Vom Ich und vom Wir

Predigt über Röm 15, 1-13

  1. Advent, Rhe I, 16.12. 2018

 

Gnade sei mit euch und Friede

Von dem der da ist

und der da war

und der da kommen wird,

Christus, unserm Herrn. Amen

         Off 1,4

 

Liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich?

Reichlich, beweglich, häuslich, aber auch günstich, riesich.

So warb bis vor ein paar Jahren die Postbank. Mit Eigenschaftswörtern, die immer auf „ich“ enden. Das „ich“ wurde noch farblich betont.

Und dann, wie der Kehrvers eines Liedes, der Spruch: „Unterm Strich zähl ich“.

Diese Werbung fiel mir neulich wieder ein. Und ich las noch einmal nach, daß die Meinungen auseinander gehen, ob dieser Satz „Unterm Strich zähl ich“ den Blick auf das eigene Fortkommen nur in Worte gefasst hat – oder die fortschreitende Selbstsucht, die von vielen beklagt wird, befeuert hat.

„Unterm Strich zähl ich“ – war dieser Spruch also Ursache und Anstoß einer Entwicklung -oder hat er sie nur auf den Punkt gebracht?

„Unterm Strich zähl ich“ – ich nenne das egoistisch. Im alten Griechenland, einer Quelle unserer Kultur, hätte man das idiotisch genannt.

Idiot – heute ein Schimpfwort, für jemanden, den man für dumm oder einfältig hält.

Idiot – auf griechisch bedeutet das wörtlich: jemand, der nur an sich selbst denkt. Und auch dort ein Schimpfwort.

„Unterm Strich zähl ich“ – das ist einfältig, greift zu kurz. Das ist idiotisch.

 

Heute kommt unser Predigttext aus dem Römerbrief. Auf zwei Verse kommt es mir jetzt an.

Jeder von uns lebe so, daß er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung. (V 2)

und

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob (V 7), schreibt der Apostel an die Gemeinde in Rom.

Dort gab es Uneinigkeiten und Fraktionen. Damals zog sich der Graben zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Darauf will ich jetzt nicht eingehen.

Doch Gräben, die sich durch eine Gemeinde ziehen, Uneinigkeiten und Parteiungen – das kennen wir – wenn wir ehrlich sind – ja auch heute.

Auch wir unterscheiden manchmal innerhalb einer Gemeinde – z.B. zwischen den aktiven Gemeindeglieder und den inaktiven. Letztere werden dann schon mal „Taufscheinchristen “ genannt. Und nach Weihnachten, wenn sie die Gottesdienste zahlreich besucht haben, werden spitze Bemerkungen über sie gemacht.

Doch ich bin dankbar, dass so viele Menschen der Kirche die Treue halten, auch wenn ich sie selten im Gottesdienst sehe – und gerne öfter sähe. Durch ihre Mitgliedschaft ermöglichen sie uns allen, unsere Angebote in dieser Breite zu machen. Und das mit der Einladung an alle, nicht nur die im inneren Kreis.

Und ich bin auch ein bißchen neugierig: Was glauben, hoffen, lieben Menschen, die ich nur selten im Gottesdienst oder einer Veranstaltung sehe?

Was kann ich mit ihnen entdecken? Was kann ich von ihnen lernen?

 

Noch einmal zurück zu unserm Predigttext.

Der Gott der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. (V 5 f), schreibt Paulus nach Rom.

Paulus ruft die Christen und Christinnen in Rom auf, einträchtig und einmütig zu sein – bei allen Unterschieden und verschiedenen Erfahrungen und Meinungen.

Vielen Menschen heute klingt das nach Gleichmacherei und Einheitssoße. Wo bleibt das Ich? Dass ich einmalig bin, besonders, dass ich Wünsche habe?

Und: Ist es nicht einfacher, wenn ich mich mit denen umgebe, die ich kenne, deren Werte und Meinungen ich teile? Wer will sich schon immer auseinandersetzen?

Doch mal ehrlich: wird das nicht ganz schön langweilig unter Gleichgesinnten? Es erlaubt nur den Blick auf den immer gleichen – größeren oder kleineren – Ausschnitt des Lebens.

Seid einträchtig gesinnt untereinander, schreibt Paulus.

Doch wer Paulus vorwirft, alle in ein Schema zu pressen, versteht ihn miss.

An anderer Stelle weist er die Gemeinde in Rom darauf hin, daß sie zusammengehören und aufeinander angewiesen sind wie die Glieder eines Leibes (Röm 12, 4-6).

Einheit in Vielfalt, Mehrstimmigkeit in der Gemeinde, sodaß alle gehört und gesehen werden – darum geht es Paulus.

Es braucht das Ich und das Wir – in unsern Gemeinden und in der Gesellschaft.

Paulus weist uns dabei auf Christus als Vorbild. Christus, der uns zusammen bringen will, zusammen gebracht hat. Christus der mich gerufen hat – und Dich – und jeden und jede von uns. Nicht als gesichtslosen Teil einer Masse. Sondern als der einzigartige Mensch, der jeder und jede von uns ist.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat – zu Gottes Lob.

Über dem gemeinsamen Lob, vielleicht beim Singen eines Advents- oder Weihnachtsliedes, kommen wir zusammen, hören einander für diesen Augenblick. Hören die helle Stimme neben mir, die heisere weiter vorne, die tiefe weiter hinten, die schiefe irgendwo links. Hören auch die leise Stimme, vielleicht auch das Seufzen und Schluchzen, das sich in den Klang der vielen, verschiedenen Stimmen mischt.

Über dem gemeinsamen Lob kommen wir zusammen, hören einander für diesen Augenblick.

Ist das wenig? Ja.

Zu wenig? Nein. Denn es ist ein Anfang. Einander annehmen, das ist eine tägliche Übung.

Zum Schluß noch ein Gedicht von Kristin Jahn, die Superintendentin im thüringischen Altenburg ist. Einige mögen es schon im Adventskalender gelesen haben. Ich lese es als einen Ruf an Jesus Christus:

Kristin Jahn, in: der andere Advent 4.12.2018

 

Amen

 

(Kanzelsegen): Der Gott der Hoffnung (aber)

erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben,

dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung

durch die Kraft des Heiligen Geistes

         (Römer 15, 13).

 

Liedvorschläge:

EG 19: O komm, o komm, du Morgenstern

Oder (aber schwieriger): EG 20: Das Volk, das noch im Finstern wandelt

 

 

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