Ein Lied zieht hinaus in die Welt – von Frieden singt es

Stille, dunkle Nacht hatte sich über das Land gelegt. Die Landschaft mit ihren Täler und Höhen. leuchtete schneebedeckt, unschuldig, friedlich, glänzend weiß. Der Schnee, wie gerade vom Himmel gefallen, nahm alle Geräusche in sich auf. Die ganze Welt schwieg… Alles war Frieden, Ruhe und für einen Augenblick schien alles still zu stehen … Heilige Nacht ?

1818 in Oberndorf bei Salzburg sah es vielleicht so aus, als die Menschen zum Gottesdienst in der Heiligen Nacht zusammenkamen.

Es war dunkel, es war kalt,  auch in manchen Herzen. Es waren kalte und finstere Zeiten. Die napoleonischen Kriege lagen noch nicht lange zurück. Die Auseinandersetzungen zwischen Bayern und Österreichern waren gerade erst beendet worden. Das Schweigen der Waffen war für die Unterlegenen vielleicht das Beste an diesem Frieden. Die Herzen aber beherrschten  mitten in der Stille der Nacht Fragen und Sorgen: was wird die Zukunft bringen.

Es war stille mitten in der Nacht, 1818, als zum ersten Mal dieses Weihnachtslied gesungen wurde. Der katholische Geistliche Joseph Mohr hatte 1816 den Text geschrieben hat. In diesem Jahr hatte er seinen Küster, Lehrer und Organisten Franz Xaver Gruber gebeten, für zwei Solostimmen, einen Chor und Gitarrenbegleitung eine Begleitung für dieses Weihnachtsgedicht zu schreiben. Und Gruber fand eine einfache Hirtenmelodie, die auch nach einem Wiegenlied klingt.

Wir wäre es, wenn unsere Welt für einen Augenblick ganz still würde? Wir sind oft so gnadenlos dem Lärm und der Hektik ausgesetzt. Wir fühlen uns getrieben und werden zugleich im Lärm und im Sturm der Bilder, die auf uns einstürzen, taub und blind für Wesentliches. Nehmen wir die Menschen um uns herum noch wahr, lassen wir uns vom Leid und Elend so vieler weltweit anrühren, spüren wir die Sehnsucht der Welt nach Frieden, lesen wir in den Augen die Sorgen und Ängste vor einer ungewissen Zukunft?

Wenn es einen Augenblick ganz stille um uns und in mir werden würde: „Jede Stille in mir ermöglicht eine Geburt hinein ins Leben. Im Raum der Stille kann ich mir selbst begegnen und Gott in mir und um mich herum wahrnehmen.“ In der Stille werden meine Wahrnehmungen geschärft. Die „Stille Nacht“ ist eine wahrhaft heilige Nacht. 

Wir singen, 200 Jahre nachdem dieses Lied in die Nacht hinein erstmals erklang, die ersten beiden, bekannten und unbekannten Strophen dieses Liedes.

Mittlerweile wird „Stille Nacht“ in 300 Sprachen der Welt gesungen. Singende Händler haben es aus dem kleinen Dorf bei Salzburg in die ganze Welt hinaus getragen. Es ist Weltkulturerbe. Und es ist im besten Sinne des Wortes ein Weltfriedenslied geworden. Denn es hat die Kraft, dem Sehnen und den Träumen der Menschen von einer heilen Welt voller Frieden und Versöhnung Ausdruck zu verleihen. Wie kaum ein anderes Weihnachtslied bringt es die Botschaft der Engel zum Leuchten: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, auf allen Menschen ruht nun Gottes Wohlgefallen. Dieses Lied öffnet Augen und Ohren dafür, in dieser Nacht und in diesem Kind aus der Krippe Gottes Liebe leuchten und lachen zu sehen, gewiss zu werden, dass Gottes Gedanken voller Frieden und voller Aufmerksamkeit für jeden einzelnen sind. Allerdings braucht es wirklich die Stille, um diese Botschaft zu vernehmen. Es braucht die Ruhe, um sich ihr ausliefern zu können.  Dann hat sie die Kraft heute schon die Welt zu verändern. Josef Mohr hat wohl nicht geahnt, dass es ihm so gelingt, Menschen zu einem Weihnachtsfrieden zu führen, als er in einer Zeit, in der auch in der kleinen Welt Oberndorfs die Folgen des kriegerischen Streites unter Menschen und Völkern täglich zu spüren war, die Gewissheit und Zuversicht besang, dass alle Völker der Welt eingeschlossen und umschlossen sind von der Liebe Gottes. Denn weil Gott Mensch wurde, weil Gottes Macht sich darin zeigt, als Kind schwach und auf Fürsoge angewiesen, allen ein Bruder, ein Freund, einer unter unsresgleichen zu sein, darum gibt es nicht mehr Freund und Feind, sondern nur noch Menschen- und darum Gotteskinder überall auf der Welt.

Diese Einsicht, diese Hoffnung, diese Tat der Liebe Gottes, hat unsere Welt schon längst verändert, auch wenn wir uns noch nicht alle geändert haben und immer noch Unterschiede machen, die Welt in Freund und Feind einteilen, in die Guten und die Schlechten, in die uns Nahestehenden und die uns nicht Interessierenden. Gottes Größe zeigt sich an seiner Liebe und Aufmerksamkeit, an seiner Zuwendung und seiner Menschlichkeit für jeden Einzelnen. Gottes Liebe ist nicht exklusiv nur für wenige bestimmt, sondern umschließ und umfasst die eine, ganze Welt. Weihnachten 1914 erklang in Flandern an der Frontlinie zwischen britischen und deutschen Truppen das Lied „Stille Nacht“ und wurde am Ende auf beiden Seiten gesungen. Die Waffen schwiegen. Da klingt die Botschaft, von der Stillen Nacht  noch einmal ganz anders, wenn wirklich die Waffen schweigen und dieses Geschenk der Stille für einen Augenblick einzieht. Ich wünschte mir, dass nicht nur heute Abend so die Waffen des Streites in den Familien,  zwischen den Generationen, in der Arbeits- und Berufswelt, in der Gesellschaft und zwischen Völkern schweigen und alle spüren, dass die Welt sich längst verändert hat, wo Gott Mensch geworden ist. Jemand hat weise über dieses Lied geschrieben „Stille Nacht, heilige Nacht“ erinnert uns nicht daran, wie die Welt ist, sondern daran, wie sie vielleicht sein sollte: Viele Menschen,…, sehnen sich nach Stille und Frieden, hoffen auf Liebe und Rettung: warum sollte man dieser Sehnsucht nicht Ausdruck verleihen: Es lässt eine andere Welt ahnen, wenn es erklingt (Hermann Kurzke). Das ist eine wunderbare Leistung; …“

Wir singen die Strophen drei und vier

Insgeheim wirft dieses Lied aber nicht nur ein anderes Licht auf unsere Welt, sondern verändert unsere Wahrnehmung Gottes. Er ist manchen fraglich geworden,  weil sie unter ihrem Leben leiden, manchen ist er gleichgültig wie das Wetter,  wo es schließlich egal ist, ob es regnet oder stürmt,  anderen ist er keine wirkliche Option, sie leben als ob er nicht ist. Aber dann fühlen sie sich durch das Leben bedroht, fragen angesichts ihrer persönlichen Schicksalsschläge, angesichts von Krankheit und Tod nach Gott, fürchten seine Strafe oder verzweifeln an ihrer und seiner Ohnmacht angesichts der Brutalität der Alltages, der Verhältnisse und der weltpolitischen Situation. Kann ich angesichts der Hunger- und Naturkatastrophen, angesichts der Bürgerkriege und der politischen Auseinandersetzungen an einen gütigen und gnädigen Gott glauben?

Gottes Antwort ist es nicht, machtvoll dazwischen zu gehen, wo Menschen sich befeinden, sondern sich als Menschenkind an die Seite der Ohnmächtigen, Schwachen, Fragenden und Ausgelieferten zu stellen und ihnen zu vermitteln: Gerade, wenn du Gott am fernsten glaubst, ist er dir am nächsten. Du bist nicht allein, du bist gehalten und getröstet. Gott straft nicht, Gott trägt dich hindurch. Er ist Mensch geworden. Wir dürfen von Gott ganz menschlich reden. Wir dürfen Gott ganz menschlich denken und ihn ganz menschlich glauben. Größer und machtvoller geht es eigentlich nicht. Die Kirchenväter haben einmal erklärt: Gott ist Mensch geworden, damit wir göttlich werden.“ Genauso aber gilt: Gott ist Mensch geworden, damit wir erkennen, was es heißt, Mensch zu werden und Mensch zu sein: fürsorglich und auf Fürsorge angewiesen; liebesbedürftig und zur Liebe fähig, auch im Streit fähig, Hände zur Versöhnung auszustrecken, voller Sehnsucht nach Leben und dem Leben auch im Angesicht des Todes versprochen. So denkt Gott über uns und als einen, der uns dazu ganz nahe kommt, dürfen wir ihn glauben und erhoffen.

Jubelnd erzählt das Weihnachtslied davon: Christ – in deiner Geburt – Jesus in Menschengestalt – Jesus, die Völker der Welt – aller Welt Schonung verhieß – um am Ende auszurufen: Jesus oder Christus: der Retter ist da!

So singen wir die letzten beiden Strophen und lassen uns sagen Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll. Euch ist heute der Heiland geboren, Christus der Herr!  Amen

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