Leben mit Substanz

Predigt Römer 15/4-13, 3. Advent (neu), Predigtreihe I, von Pfarrer Johannes Taig

4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.
5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht,
6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.
8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;
9 die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): „Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.“
10 Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!“
11 Und wiederum (Psalm 117,1): „Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!“
12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.“
13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.


Liebe Gemeinde,

„Leben mit Substanz“: Die Moderatorin im Fernsehen fragt die Leute auf der Einkaufsstraße: Was macht ihr Leben zu Weihnachten schön? Was gönnen sie sich? Viel Phantasie braucht man nicht: Essen, Trinken, sich ein bisschen Luxus gönnen, Elektronik, Fernsehen, Düfte und Kosmetik. Weit abgeschlagen und von der Moderatorin eher unwillig zur Kenntnis genommen: Familie, Gesundheit und ein bisschen Frieden. Das kann man eher nicht gebrauchen, denn wir wollen doch Hoffnung schenken, indem wir unsere Konjunktur am Laufen halten. Denn nur darauf können wir in Zukunft wirklich bauen. Franz Beckenbauer hatte es begriffen, wenn er in der hartnäckig unvergesslichen Werbung beim Anblick des neuen Handys ausruft: Ja ist denn heut schon Weihnachten!?

„Leben mit Substanz“. Besonders an Weihnachten ist es heiß begehrt und verzweifelt gesucht. „Leben mit Substanz“, das ist in erster Linie eine Frage der Wünsche und Hoffnungen und ihrer Erfüllung und der Frage, was sie dann taugen bis zum nächsten Weihnachtsfest. In manchen gestressten Gesichtern, in die man in diesen Tagen auf den heimelig beleuchteten Straßen blicken kann, steht schon die Antwort: Nicht viel.

Aber vielleicht haben wir gerade dann besonders offene Ohren und Herzen, wenn Paulus von Hoffnung spricht. Und nicht nur von Hoffnung, sondern von Trost und Freude. Und nicht nur von Trost und Freude, sondern von aufkommendem Jubel und Erfüllung. Und nicht nur Jubel und Erfüllung für das auserwählte Volk Gottes, sondern auch für die Heiden, sprich für alle und jeden. Und nicht nur für alle und jeden, sondern für die ganze Welt.

Nur an dieser einen Stelle lässt Paulus, der bedachte Theologe, sich hinreißen zu der äußerst überraschenden Wendung vom „Gott der Hoffnung“. Ein Fehler im Eifer des Briefschreibens? Ja bitte, was soll Gott denn noch hoffen? Er ist schließlich von Ewigkeit zu Ewigkeit und von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge (Römer 11/36). Was wäre das für ein Gott, der noch Wünsche offen hat? Stehen die dann auf dem Wunschzettel für den Weihnachtsmann?

Aber vielleicht … Aber vielleicht hofft dieser Gott der Hoffnung ja gar nichts für sich – sondern alles für uns. Vielleicht hofft dieser Gott, der alles hat, dass auch wir alles haben. Vielleicht möchte dieser Gott, der alles in allem ist, nicht nur ganz bei sich sein, sondern hofft, auch bald ganz bei uns zu sein und wir bei ihm. Ja bitte, sagt ihr schon wieder, die Logik! Wenn Gott alles in allem ist, dann ist er ja wohl auch schon bei uns. Und recht habt ihr! Aber wissen wir es denn? Nehmen wir es wahr? Leben wir danach? Hoffen wir auf ihn? Haben wir den, der in keiner Herberge auf dieser Welt eine Bleibe fand, schon in unser Herz aufgenommen wie der Stall von Bethlehem das Kind in der Krippe?

Martin Luther wie immer messerscharf zur Stelle: Paulus unterscheidet durch diese Bezeichnung die falschen Götter vom wahren Gott. „Die falschen Götter nämlich sind Götter über das, was man schon hat; sie nehmen Besitz von denen, die nichts von Hoffnung wissen, weil sie sich auf das verlassen, was sie schon haben.“ (vgl. Luther-W Bd. 1, S. 261)

Könnte doch gut sein, dass es gar nicht die Schlechtigkeit der Welt, die Tristesse des eigenen Lebens oder das erbärmliche Erscheinungsbild der eigenen Religionsgemeinschaft ist, die das Weihnachtsfest so saft- und kraftlos erscheinen lassen, sondern das, was wir an eigenen Hoffnungen, an eigener Kraft, an eigenen Anstrengungen dagegen aufbieten. Die Hoffnung auf das, was wir schon haben und vielleicht noch schaffen können ist der größte Feind des Gottes der Hoffnung, der uns geben will, was wir eben nicht haben und auch nicht schaffen können. Das Leben mit der eigenen Substanz ist der eigentliche Konkurrent des wahren Lebens mit Substanz. Die Advents- und Weihnachtsbotschaften lassen es in die Welt hinaus klingen: Dieses wahre Leben mit Substanz findest du nicht. Es findet dich!

Wie die Hirten auf dem Feld. Es ist ja alles andere als ein Zufall, dass sie es sind, über denen sich der Himmel öffnet. Der Gott der Hoffnung kommt im Kreis von Hoffnungslosen zur Welt. Im Kreis von Menschen, die am unteren Ende der Gesellschaft stehen und für die alle Aufzüge in die oberen Etagen längst abgefahren sind. Ja, ist denn heut schon Weihnachten!? Das hat im Mund dieser Menschen einen anderen Klang. Und die Engel singen „Ja“ und „Halleluja“! Und Frieden auf Erden, und Trost und Freude, und Leben mit Substanz – gerade für die, die keine Substanz, ja nicht einmal ein Leben zu haben scheinen. Gerade für die. Und nicht nur Trost und Freude, sondern Jubel und Erfüllung. Und nicht nur Jubel und Erfüllung für das auserwählte Volk Gottes, sondern auch für die Heiden, sprich für alle und jeden. Und nicht nur für alle und jeden, sondern für die ganze Welt.

Denn so steht es geschrieben. Schlag nach bei den Alten, bei Mose, den Psalmen und Propheten, bis es dir wie Schuppen von den Augen fällt: Das ist Gottes Wille schon immer gewesen. Er will der Gott der Hoffnung sein, besonders für die, die keine Hoffnung mehr haben. Und deshalb können wir uns auf sein Kommen gar nicht besser einstellen, als dass wir unsere Hoffnungen wegwerfen und unsere Schätze nicht überschätzen. Deshalb ist die Einsicht überaus heilsam, wie substanzlos unser weihnachtliches Treiben doch ist, und wie erbärmlich unsere Lichtlein – ohne das große Licht, das an Weihnachten aufgeht. Zu retten ist das wohl nur so: Dass wir unsere kleinen Schätze, Lichter und Geschenke, Zeichen sein lassen für den Gott der Hoffnung und des Friedens – Zeichen der Hoffnung, dass er auch uns findet.

Paulus wäre nicht Paulus, wenn er uns nicht wenigstens einen Tipp für ein Weihnachtsgeschenk mit Substanz geben würde, das gegen das große Weihnachtsgeschenk Gottes nicht verblasst. Wer sich an Weihnachten vom Gott der Hoffnung beschenkt und beseelt weiß, hat es sozusagen immer dabei und einpacken braucht man es auch nicht.

Es heißt: Nehmt einander an. Ja, bitte, sagt ihr vielleicht jetzt noch einmal. Das ist jetzt das dicke Ende der Predigt. Der erhobene Zeigefinger mit Weihnachtssternchen. Jetzt wird angetreten zum Weihnachtsappell. Das hat ja noch nie funktioniert, nicht bei den Heiden und bei den Christen schon gar nicht. Selbst mit den größten Anstrengungen kämen da immer nur Waffenstillstände heraus, auch an Weihnachten.

Da sage ich Euch mit Paulus: Eben! Bei eueren größten Anstrengungen kann auch nichts Besseres herauskommen. Aber das Geschenk heißt in Wirklichkeit: Nehmt einander an – wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Ja, bitte, sage ich euch, und bitte heißt bitte, schaut euch das große Geschenk vom Gott der Hoffnung doch einmal genau an: Christus hat Euch angenommen! Dieses Geschenk ist einfach zu groß, um es für sich zu behalten und zu groß, um es alleine auszupacken. Es hat halt wirklich Substanz.

Die Predigt zum Hören

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