Worte verändern Wirklichkeit (Jesaja 35, 3-10)

Ein Leben lang hatte er hart gearbeitet; meist auf dem Bau; Steine, Ziegel, Zementsäcke, Gerüstteile, Werkzeuge hin und her geschleppt, bei Wind und Wetter, und er war stolz, nie ernsthaft krank gewesen zu sein. Jetzt, im Alter, waren seine Hände schwach, das Greifen fiel ihm schwer, die Knie wollten ihn kaum noch tragen, aber der Kopf war immer noch helle; er verfolgte das Zeitgeschehen aufmerksam und hielt mit seiner Meinung meist nicht hinter dem Berg. Er hatte sein Leben gelebt, gearbeitet, gefeiert, geliebt und war mit schwachen Händen und wankenden Knien immer noch fest und ich voller Bewunderung!

Ihre Hände,  zartgliedrig und gepflegt, zögerten beim Ausstrecken… Sie hatten sich erbittert gestritten,  böse Worte gesagt, so dass sie sich kaum traute, nach seiner Hand zu greifen. Immer wieder versuchte sie, die Hand auszustrecken, um sie im nächsten Augenblick doch wieder zurückzuziehen…

Dem Vater dagegen wurden die Knie weich, als er vor der Tür stand. Seinen Sohn hatte er seit Jahren nicht mehr gesehen, er war als Vater nie die Idealbesetzung, war irgendwann einfach aus dem Leben der Kinder verschwunden, ohne Erklärung und ohne Begründung. Er hatte nie gezeigt oder gesagt, wie sehr er an ihnen  hing, die Jahre über an sie dachte, wie sehr er sich nach einer Begegnung, nach einem Wort der Entschuldigung und der Versöhnung sehnte. Sein  Leben hatte eine große Lücke, die nichts, auch nicht das lauteste und wildeste Leben, ausfüllen konnte.

Selbst die stärksten und zupackendsten Hände können am Ende zu schwach sein, um zur Versöhnung ausgestreckt zu werden und die Beine und Knie können im entscheidenden Augenblick  der Begegnung ihren Dienst versagen. All diese Momente kenne ich  gut von meinen eigenen Händen oder  zaghaften unsicheren Schritten.

Anders geht es mir, wenn ich an den alten Jugendfreund denke, den ich vor kurzem traf, der eh schon immer gehandicapt war durch eine Gehbehinderung und jetzt, obwohl jünger als ich, nach einem Schlaganfall an seinen Stützen eisern das Laufen übt, weil er sich die Blöße, auf einen Rollator angewiesen zu sein, noch nicht geben will. Ich will ihn darin gerne bestärken, kann mich aber nicht wirklich in ihn hineinversetzen kann….

Nur so viel weiß ich, dass es im Leben gar nicht viel braucht, bis die Knie weich und die Hände kraftlos, leer und taub werden…

Trauer und Schmerz über Verlorenes, die Gefangenschaft in den eigenen Irrtümern, die Unfähigkeit, zu vergeben oder um Vergebung zu bitten, Grübeln und Verharren in Vorwürfen und Verletzungen reichen oft schon aus, um für den ganzen Rest des Lebens zu lähmen und zu lahmen. Der Advent und die weihnachtliche Erwartung machen es nicht leichter, da heraus zu kommen, ganz im Gegenteil, sie verhärten oft noch mehr, weil sie den Schmerz in der Einsamkeit größer machen. 

Da sitzen wir in unserem Elend und leiden qualvoll.

Da saßen die Kinder Israels und litten qualvoll unter der Erinnerung an die verlorene Heimat ihrer Kindheit und der Väter und Mütter, sie litten unter dem Verlust der Gewissheit, dass ihr Gott sie doch nicht los läßt. Sie litten unter Sprachlosigkeit, weil keine Antwort auf alles Klagen und Weinen kam, sie litten  unter dem Spott derjenigen, die das schon immer wussten und sagten. Sie litten und nur mühsam taten Hände und Füße, Herzen und Münder wenigstens für das Nötigste ihren Dienst. 

Was kann man da eigentlich etwas aufmunterndes, stärkendes, tröstendes und wahrhaft ehrliches sagen? Gibt es ein Wort, dass die dicken Mauern der Resignation, der Verzweiflung und Trauer durchdringt, aufweicht, gar zum Einsturz bringt?

Ich traue Worten ja eine Menge zu. Den Worten, die ich Sonntag für Sonntag aus der Schrift auslegen und denen ich damit nachspüren darf, den Worten, um die ich für mich ringe, den Worten, die ich Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen zusage, den Worten, die vom Segen erzählen, zum Segen werden, ja selbst Segen schon sind, weil sie die Macht haben, zu tun, was sie verheißen.

Ich traue gerade in meiner Zeit der Kraft der ausgetauschten Argumente mehr als der Gewalt und dem Streit und möchte Worte von Angesicht zu Angesicht, also auf Augenhöhe sprechen

Ich tauche gerne in geschriebene Worte ein und lass sie Bilder in meinem Kopf und Herzen werden.

Ich spüre Worten nach, wie sie mir helfen , mein eigenes Leben in einem anderen Licht zu sehen und erlebe am eigenen Leib, wie sie Verknotungen lösen und Tränen fließen lassen können.

Was kann man also den Menschen, denen die Hände und die Knie versagen, denen die Herzen erkalten, so sagen, dass es sie erreicht und verändert?  Für mich ist das die vornehmste und herausforderndste Aufgabe im Advent, dieser so aufgeladenen, bedeutungs- und erinnerungsgefüllten Zeit, die in unseren Breitengraden mitten in die dunkelste Jahres- und Lebenszeit fällt.

In die Wüste und Einöde der Kinder Israels , aber auch in unsere Schwächephasen und Ohnmachtsgefühle hinein, höre ich für die verzagten Herzen damals und heute deutlich: „Fürchte dich nicht“.

Und ich spüre, dass es genau darum geht, die eigene Furcht, die eigne Angst, die eigene Unsicherheit preiszugeben und sich ganz im Vertrauen fallen zu lassen. „Fürchtet euch nicht, seht: da ist euer Gott“.

Da klingt ein Lied in mir, dass der Botschaft des Engels lange Zeit nach Jesaja folgen wird: „Fürchte dich nicht, denn siehe ich verkündige dir eine große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr“. Und die Engel singen zugleich von Gottes Ehre. Davon hat Jesaja doch geträumt: „Fürchtet euch nicht, siehe da ist euer Gott!“

Ein Kind ist die Antwort auf das Weinen, auf die Unversöhnlichkeit, auf die Hilflosigkeit und Schwäche, der wir oft nicht gewachsen sind. Ein Kind, dessen Weinen wir nicht ignorieren können, dem wir seine Ungeduld nicht übelnehmen können, das unser Herz erweicht und den kleinen Funken Menschlichkeit zu neuer Glut erwecken kann. Ein Kind, egal ob weiß oder schwarz, ein Menschenkind, das uns Staunen lässt über das Wunder des Lebens und mit dessen Wärme wir eine Ahnung für die Nähe und Größe Gottes mitten in aller menschlichen Ohnmacht und Kleinheit bekommen. Da verlieren Sorgen und Ängste ihren Schrecken, da verliert näher rückender Tod seine furchteinflößende Macht, weil das Leben blüht. 

Ich fürchte mich nicht, ich vertraue, ich fühle Glück und Geborgenheit, aber auch Verantwortung und Tatendrang.

Spielt Streit oder Versagen in der Vergangenheit dann noch eine Rolle? Wenn alle mit anpacken, können dann nicht auch schwache Hände und weiche Knie noch etwas bewirken?

Ein Kind lernt am Anfang vor allem Vertrauen auf die Fürsorge der Eltern und Großeltern, also der Menschen in der Nähe.

Ich darf Gott vertrauen.

Der Prophet weiß, was mit adventlich lebenden, also vertrauenden Menschen geschieht, wie sie verwandelt werden:

Augen für einander gehen auf, die Nöte und Bedürfnisse, die Hilflosigkeit und Liebesbedürftigkeit werden offenbar. Die Ohren nehmen die leisen Töne unter den bekannten Worten wahr und hören, was mitschwingt und mitgesagt wird: Hilferufe und Angebote, Appelle und Freundschaftszusagen. Schritte aufeinander zu werden möglich. Stärke und Entschlossenheit fließen zu, Menschen werden beflügelt.

Vertrauensvolle und liebevolle Worte kann ich aussprechen, wo mir vorher der Mut fehlte, das erste Wort zu sagen. 

Wenn ich mir vorstelle, was allein dieser Umschwung in unserem Land verändern würde, gerade weil ich momentan so viel Angst, so viel Unsicherheit, aber auch Aggression und Gewaltbereitschaft, Kälte und Egoismus wahrnehme….Das ist keine große Politik mit dem Evangelium, sondern schlicht Menschenfreundlichkeit, wie Gott sie an den Tag gelegt hat, der einfach sagen lässt: Fürchte doch nicht, Gott ist da.

Lebenslandschaften verändern sich, Menschen lassen sich fallen und vertrauen. Der alte Mann wird nicht wieder jung, aber gelassen, die Streithähne und die entzweiten Generationen, die konfliktbelasteten Nachbarn und Feinde, kommen einander näher. Frieden erscheint nicht länger als unmögliche Utopie, sondern als greifbare Realität. Wasserquellen inmitten der Lebenswüsten.

Ich traue diesem einen Wort eine Menge zu, denn das ist Advent: Fürchte dich nicht, da ist euer Gott! 

Gott, du bist da! 

Das ist mein Halt und mein Trost, meine Zuversicht und Quelle meines Lebens.                  Amen

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