Die Nacht ist vorgedrungen

Predigt über Jes 35, 3-10 (I) und Jochen Klepper

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein (EG 16,1).

Jochen Klepper schreibt seinen Liedtext mitten im erstarkenden Nationalsozialismus 1938. Wir haben das ganze Lied am Anfang gesungen. Zu dieser Zeit ist er in Berlin und arbeitet beim Rundfunk. Er ist verheiratet mit Hanni Stein, einer Jüdin und Stiefvater ihrer beiden Töchter. Klepper war SPD-Mitglied. Um seine Arbeit zu behalten, musste er austreten. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im März 1933 begann die Gleichschaltung des Rundfunks. Da er, zwar ausgetreten, aber eben Mitglied der SPD gewesen war und eine jüdische Frau hatte, wurde er Mitte 1933 aus dem Rundfunk entlassen.

Auch aus seiner nächsten Stelle bei einem Verlag wurde er entlassen, weil er „jüdisch belastet“ war. Der Druck auf die Familie wächst. Jochen Klepper verfolgt seine Zeit und auch den Weg der evangelischen Kirche zwischen Anpassung und bekennender Kirche mit großer Sorge. Diese sich sorgende und manchmal fast schon düstere Grundstimmung ist seinen Liedern abzuspüren.

Und doch ist sich Jochen Klepper sicher, dass der Tag nicht mehr fern ist. Dass es trotz aller Dunkelheit heller wird. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Liebe Gemeinde, Jochen Klepper ist der prominenteste Liederdichter des 20. Jahrhundert. Viel in unserem Gesangbuch vertreten. Gerade auf die Advents- und Weihnachtszeit hat er seinen eigenen Blick. Die Vorweihnachtszeit ist für ihn unecht und hohl, wenn sie nicht dieses „Aber“ in sich birgt. Er kann kein Weihnachten feiern, ohne an die Passionszeit zu denken. Beides gehört untrennbar zusammen. Sein Glaube ist für ihn nie weltfremd, sondern immer unmittelbar mit dieser Welt verbunden. In der sich schon in den 30er-Jahren ja Schreckliches angebahnt hat. Advent ist nie nur leicht und beschwingt. Da schwingt immer auch Sehnsucht und eine andere Note mit.

Ich denke an die Menschen, die mir zwischen diesen beiden Adventssonntagen begegnet sind. Alle kämpfen sie mit der Nacht, alle haben sie mit Angst und Pein zu tun. Mitten in der Adventszeit, die wir zu einer Fröhlichen und Geruhsamen und Gleisenden gemacht haben. Ich denke an eine ehemalige Mitarbeiterin von mir. Sie hat sich das Leben genommen. Ich denke an die Freundin, die ein belastetes Verhältnis zu ihrer Mutter hat. Nun ist die Mutter gestorben. Ich denke an den Familienvater. Die jüngste Tochter vor 14 Tagen geboren. Seine Frau ist vor ein vorgestern gestorben. Auch wer zur Nacht geweinet, dichtet Jochen Klepper. Sie alle werden das getan haben.

Adventszeit ist per se eigentlich keine fröhliche Zeit. An der Farbe lila, die sie (wie übrigens die Passionszeit auch) hat, sind die eigentlichen Themen abzulesen: Nachdenken und Vorbereiten auf das Besondere, dem wir entgegen gehen. 4 Sonntage lang. Eigentlich eine klassische Fastenzeit. Eine Zeit vom Dunkel ins Helle… Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!

Da hinein spricht unser Predigttext heute Morgen. Geschrieben von einem, der sich in der Tradition des Propheten Jesaja sieht.  Lange vor unserem adventlichen Trubel heute und lange vor Jochen Klepper. Ich lese aus dem Jesajabuch, aus Kapitel 35…

3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« 5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. 8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. 9 Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. 10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Gemeint sind da nicht die, die über den Weihnachtsmarkt schlendern. Nicht die, die summend und Tee trinkend die Wohnung oder das Haus schmücken. Da wird geredet mit Menschen, deren Knie schwach geworden sind. Die müde sind vom Arbeiten. Die keine Hoffnung mehr im Herzen haben, die verzagt und abhetzt sind. Es ist eben zutiefst menschlich, Schatten auf seiner Seele zutragen und Narben und auch als ganzer Menschen an Leib und Seele müde zu werden. Das war damals so, als die Menschen im Exil waren, das war zur Zeit von Jochen Klepper so und heute auch noch.

1940 wird Jochen Klepper in die Wehrmacht einberufen. Wegen seiner „nichtarischen Ehe“ wurde er jedoch bereits ein Jahr später als „wehrunwürdig“ aus der Wehrmacht entlassen. Einer Tochter gelingt noch vor Kriegsbeginn die Ausreise nach England. Ende 1942 scheitert die Ausreise der jüngsten Tochter ins rettende Ausland. Ihre Deportation stand unmittelbar bevor. Jochen Klepper muss davon ausgehen, dass Mischehen zwangsweise geschieden werden sollten und damit auch seiner Frau die Deportation droht.

Die Familie weiß keinen Ausweg mehr – verzagte Herzen und wankende Knie. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und – schuld, dichtet er vier Jahre zuvor. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

»Seid getrost, fürchtet euch nicht!, tröstet unser Text. Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« Dann..

Ja, dann… Ohne dieses „dann“ wollte Jochen Klepper nicht leben. Ohne diese Vision von Gott, der kommt und der hilft und der letztlich alle von aller Schuld befreit.

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Sie beide, derjenige, der diese Zeilen schreibt und auch Jochen Klepper, sie haben eine Vision. Eine Vision von einem Gott, der nicht zuschaut, sondern der kommt. Der Taten vergelten wird und der hilft. Der einen Weg weiß, den man gehen kann. Einer, der den Familienvater und die Freundin und die Familie der Frau, die nicht mehr leben konnte, in die Arme nimmt. Seid getrost, fürchtet euch nicht!, obwohl es doch so viel zu fürchten gibt.

Liebe Gemeinde, in unserem Advent warten wir auf einen anderen. Wir warten auf keinen Superhelden. Auf keinen im Rampenlicht. Auf keinen, dessen Licht alles anderen überstrahlt.

Nein. Wir warten auf einen, der auf einem Esel kommt. Die Füße schleifen am Boden. Wir warten auf einen, der mit einem kleinen Licht, Hoffnung ins Dunkel bringt. Der Schatten und Narben sehen kann. Der leise ist und zuhören kann und deshalb versteht. Wir warten auf einen, der es auf seine Weise machen wird. Klein wie ein Kind und hilflos wie einer, der ans Kreuz geschlagen wurde.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht (Lk 21,28), rät der Wochenspruch. Niemand muss Angst haben und niemand soll hoffnungslos sein. Da bricht etwas anderes an…

In seinem letzten Tagebuch-Eintrag schreibt Klepper: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt.“ Die Familie dreht in der Küche den Gashahn auf und legt sich auf den Boden. Das war in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. In diesem Vertrauen hat sich Jochen Klepper mit seiner Frau Hanni und der Tochter Renate vor 76 Jahren dem Nazi-Terror entzogen.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Auch wir heute gehen noch auf diesem Weg, von dem unser Predigttext erzählt und von dem auch Jochen Klepper wusste. Allerdings ist die Ankunft unklar – bis heute. Und Nacht und Dunkel haben wir auch noch – zu Genüge.

Aber wir haben das andere auch. Den segnenden Christus, Wasser in der Wüste und Visionen vom Frieden. Noch ist es nicht soweit. Das merken wir manchmal an jedem einzelnen Tag. Aber ein bisschen können wir den Streif am Horizont sehen. Deshalb taufen wir Kinder wie Paul. Deshalb feiern wir Gottesdienst. Deshalb stehen wir für andere Menschen ein.

Auch wir sind diejenigen, die diese müden Hände stärken und die wankenden Knie festmachen sollen. Auch wir sollen es den verzagten Herzen weitersagen. Denn Christen wissen eben mehr!

Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Amen.

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