Alles wird gut

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Der schönste Tag im Leben, das soll ja die Hochzeit sein. Es ist ja ganz erstaunlich, wieviel Aufwand heutzutage darum getrieben wird: Manche engagieren sogar „Wedding-Planner“, die von der Deko bis zur Ausstattung der Brautjungfern alles regeln. Ich hab schon Brautpaaren gegenübergesessen, die für die Hochzeit einen dicken Ordner mit allem Möglichen angelegt hatten, und für die kirchliche Trauung gab es sogar ein extra Register. Da denk ich doch: Gut, dass ich aus dem Alter raus bin.
Ich will Ihnen von meiner eigenen Hochzeit erzählen. Das ist nun schon mehr als 20 Jahre her. Und: Ja, es war ein schöner Tag, aber da war auch Einiges anstrengend und von der uns eigenen Aufsässigkeit geprägt. Wir wollten keine nordfriesische Dorfhochzeit, sondern hatten ein großes Zelt auf dem Vorplatz des Pastorats aufgebaut. Es wurde nicht mal billiger, hat uns aber tagelang Arbeit gemacht. Es war der Wonnemonat Mai, und der brachte es am Tag unserer Hochzeit gerade mal auf 5 Grad – noch während des Festes mussten wir Gaskartuschen organisieren, um das Zelt zu heizen. Mein Kleid, es war quietschegelb – Protest und Liebeserklärung zugleich. Wir fuhren mit dem R4 zur Trauung, und weil der wieder mal nicht anspringen wollte, kamen wir tatsächlich auf den allerletzten Drücker bei der Kirche an.

Und dann zogen wir in die Kirche ein: Ich mit wirren Haaren und gelbem Kleid, mein Fast-Gatte in einem etwas zu engem, roten Sakko und ohne Kravatte, versteht sich. Normalerweise sind wir ja die im Talar, die vorweggehen – diesmal folgten wir unserem Freund und Kollegen durch die volle, geschmückte Kirche. So viele Menschen waren gekommen, und als wir hineingingen standen sie auf, und alle Augen sahen auf uns. Ich weiß noch, wie das alles auf mich einströmte: die freundlichen Gesichter, die liebevolle Orgelmusik, die geschmückte Kirche – es war ein wirklich schöner Moment, aber er war auch irgendwie zu groß für mich.

Die Bibel erzählt nichts von dem, was Jesus gefühlt hat, als er damals in Jerusalem einzog. ER hatte diesen Moment gut vorbereitet: Ein Esel musste es sein, um die alttestamentliche Weissagung zu erfüllen. Die Menge säumte seinen Weg, links und rechts der Straße standen sie und jubelten. Sie legten Palmblätter auf die Straße und hastig zogen sie ihre Mäntel aus, damit er wenigsten so etwas Ähnliches wie einen roten Teppich bekäme. Hunderte von Augen sahen auf ihn. „Hosianna“, riefen sie, „gelobt sei, der da kommt im Namen des Herren.“ Sie begrüßten ihn wie einen König, erzählt die Bibel.Und dass das die Herrschenden irritierte, das erzählt sie auch.
Hören Sie mit mir noch einmal auf den Predigttext aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 11.

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! 10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Der Einzug Jesu in Jerusalem ist Predigttext am 1. Advent. Und das passt einerseits ganz gut. Wir singen „Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin“, nach der Predigt stimmen wir „Tochter Zion“ an und singen in der zweiten Strophe „Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild“. Und als letztes Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ – all diese Lieder besingen das Kommen Jesu und übertragen es in den Advent. Sie machen uns zu einem Teil der Szene: Seht doch, sagen sie, das kommt euer Heiland. Erhebt euch von den billigen Plätzen, macht es ihm schön, ehrt ihn angemessen und freut euch über die Maßen. Alles wird gut.

Alles wird gut. Das bedeutet aber auch: Nichts ist gut. Nicht im Hier und im Jetzt. Nicht damals und nicht heute. Damals: Israel geknechtet unter römischer Besatzung. Heute: Wir alle irgendwie orientierungslos in all den Möglichkeiten, überfordert vom digitalen Fortschritt, ratlos angesichts der bedrohten Schöpfung, betroffen von Hass und Gewalt hier wie anderswo. Damals wie heute die Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung. Damals wie heute: Menschen, die krank sind am Leib oder an der Seele, Menschen, die sich voller Hoffnung an jeden Strohhalm klammern. Wenn wir heute noch so glauben könnten wie damals – Millionen würden den Weg Jesu säumen und ihm zujubeln, nur um gesund zu werden.

Alles wird gut. Und Jesus zieht durch die Menschenmenge, reitend auf diesem kümmerlichen Esel, und all das schlägt ihm entgegen. Hunderte von Augenpaaren richten sich auf ihn. In ihnen die Hoffnung, die Sehnsucht und die Erwartung: Bist du’s, der da kommt im Namen des Herren? Bist du’s, der Israel erlösen wird? Bist du’s, der alles gut werden lässt? Und Jesus weiß mit aller Gewissheit, dass es anders kommt. Jesus weiß, dass mit diesem Einzug seine Leidenszeit beginnt. Er weiß, dass er sterben wird. Das Heil, das er bringt, ist nicht von dieser Welt. Hunderte eben noch hoffnungsvolle Augenpaare werden bestürzt auf das Kreuz sehen und nicht wissen, was sie denken und fühlen sollen.

Mit der Adventszeit beginnt theologisch die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Und Sie sehen es an den Paramenten: Sie sind violett hier an der Kanzel und am Altar. Violett ist im Kirchenjahr die Farbe der Buße und des Leidens. Advent bedeutet: Alles wird gut, aber nicht sofort. Wir machen uns auf den Weg, säumen die Straße dessen, der da kommt im Namen des Herrn.
Aber es hat sich längst etwas verändert: Wir müssen seinen Weg nicht mit Palmwedeln und guten Mänteln auslegen. Wir müssen ihn auch nicht mit geschmückten Fenstern und Lichterketten begrüßen, Zimt-Mandel-Tee und Lebkuchen will er nicht und braucht er nicht. Wir dürfen aber auf den Weg legen, was uns bedrückt: die Einsamkeit in langen Nächten, die drückende Sorge um die, die wir lieben, die Schuld, das Versagen, alles, was nicht gelingt. Das alles will er uns abnehmen, damit am Ende alles gut werden kann. Das ist sein Advent, sein Einzug in unser Herz. Nicht hunderte oder gar Millionen von Augenpaaren mag er auf sich ruhen fühlen, er will nur deins und meins.

Eine Adventsgeschichte fast das zusammen:
Ein kleiner Junge ist stolz darauf, einen Großvater zu haben, der Figuren schnitzen kann. Es ist schon faszinierend zuzusehen, wie langsam aus einem Stück Holz „lebendige“ Gestalten entstehen. Der Junge vertieft sich so in die geschnitzten Krippenfiguren, daß sich seine Gedanken mit der Welt der Figuren vermischen: Er geht mit den Hirten und Königen in den Stall und steht plötzlich vor dem Kind in der Krippe. Da bemerkt er: Seine Hände sind leer! Alle haben etwas mitgebracht, nur er nicht.
Aufgeregt sagt er schnell: „Ich verspreche dir das Schönste, was ich habe! Ich schenke dir mein neues Fahrrad ‑ nein, meine elektrische Eisenbahn.“ Das Kind in der Krippe schüttelt lächelnd den Kopf und sagt: „Ich möchte aber nicht deine elektrische Eisenbahn. Schenke mir deinen ‑ letzten Aufsatz!“ „Meinen letzten Aufsatz?“, stammelte der Junge ganz erschrocken, „aber da steht doch …, da steht ‚ungenügend‘; drunter!“ „Genau deshalb will ich ihn haben“, antwortet das Jesuskind. „Du sollst mir immer das geben, was nicht genügend ist. Dafür bin ich auf die Welt gekommen!“
„Und dann möchte ich noch etwas von dir“, fährt das Kind in der Krippe fort, „ich möchte deinen Milchbecher!“ Jetzt wird der kleine Junge traurig: „Meinen Milchbecher? ‑ Aber der ist mir doch zerbrochen!“ „Eben deshalb möchte ich ihn haben“, sagt das Jesuskind liebevoll,  „du kannst mir alles bringen, was in deinem Leben zerbricht. Ich will es heil machen!“
„Und noch ein Drittes möchte ich von dir“, hört der kleine Junge wieder die Stimme des Kindes in der Krippe, „ich möchte von dir noch die Antwort haben, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie dich fragte, wieso denn der Milchbecher zerbrechen konnte.“ Da weint der Junge. Schluchzend gesteht er: „Aber da habe ich doch gelogen. Ich habe der Mutter gesagt: Der Milchbecher ist mir ohne Absicht hingefallen! Aber in Wirklichkeit habe ich ihn ja vor Wut auf die Erde geworfen!“ „Deshalb möchte ich die Antwort haben“, sagt das Jesuskind bestimmt, „bring mir immer alles, was in deinem Leben böse ist, verlogen, trotzig und gemein. Dafür bin ich in die Welt gekommen, um dir zu verzeihen, um dich an die Hand zu nehmen und dir den Weg zu zeigen…“ Und das Jesuskind lächelt den Jungen wieder an. Und der schaut und hört und staunt…

Alles wird gut, liebe Gemeinde. Vielleicht nicht heute, und vielleicht auch nicht bald. Aber am Ende ganz bestimmt. Dafür wurde er geboren. Dafür hat er gelebt und gelitten. Und dafür erweckte ihn Gott am dritten Tag von den Toten. Amen.

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