.

Zu Heiligabend, heute genau vor 50 Jahren, gab es eine Fernseh-Liveschaltung zur Apollo 8-Raumkapsel. Sie befand sich zu dieser Zeit auf der Mondumlaufbahn, über 380.000 Kilometer von der Erde entfernt. Für uns hier, eine unbegreifliche Entfernung.

Zur Liveschaltung machte die NASA dem Kommandanten keine Vorgabe, sie meinte nur: „Du wirst das größte Publikum haben, das Weihnachten jemals einem Menschen im Fernsehen zugesehen und zugehört hat. Mach etwas Angemessenes!“ Da kam der Kommandant ganz schön ins Grübeln.

„Was ist für eine derartig außergewöhnliche und erstmalige Übertragung aus dem All angemessen?“ Schließlich hatte er eine Idee. Besprach sie mit den Kollegen, sie waren einverstanden. Die Astronauten schrieben Verse auf feuerfestes Papier, denn nur das gab es dort oben.

Heiligabend, zur besten Sendezeit, erlebten weltweit etwa 1,5 Milliarden Menschen in 64 Staaten die Live-Übertragung im Fernsehen oder Radio. Die Bilder waren über die weite Entfernung unscharf und der Ton verzerrt. Damals war die Technik noch nicht so ausgereift wie heute.

Und dennoch, niemals zuvor war dieser Blick auf der Erde möglich! Über dem Horizont des Mondes ging langsam die Erde auf. Dann schwenkte die Kamera auf die karge Mondoberfläche. Kommandant Frank Borman schilderte seine Eindrücke: „Hier ist Apollo 8 mit einer Live-Übertragung vom Mond … mein eigener Eindruck ist der einer gewaltigen, einsamen Ausdehnung von Nichts.“

Kollege Jim Lovell fuhr fort: „Ja, Frank, meine Gedanken sind ähnlich. Die riesenhafte Einsamkeit des Mondes hier oben ist furchteinflößend. Sie lässt einen begreifen, was ihr zu Hause auf der Erde wirklich habt. Von hier ausgesehen, ist die Erde eine grandiose Oase in der weiten Wüste des Weltalls.“

Dann nahmen die drei Astronauten, einer nach dem anderen, das feuerfeste Papier zur Hand und begannen vorzulesen. Auf der fernen Erde hallt es aus Millionen Empfangsgeräten:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.“ Gebannt lauschten die Menschen den Worten der biblischen Schöpfungsgeschichte: „Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“

Kommandant Borman beendete die Live-Schaltung mit den Worten: „Und Gott sah, dass es gut war“. Und die Besatzung der Apollo 8-Kapsel fügte hinzu: „Wir schließen mit: Gute Nacht, viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.“

Nach ihrer Rückkehr sagten die drei Astronauten: „Mit vielem hätten sie gerechnet. Nur damit nicht, ins All zu fliegen um die Schönheit der Erde zu entdecken. Frank Borman sprach vom „schönsten, herzzerreißendsten Anblick in seinem Leben“. Dieses Bild habe in ihm „das schiere Heimweh“ ausgelöst. „Die Erde war der einzige farbige Punkt im All.“

Heute, vor 50 Jahren, fotografierte die Apollo 8-Crew zum allerersten Mal den blauen Planeten aus dem All. Die Oase in der unendlichen Wüste des Universums. So hatten Menschen die Erde noch nie gesehen. Jetzt können wir diese Bilder in den Medien sehen, ohne selbst jemals im All gewesen zu sein.

Das NASA-Foto (AS8-14-2383HR) des 24. Dezember 68, mit dem Titel Earthrise (engl. Erdaufgang), ist zu einem zeitlosen Symbol geworden. Es zeigt ganz deutlich, die Schönheit und auch die Verwundbarkeit der Erde.

Natürlich wussten die drei Astronauten auch, wie dunkel es auf dem blauen Planeten werden kann! Der Vietnamkrieg war voll im Gange, die 68iger Protestbewegung auf ihrem Höhepunkt. 1968, in diesem Jahr wurde Martin Luther King ermordet und russische Panzer walzten den Prager-Frühling nieder.

Wie wunderschön und zugleich gefährdet der blaue Planet ist, erforschen nicht nur die Naturwissenschaften. Das lehren auch alle Religionen der Welt.

Zu jedem religiösen Fest gehört so eine Art „Live-Schaltung aus dem Universum“, die uns anregt, unsere eigene Welt mit anderen Augen zu sehen.
Wie Frank Bormann in der Kapsel ausrief: „Oh, mein Gott! Seht euch dieses Bild da an! Hier geht die Erde auf. Mann, ist das schön!“

Jedes religiöse Fest empfängt solch prophetische Botschaften, wie die uralten Verse auf dem feuerfesten Papier der Astronauten. Auch wenn sich die Religionen immer wieder um die Übertragungsrechte streiten, die Technik noch anfällig ist und das Bodenpersonal manchmal versagt – die Übertragung bricht nie ab.

Jahr für Jahr wird zu Weihnachten, an unzähligen Orten der Welt, die
„I have a dream“-Rede des jüdischen Propheten Jesaja übertragen:

Sie erinnern sich? Unsere heutige erste Lesung? Das Volk das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht…. (Jesaja 9,1-6)

Aus dem dunklen Mutterschoß kommt ein Kind ans Licht. Winzig und verletzlich liegt das Neugeborene da, wie der blaue Planet in der weiten Wüste des Weltalls.

Als nacktes Menschenleben kommt die göttliche Botschaft zur Welt. Und ist nicht totzukriegen. Auch nicht am Kreuz. Das Licht bleibt in der Welt. Mit dem Traum von Martin Luther King. Mit den Blütenträumen des Prager Frühling. Mit der Sehnsucht nach dem Messias.

Nirgends, selbst in den Familien nicht, gibt es eine heile Welt. Zum Fest des Friedens wird gestritten und geschossen.

Doch wer zum Mond fliegen kann, kann auch die Welt retten. Die Menschheit im Jahr 2018 ist (wie niemals zuvor) in der Lage, ihre Krisen zu bewältigen und ihre Probleme zu lösen. Sogar Hunger, Krankheit und Krieg wären beherrschbar.

Am Anfang war alles gut. Und am Ende wird alles gut sein. Dazwischen ist die Religion kein Ersatz für menschliches Versagen. Religion wirkt eher wie die Versorgungsleine beim Weltraumspaziergang. Glaube ist mentale Unterstützung! Glaube schenkt Energie! Glaube spendet Licht! Glaube öffnet Horizonte!

Und so wünschen wir uns, mit dem Blick auf unser heutiges Weihnachtsfest, das was uns die Besatzung der Apollo 8 wünschte:
„Gute Nacht, viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Martina Berlich.)

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