Weihnachts-Selfie – Römer 1, 1-7

„Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift, von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, in seinem Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus. An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“

Liebe Gemeinde,

ein ungewohnter Text für diesen zweiten Weihnachtstag. Die Evangelische Kirche hat die Perikopenordnung, die Verteilung der Bibeltexte auf die Jahre gründlich überarbeitet. Texte wurde umgestellt oder ausgetauscht. Dieser Abschnitt aus dem Römerbrief war bislang nicht für unsere Gottesdienste vorgesehen.

Als man noch keine eMails oder Whats-Apps verschicken konnte und nicht einmal Briefumschläge kannte, hat man Briefe so begonnen. Erst der eigene Name als Absender, dann der Name des oder der Adressaten. Die Kurzform wäre also: Paulus an die Gemeinde in Rom.

Das, was der Apostel hier ergänzt, ist eine Selbstvorstellung, sozusagen ein antikes Selfie. Fotografieren konnte er ja noch nicht.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagen wir heute und verschicken meist nur noch das Foto. Mit dem Smartphone ist das leicht geworden. Und genauso wie wir heute versuchen, alles in ein Foto zu packen, hat der Apostel auch so viele Informationen wie möglich in diesen Briefkopf geschrieben.

Paulus packt in sein Selfie die ganze Heilsgeschichte. Insofern passt der Text zu Weihnachten. Auch dieses Fest ist ja ein Bild für das beginnende Heil.

In den wenigen Zeilen erinnert Paulus an die Geburt Jesu, an den Kreuzestod und an die Lehren der Propheten des Alten Testaments. Auch der Hinweis auf seine Reisen durch die ganze damals bekannte Welt steckt in der Briefeinleitung mit drin.

Ich überlege, wie ich das in einem Foto unterbringen könnte: Geburt und Kreuzestod in einem Bild: Das geht jetzt zu Weihnachten in unserer Stifskirche ganz gut. Die Krippe steht im Vordergrund, dahinter der Hochaltar mit Jesus am Kreuz. Heilsgeschichte auf einen Blick.

Gott ist Mensch geworden und für uns gestorben. Anders als die Evangelisten benutzt Paulus keine Erzählungen von Jungfrauengeburt und Engeln, um die Bedeutung Jesu zu erklären. Der Mensch Jesus von Nazareth, über Josef direkter Nachfahre des legendären Königs David wird von Gott durch die Auferstehung zum Sohn Gottes erhoben. Paulus verzichtet auf die mythischen Bilder der Evangelisten, die heute so vielen Probleme bereiten. Jesus ist Gottes Sohn, weil dieser ihn dazu macht. Eine kleine Akzentverschiebung in der Darstellung der so vertrauten Geburtsgeschichte. Maria und Josef bleiben seine Eltern. Sie bleiben es in der Armut und Wehrlosigkeit. Das Wunder ist so nicht die Tatsache der Geburt sondern Gottes Nähe zu uns Menschen. Auch der Evangelist Markus beginnt ja sein Evangelium damit, dass Gott Jesus sozusagen adoptiert: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, ist bei der Taufe zu hören.

Paulus gelingt es, in sein Weihnachtsselfie noch viel mehr eizubauen. Als jüdischer Theologe erinnert er an die Aussagen der Propheten.

Amos, Jesaja, Jeremia und wie sie alle heißen. Ihre Worte vom Heil, das Gott schicken wird, sind mit diesem Menschen, Jesus, erfüllt. Wir haben diese Worte in der Adventszeit in den Gottesdiensten gelesen.

Die Evangelisten Lukas und Matthäus schmücken ihre Erzählungen von der Geburt mit weiteren Details. Jedes Bild der Propheten wird neu gedeutet, damit Jesus als Messias erkennbar ist. In den älteren Schriften dagegen klingt noch die Frage mit: Warum haben wir Jesus erst verstanden, als er von den Toten auferstanden ist?

Paulus erweist sich in seiner Briefeinleitung als Meister. Es gelingt all diese schönen Bilder von Frieden, Gerechtigkeit, Überwindung des Hungers aufzugreifen, ohne sein Bild zu überladen. Die Gemeinde in Rom soll ja nach der Einleitung auch noch den Rest des Briefes lesen.

Jeder der Propheten benutzt eigene Bilder, um etwas über Gott und den Glauben zu sagen. Das kann ich nicht einem einzigen Foto unterbringen. Der Löwe, der Stroh frisst, Das Umschmieden von Waffen zu landwirtschaftlichen Werkzeugen. Das Spielen von Kindern zwischen giftigen Schlangen. Sie kennen diese schönen Bilder. Sie aber in wenigen Worten zusammenzufassen, gelingt nur Paulus.

Natürlich auch das nur, weil er bei seinen lesern oraussetzen kann, dass sie die Bilder der Bibel in ihren Köpfen haben.

Auch unsere Kirche erzählt diese Bilder. Das Bild vor dem Pflanzen fressenden Löwen an der Außenfassade der Kirche fällt mir ein. Ein Bild für Frieden und Versöhnung, die vom Glauben ausgehen. Ein Bild vor dem Martinsstein als Zeichen für praktische Nächstenliebe und das Teilen von Geld und Wohlstand. Die Palmwedel vom Einzug in Jerusalem in an den vorderen Pfeilern. Unsere Kirche wurde in einer Zeit gebaut, als viele weder lesen noch schreiben konnten. Da finden sich viele Bilder. im Stein.

Respekt, lieber Paulus! Spätestens mit den Reisebildern aus Korinth, Ephesus, Philippi wäre der Speicher meines einfachen Smartphones wohl erschöpft. Dein Selfie ist nicht nur kompakt, sondern auch voller Inhalt! Die frühen Christen werden mit der Erinnerung an seinen Auftrag, das Evangelium allen Heiden verkünden, auch den Inhalt seiner Briefe wieder vor Augen gehabt haben.

Paulus hat das schnellste Medium seiner Zeit genutzt, um mit all den Gemeinden und Christen in Kontakt zu bleiben, die er auf seinen Missionsreisen kennen gelernt hat. Wie gut hätte es ihm getan, wenn er nicht die römische Reichspost, sondern eine WhatsApp-Gruppe dafür hätte benutzen können. Wie viel leichter auch wäre es den Gemeinden geworden, diese Nachrichten einfach weiterzuleiten und nicht nur mühsam abzuschreiben. Wer weiß aber, ob wir sie dann noch zu lesen bekommen würden?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Amen.

Pastor Thomas  Gleitz, Wunstorf

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