Judenchristen und Heidenchristen – Kerngemeinde und Taufscheinchristen? Nehmt einander an!

Liebe Gemeinde,

noch 8 Tage, dann ist endlich Weihnachten. Endlich oder schon, je nach Sichtweise. Für Kinder sicherlich endlich, weil endlich das Warten ein Ende hat. Für viele Erwachsene schon, weil Weihnachten jedes Jahr so plötzlich kommt, so unvorhergesehen. Und dann muss plötzlich „Friede-Freude-Eierkuchen“ sein. Denn Weihnachten ist ja schließlich das Fest der Freude, der Familie, des Friedens, der Liebe.

Über die Liebe schreibt uns auch der Apostel Paulus, ohne das Wort „Liebe“ ein einziges Mal in den Mund zu nehmen. Seine wichtigste Botschaft, die er uns heute in den dritten Advent mit auf den Weg gibt, lautet: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zur Ehre Gottes!“

Wenn ich meinen Nächsten annehmen soll, akzeptieren soll, was ist das dann anderes als Liebe?

Paulus illustriert seine Worte mit einem einzigen Beispiel: Dem Verhältnis zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Judenchristen nennen sich die Menschen, die zuerst Juden waren, beschnitten sind, in den Bund Abrahams aufgenommen wurden. Erst als Erwachsene kamen sie mit der Botschaft Christi in Berührung, ließen sich taufen und wurden so Christen. Doch auf ihre jüdische Herkunft waren sie sehr stolz. Deshalb schauten sie auf die Heidenchristen herab, weil das in ihren Augen nur Christen zweiter Klasse waren: Denn Heidenchristen sind nicht beschnitten, sind nicht in den Bund Abrahams aufgenommen, kennen die jüdische Religion mit ihren Vorschriften und Gesetzen nicht! Es stellt sich die große Frage nach Christen – und Christen: Gibt es etwa bessere Christen als die anderen?

Wir heute müssten uns eigentlich zu den Heidenchristen zählen. Wir wurden doch nie beschnitten und in den Bund Abrahams aufgenommen. Doch bei uns läuft – anders als zur Zeit des Paulus – die Abgrenzung nicht zwischen Judenchristen und Heidenchristen, sondern zwischen Kerngemeinde und „Taufscheinchristen“. Manche derer, die sich zur Kerngemeinde zählen, die also regelmäßig in den Gottesdienst gehen, die sich für den Glauben und ihre Kirchengemeinde interessieren, manche von denen sehen auf die herab, die gerade das nicht tun: Die zwar irgendwie getauft sind, vielleicht sogar einmal im Jahr an Weihnachten in den Gottesdienst gehen, aber sonst eine eher lockere Beziehung zum Glauben haben. Sind wir von der Kerngemeinde nicht viel besser als die anderen? Viel christlicher? Schließlich wissen wir doch, worum es in unserem Glauben gehet, im Gegensatz zu den anderen!

Paulus sagt auf diese Frage weder Ja noch Nein. So einfach macht er es uns nicht. Vielmehr ruft er zur gegenseitigen Akzeptanz auf. Und argumentiert dabei durchaus differenziert:

  • Jesus selbst ist beschnitten worden und war Jude. Damit wurden die alten jüdischen Verheißungen bestätigt.
  • Gleichzeitig sagen die Verheißungen aber auch, dass gerade unter den Heiden das Lob Gottes besonders gesungen wird.
  • Und der Sproß Isais, also Jesus Christus, wird herrschen ohne Unterschied über alle Völker, seien sie nun jüdisch(-christlich) oder heiden(-christlich).

Am 3. Advent, 8 Tage vor Weihnachten, dem Fest der Liebe, ruft uns Paulus zur Liebe, zur gegenseitigen Annahme und Akzeptanz auf. Wenn Advent die Vorbereitung auf Weihnachten ist, dann bricht nicht schlagartig am 24. Dezember über uns die Liebe herein, sondern wir sollen sie jetzt schon üben. Spätestens dann wird klar: Besser sind wir aus der Kerngemeinde auch nicht als die anderen. Denn wir glauben ja alle an denselben Gott. Wir hoffen auf sein Reich, jeder und jede auf seine und ihre Weise.

„Nehmt einander an, wie euch Christus angenommen hat zur Ehre Gottes“: Wir brauchen alle einander. Denn was würde denn sein, wenn wir die anderen ausgrenzen? Oder wenn die uns scheinheiliges Getue vorwerfen würden? Unsere Gemeinden wären doch nicht überlebensfähig.

Der Taufscheinchrist ist froh, wenn er seine Kinder in einem christlichen Kindergarten gut aufgehoben weiß. Er braucht die Kirche in seinem Rücken, die ihn stärkt und vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas Gutes tut.

Zugleich bin ich froh um die ganzen Taufscheinchristen. Denn sie zahlen nicht nur Kirchensteuer und tragen so zu einem großen Teil zum Erhalt unserer Kirchengemeinde bei, sondern mit ihrer großen Menge von Menschen, die sie in unserer Welt bilden, stärken sie uns den Rücken, dass wir die gute Botschaft Gottes weitersagen können.

Paulus hat einmal die christliche Gemeinschaft mit einem menschlichen Körper verglichen. Er nennt es „ein Leib und viele Glieder“ und führt aus, dass jedes Glied, jeder Mensch eine andere Aufgabe hat: Der eine soll predigen, ein anderer die Kirche in gutem Zustand halten, eine dritte zuhören und trösten. Auch am menschlichen Körper haben unsere Glieder unterschiedliche Aufgaben: Das Auge soll sehen, die Hand soll greifen, der Fuß soll gehen. Und könnten wir dann wirklich davon sprechen, ob das eine oder das andere Glied wichtiger ist als ein anderes?

Klar, findige Jugendliche sprechen schnell davon, dass sie zum Beispiel die Zehen oder die Haare nicht bräuchten. Doch ohne Zehen läuft und steht es sich schlecht, ohne Haare würden wir am Kopf frieren oder fänden uns nicht mehr attraktiv.

„Nehmt einander an, wie euch Christus angenommen hat zur Ehre Gottes“: Wir kommen daran nicht vorbei, gerade jetzt im Advent, gerade jetzt vor dem Fest der Liebe. Wir müssen es auch nicht. Denn Gott liebt uns ja selbst. Von ihm schreibt Paulus: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ Das ist für mich die Botschaft von Weihnachten. Darauf bereiten wir uns vor, nicht nur jetzt im Advent, sondern unser ganzes Leben lang. Und so kann Weihnachten kommen, hoffentlich und endlich.

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