Mit alten und neuen Liedern Gott entdecken (Römer 15, 4-13)

„Golli“ nannten ihn selbst noch im hohen Alter seine Freunde, ihn den „Revoluzzer“, den friedensbewegten Sitzblockierer, den Gerechtigkeitsfanatiker, den streitbaren, radikalen Gottesdenker. Er hatte allerdings nicht nur Freunde, viele nahmen ihm seinen unbedingten Einsatz für Menschen, egal wer sie waren oder was sie getan hatten, übel, vor allem die Besuche im Gefängnis bei Ulrike Meinhof oder mehr noch an ihrem Grab, um als Christ und Pfarrer von Trost und Hoffnung zu reden, ohne Gewalt als Mittel der Politik gutzuheißen. Wer ihn im Alter zu Hause besuchte, musste damit rechnen, einen singenden Helmut Gollwitzer anzutreffen. Besonders gerne sang er Volkslieder, die er aus seiner Kindheit und Jugend kannte. Sie waren eigentümlicher Ausdruck einer großen Lebensfreude und Heimatverbundenheit, er war ein linker Patriot, was ihn wiederum anderen verdächtig machte. Seine Volks-Lieder erzählten wahrscheinlich  von Herz und Schmerz, von Liebe und Sehnsucht, von Kindheit und Geborgenheit, von den Wurzeln, die Halt geben, und dem Boden unter den Füßen, der Stand und Sicherheit gibt. Seine Lieder besangen das Leben und machten Lust darauf. Sie werden immer noch belächelt und mitgesungen. Sie können Generationen verbinden. Und vor allem erreichen sie in allen Generationen Tiefenschichten der Gefühlswelt, die sonst verschlossen blieben. Herz und Schmerz brechen durch und verschaffen sich Gehör.

Dietrich Bonhoeffer war kein langes Leben vergönnt. In der gleichen Zeit wie Helmut Gollwitzer aufgewachsen, ebenso ein Repräsentant der bekennenden Kirche und im Widerstand gegen die Barbarei und Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, verbrachte er die letzte Zeit vor seinem gewaltsamen Tod im Gefängnis und ernährte sich geistlich aus zwei Quellen, die ihm Trost, Halt und Mut schenkten. Das waren die Herrnhuter Losungen und die Lieder Paul Gerhardts. Die Losungen halfen ihm Welt und Zeitgeschehen im Lichte des Gotteswortes zu deuten, wovon unzählige Tagebucheintragungen zeugen, und die Lieder Paul Gerhardts konnte er seinem Frage , seinem Zweifeln entgegensetzen und mit ihnen seinem Hoffen und Vertrauen Nahrung geben und sich Gottes vergewissern. Viele Lieder hatte er im Kopf, aber das Gesangbuch in den Händen wurde ebenso zu einem unverzichtbaren Lebensmittel. Ob er deshalb aufrecht, selbstbewusst und ungebrochen in den Tod gehen konnte, in der Gewissheit, damit nicht am Ende, sondern am Anfang zu stehen?

Am Ende eines langen Lebens hielt Dorothee Sölle am Bett ihrer sterbenden Mutter aus. Da war sie Kind und Tochter wie unzählige andere vor ihr und nach ihr, mit den gleichen Gedanken und Gefühlen, Erinnerungen, Fragen, Ängsten und vielleicht auch Hoffnungen, was angesichts des Todes bleibt. In der Zeit, in der sie mit der Mutter nicht mehr reden, sondern nur noch ausharren, schweigen und bei ihr sitzen konnte, sang sie – Abendlieder.

Gerade diese Lieder bewegten und beruhigten sie und die Sterbende. Der Tod, diese letzte zutiefst menschliche Erfahrung, die uns so fremd bleibt, weil wir ihn, den Tod, nur einmal am Ende durch eigenes Sterben erleben werden, ansonsten ständig mit ihm leben müssen, er wurde und wird auch von uns besungen als Schlafes Bruder, am Ende des Tages, wenn wir uns erschöpft zur Ruhe betten, unsere Kleider beiseite legen und uns auf die erholsame Ruhe der Nacht freuen. So singen auch die Abendlieder im Gesangbuch vom Tod, von Trost und von Hoffnung in seiner Gegenwart.

Und jetzt müsste ich von uns erzählen….

Wann singen wir eigentlich?

Welche Lieder spielen in unserem Leben eine Rolle?

Was lösen sie in uns aus?

Ich könnte von einer Familie erzählen, die wünschte sich am Grab des Verstorbenen keine Predigt, sie wollten nicht viele Worte machen, aber sie wollten singen, ein Passionslied, alle Strophen: O Haupt voll Blut und Wunden und sie fanden, dass damit doch alles über das Leben, über das Leiden, über das Sterben und über das Hoffen gesagt sei.

Ich könnte erzählen von meinen Zeiten in Taize mit Jugendlichen, für die der normale Gottesdienst mehr Pflichtübung der Konfirmandenzeit als Herzensangelegenheit war und die in Taize fasziniert eintauchten in Gebets- und Gottesdienstformen, die fast ausschließlich aus einfachen Gesängen bestanden. Diese Lieder, berührten sie tief im Innern, dort wo Worte allein nicht hinkommen, nur mit Melodien und Töne. Mit einem Mal klangen in der Vielstimmigkeit junger und alter Stimmen die Hoffnung und der Trost, die Geduld und die Vergebung, die Liebe und die Sorge, der Tod und das Leben ganz anders. Sie mussten nicht mehr erklärt werden, sie waren da und sie waren real: da war Geduld und Trost, Hoffnung und Liebe, Vergebung und Auferstehung, keine leeren Worte, sondern gesungene und erlebte Wirklichkeit. „Christus, meine Zuversicht, auf dich vertraue und fürchte mich nicht.“ „Laudate omnes gentes, laudate Dominum – Lobsingt ihr Völker alle, lobsingt und preist den Herrn“… 

Die Sprache der Musik ist eine Sprache, die manchmal direkt aus dem Himmel kommt, manchmal aber auch die Hölle beschreibt, in der Menschen sich wiederfinden können, zumindest aber aus dem Herzen keine Mödergrube macht, wenn sie ehrlich ist. Nicht alle Musik ist harmonisch, himmlisch und schön, aber emotional,  deutlich und ohne Sprachkenntnisse verständlich.

Ob deshalb die Adventszeit eine Zeit der Lieder sein muss, und in diesen Tagen ganze Stadien voll sind, nur um Advents- und Weihnachtslieder zu singen? 

Es wird sie nicht überraschen, wie wichtig deshalb im Gottesdienst die Kirchenmusik ist, wie schön es ist, wenn im Gottesdienst nicht nur der Chor der Stimmen sich erhebt, sondern auch die Orgel zum Gotteslob anhebt. Sie werden sich erinnern, wie oft die Predigt sie vielleicht nicht erreicht, aber ein Vers aus dem Gesangbuch oder dem Psalter als dem Lieder- und Gebetsbuch der Bibel sie die Woche über begleitet und getröstet hat.

Sie werden sich vielleicht erinnern, wie ihnen manchmal eigene Worte zur Erklärung versagt geblieben sind, aber sie noch ein Lied singen konnten, dass ihnen in den Sinn kam und wie gut es tat, dass neben ihnen jemand mit sicherer und fester Stimme mitsingen konnte.

Vielleicht erinnern sie sich an gesellige Abende, an denen gesungen wurde, oder sie hatten Zeiten in einem Chor, wo der der gemeinsame Gesang in einem Konzert ihnen zum Gottesdienst und Lebensfest wurde.

So ist das mit der Musik. Sie erklärt viel besser als Worte, worin der Apostel das Wesen, den Auftrag und das Geschenk der Gemeinde/Gemeinschaft sieht: wir dürfen durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben, einträchtig, einmütig (dennoch vielstimmig) Gott loben, einander annehmen und Gott die Ehre geben. Wir dürfen mit unseren Liedern einladen und Gott den Menschen versprechen und erleben, wie sich Wirklichkeit so wahrhaft verändert. Die Frage eines modernen Tauflied ist durchaus ernst: Kind, du bist uns anvertraut./ Wozu werden wir dich bringen? „Wenn du deine Wege gehst, / wessen Lieder wirst du singen? Welche Worte wirst du sagen / und an welches Ziel dich wagen?“ Deswegen ist es so wichtig, auch die alten Adventslieder zu singen, von zeitloser Sehnsucht und Erwartung, von Hoffen auf Gottes Zuwendung und Erlösung für die Welt, von Spuren der Liebe und Zuwendung Gottes, von dem Kind, in dessen Gegenwart ich alles zu glauben und hoffen vermag. Und ich staune, wie alte Lieder immer wieder neue Anhänger, neuen Sängerinnen und Sänger finden. Denn das ist der Auftrag und das Wesen der Musik als Himmelsgabe Gottes oder Entlarvung höllischer Zustände, uns Gottes Gegenwart und Nähe zu versprechen. Noch einmal soll mit F.D.E. Schleiermacher ein prominenter Zeuge zu Wort kommen, an den ich vor einigen Wochen an seinem 250.Geburtstag erinnert habe, für den Gefühl eine wesentliche Lebensäußerung der Religion und damit der Gottesbeziehung und des Glaubens war, und Musik folglich dessen Sprache: Er ließ in einer kleinen Weihnachtserzählung einen gelehrten Menschen sagen:

„Denn jedes schöne Gefühl tritt nur dann recht vollständig hervor, wenn wir den Ton dafür gefunden haben; nicht das Wort, dies kann immer nur mittelbarer Ausdruck sein, nur ein plastisches Element, wenn ich so sagen darf, sondern den Ton im eigentlichen Sinne. Und gerade dem religiösen Gefühl ist die Musik am nächsten verwandt….Niemand wird sagen, es sei ihm etwas Großes entgangen, wenn er die unterlegten Worte auch gar nicht vernommen hat. Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben. Wie Jesus vom Chor der Engel empfangen ward, so begleiten wir ihn mit Tönen und Gesang bis zum großen Halleluja der Himmelfahrt; und eine Musik wie Händel’s „Messias“ ist mir gleichsam eine compendiöse Verkündung des gesammten Christentums.“

So ist es, Amen!

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