Was Engel sagen

Liebe Gemeinde am Weihnachtsabend,

alle Jahre wieder. Herzlich willkommen. Zu Lichterglanz und Engelsliedern, zu Liebesworten und Friedensverheißung. Schön, dass wir hier sind. Mit der Sehnsucht, die vielleicht in uns schlummert oder der Wehmut, die uns anrührt. Mit der Lust am Schenken und dem Warten auf die Geschenke, dem Zusammensein der Familie und dem gemeinsamen Essen. Weihnachtsbaum, Engelshaar, Glocken und Kugeln – was immer in unseren familiären Kulturen zu diesem Abend gehört.

Herzlich willkommen zu Liebesworten und Friedensverheißung. Mit diesen beiden Worten ist die Weihnachtsgeschichte erfasst, zusammengefasst. Unter den Legenden und Geschichten vom neugeborenen Kindelein, unter spärlichen historischen Befunden und weltgeschichtlichen Ereignissen leuchten Liebesworte und Friedensverheißung auf.

Zu einem Mann aus dem Volk, in die Werkstatt eines Schreiners, kommt ein Engel. „Komm nicht auf die Idee, deine Verlobte zu verlassen, weil sie schwanger ist und nicht von dir. Denk nicht dran! Du hast einen Auftrag zu erfüllen!“

Der Prophet Jesaja schreibt von der Stimme eines Rufenden: „In der Wüste bahnt Gott einen Weg, ebnet in der Steppe eine Straße. Die Herrlichkeit Gottes wird sich offenbaren und alle Welt wird im Glanz Gottes wandeln.“

Der Engel Gottes kritisiert das Verhalten des Volkes und stellt das, was selbstverständlich scheint, infrage. „Wozu habe ich euch aus der Sklaverei befreit und euch ins Land gebracht, wenn ihr jetzt alles zunichte macht, indem ihr euch fremden Göttern unterwerft und Regeln und Gesetzen folgt, die euch wieder zu Sklaven machen?“ Und als der Engel des Herren diese Worte zum ganzen Volk gesprochen hatte, erhob das Volk seine Stimme und weinte.

Durch die Engel kommen die Gottesworte. Sie kommen persönlich an einen Menschen oder weltgeschichtlich als prophetische Rede. Die orientalische Welt hatte übrigens keine Schwierigkeiten, sich die Engel ganz menschlich vorzustellen. Engel kamen als Botschafter Gottes ebenso wie als militärische oder politische Nachrichtenüberbringer. Und vor allem kommen sie ganz und gar nicht lieblich, weihnachtlich oder freundlich daher. Die Menschen, die Engel heran rauschen fühlen, bekommen erst einmal einen Schreck. „Fürchtet euch nicht“ ist der typische Beginn einer Engelsrede.

Ja, wir haben Angst in der Welt. Fürchten uns, sorgen uns, wollen uns absichern und bezahlen viel Geld für Versicherungen. Und wir wissen, wie Angst die Kehle zuschnüren kann und wie mit Angst Politik gemacht und Hass geschürt wird. „Fürchtet euch nicht“, das ist schon in sich eine gute Botschaft, die uns zu größerem Vertrauen, zu gelassenerem Handeln und offenerem Umgang miteinander einlädt.

Aber offensichtlich kommen auch die Engel schon so, dass man sich fürchten muss. Die Worte an die Hirten sind keineswegs sanft, auch wenn es um ein neugeborenes Kind geht. Das Kind ist schon König! Und alsbald waren da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die um die Hirten rauschen wie bei Hitchcock die Vögel. Die ganze Gewalt Gottes wird da aufgeboten. Abwenden, wegschauen hilft nicht. Mit ihrem Kommen lösen die Engel Schrecken und Entsetzen aus. Also müssen die Hirten erst mal beruhigt werden. „Fürchtet euch nicht.“

Fürchte dich nicht!“ Diese drei Engelsworte kommen als Einladung, als vertrauensbildende Maßnahme, diese Worte deeskalieren in einer Situation, die Angst auslöst.

Ob wir in dieser Haltung leben können? „Fürchte dich nicht“.

Der Typ in der S-Bahn, betrunken und aggressiv, schlägt nicht zu, lässt den Dunkelhäutigen gehen, weil du dich nicht über ihn geärgert hast und dir keine Angst hast machen lassen, sondern dich freundlich dazwischen gestellt hast und ein Gespräch begonnen hast.

In Sri Lanka können Hunderttausende Tamilen, die 15 Jahre lang in Flüchtlingslagern in Indien gelebt haben, in ihre Heimat, in ihre Dörfer zurück kehren. Weil es Menschen gibt, die ihren Kleinmut und ihre Angst überwunden haben und mit den Regierungen und den Clanchefs verhandeln und ihren Rückkehrwillen durchsetzen. „Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“

Du hast die Lehrerin, du hast den Nachbarn, du hast die Kollegin, du hast den Bruder angesprochen, weil die unausgesprochene Situation, weil das Schweigen , weil der Konflikt nicht immer so weitergehen soll . Du hast Deine Angst überwunden. Du hast nachgefragt, obwohl Du nicht wusstest, wie Dein Gegenüber reagiert. Vielleicht hat dir ein Engel geholfen, der Dich ermutigt hat. „Fürchte dich nicht.“

Der wahrscheinlich berühmteste aller Engel übermittelt die Botschaft an Maria.

In der jüdischen Tradition hat dieser Engel fast ebenso berühmte Vorfahren, die drei Männer, die bei Sarah und Abraham einkehren. Sie kündigen der alten Frau, die schon lange nicht mehr empfängnisbereit ist, eine Schwangerschaft an. Sarah amüsiert sich köstlich darüber. Und sagt, „ich liege schon lange nicht mehr bei Abraham, wir pflegen der Liebe nicht mehr“. Und erschrickt dann doch über die Worte. Und der, der dann in ihr wächst, ist der Hoffnungsträger für das Volk Israel.

Und Elisabeth in der gleichen Lage, alt und kinderlos, wird nach Engelsankündigung den Rufer in der Wüste, Johannes den Täufer zur Welt bringen, und kann es nicht glauben.

Auch Maria erschrickt und überlegt, was der Gruß zu bedeuten hat: „sei gegrüßet, du von Gott Überschattete“. Und der Engel sagt: „Fürchte dich nicht“.

Maria, sie akzeptiert das, stellt sich zur Verfügung, nimmt den Auftrag an. Und um die Geburt dieses Kindes wird etwas spürbar, eine Zusage, eine Verheißung, die auch nach 2000 Jahren noch erzählt wird und uns hier zusammenführt.

Auch der Friedensengel, dessen Geburt wir heute feiern, hat die Gewalt nicht beenden können. Er hat gewaltfrei gelebt und wird 30 Jahre später als Verbrecher von den Römern ans Kreuz genagelt. Aber deutlich hat er gemacht, dass ein anderes Leben möglich ist. Dass es möglich ist, anders als gewalttätig zu leben – und dabei ist es gleichgültig, ob wir auf dem Weihnachtsmarkt Amok laufen oder als Politiker Waffentransporten zustimmen, als Soldaten töten oder bei der Wahl Parteien wählen, die Frontex und Heckler-Koch zulassen. Warum sonst werden diese Liebesworte und Friedensverheißungen immer weiter erzählt?

Ich meine: Weil wir nicht an das glauben wollen, was uns erzählt wird, dass es richtig sei Menschen nach Afghanistan oder Somalia zurück zu schicken, dass es richtig sei, Waffen nach Saudi-Arabien zu liefern, dass es richtig sei, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen und alle zwanzig Sekunden ein Kind in der Welt verhungern zu lassen. Das alles ist Barbarei und Tod. Die Liebesworte und Friedensverheißungen, die sich uns in der weihnachtlichen Musik und den biblischen Worten ins Herz legen, sind Gottes Botschaft, die der Mensch Jesus leben wird: mitten im Lauf, in der berechenbaren Spirale der Gewalt inne zu halten. Zeig der Welt ein anderes Gesicht!

Lebe so, dass sichtbar wird, dass schon etwas spürbar davon ist, dass Frieden möglich ist, dass die Gewalt eben doch aufgehalten wird.

Dem Kain wurde zugetraut, seinen Zorn zu meistern. Hat leider nicht geklappt, er erschlägt seinen Bruder. Aber da war ein Moment, in dem etwas anderes möglich war, ein kurzer Moment, in dem er hätte umkehren können. Nutze diesen Moment, verliebe dich in den Moment, in dem Umkehr möglich ist, an dem Du anders entscheidest.

Dass wir so abfahren auf Weihnachten, ja, das ist Sehnsucht nach Frieden und vielleicht eine Ahnung. Aber ich meine es ist noch mehr. Dieses Leben Jesu, das wir heute mit seiner Geburt feiern, ist eine Einladung zur Umkehr. Was an Leben möglich ist, wenn wir Liebesworten und Friedensverheißung trauen.

Und es ist noch mehr: das Leben Jesu ist eine Aufforderung, eine Herausforderung, ein Auftrag an uns.

Ich sage das sanft und freundlich. Ich bin nur eine Pfarrerin, kein Engel. Der Engel Gottes würde das wahrscheinlich konfrontativer ausdrücken. „Ja, Du bist gemeint, duck dich nicht weg. Dir habe ich etwas zu sagen. Und jetzt hör zu!

Schau dir das an mit dem Menschen Jesus. So kannst Du leben, Deinen Beitrag bringen, umkehren, vom Tod ins Leben. Wenn Du getauft bist, ist Dir schon das mitgegeben worden. Wenn Du nicht getauft, ist das auch nicht entscheidend.

Sieh zu, dass du deinen Teil beiträgst, damit Leben möglich wird. Das beginnt heute.

Das beginnt beim Familienessen, an der Wahlurne, in der S-Bahn, auf dem Schulhof, an der Haustür.

Alles beginnt an Weihnachten mit dem neugeborenen Kind.

Es gilt das das gesprochene Wort.

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