Von meinen Träumen will ich singen und erzählen (Jesaja 65, 17-25)

Es ist ein kleines, aber sehr auffälliges Gräberfeld. Bunte Blumen, farbenfrohe Steinfiguren, Kinderfotos, vielfarbige Windräder drehen sich, und mittendrin lauter brennende Kerzen. „Sternenkinder“, so werden sie genannt, die Jüngsten, die noch im Mutterleib oder in den ersten Lebenswochen und -monaten verstorben sind. Es ist gut, dass sie ihre eigenen Ruhestätten bekommen haben. Es ist gut, dass Eltern und Großeltern mit ihren verloren gegangenen Wünschen und Hoffnungen, ihrem Schmerz und ihrer Trauer hierher kommen können und das jedes Kind seinen Namen und einen Ruheort bekommen hat. Aber eigentlich soll es so nicht sein: „sie sollen keine Kinder für den frühen Tod zeugen“ träumt der Prophet von einer heilen Welt, in der es keine Sternenkinder mehr geben wird.

Daneben finden sich Gräberfelder von Menschen, deren Lebensgeschichten man nur ahnen kann, wenn man die Lebensdaten liest. Manche sind im hohen Alter verstorben, lange nach dem Ehepartner, manche nach einem langen gemeinsamen Leben einander hinterher gestorben. Jüngere finden sich dazwischen, denen man noch Lebenszeit gewünscht hätte, Und beinahe überall trauern und beweinen Menschen die verlorene gemeinsame Zeit. Waren es Krankheiten, waren es Unfälle, kam der Tod wie ein Freund oder wie ein Dieb in der Nacht, der einem das Liebste raubt? Manchmal lese ich Namen und Daten und denke: so soll es eigentlich nicht sein. Es soll doch eigentlich eher so sein, wie es bei Jesaja besungen wird: „als Knabe soll gelten, wer hundert Jahre alt stirbt und wer die hundert Jahre nicht erreicht gilt als verflucht“ oder wie es in einer anderen Übersetzung heißt: „Selbst der Schwächste und Gebrechlichste wird ein so hohes Alter erreichen.“

Diesen Traum kann ich gut mitträumen, den Traum von einem langen und erfüllten Leben, von einem Maß an Jahren, an deren Ende man sagen kann: jetzt ist es gut, es war reich und es war schön. Ich habe die Fülle gehabt, mehr kann und will ich nicht erwarten. In den Geschichten von den Vätern wie Abraham, Jakob oder Isaak heißt es oft am Ende als Ausdruck vollkommener Lebensfülle: sie starben alt und lebenssatt. Satt darf ich mich fühlen, wenn das Leben mir nichts schuldig geblieben ist, wenn ich dankbar auf eine erfüllte Zeit mit Familie, Freunden und Beruf zurückschauen darf, wenn ich Spuren meines Lebens entdecken und die warmherzige Liebe meiner Mitmenschen spüren darf. Wenn ich keine Angst mehr um das Überleben haben muss, weil soziale Not oder soziale Kälte, eine von Krieg und Gewalt bedrohte Welt und Umwelt mein Leben und meine Unversehrtheit in Frage stellen, wenn ich meine Begabungen und Möglichkeiten leben und für andere einsetzen darf.

Wenn wir heute an die Verstorbenen in unseren Familien erinnern, können wir mit den Augen, die Glaube, Liebe, Hoffnung heißen, solchen Reichtum trotz aller Unvollkommenheit, die uns Menschen nun einmal eigen ist, entdecken. Wie viel Liebe und Zuneigung, wie viel Einsatz und Engagement, wie viel Arbeit und wie viel Freude über alles, was gelungen ist, gibt es da in jedem einzelnen Leben, verbunden mit den Namen, die wir vorhin noch einmal genannt und Gott ans Herz gelegt haben! Sich dankbar erinnern können macht Trauer am Ende erträglicher, verwandelt sie vielleicht sogar in Hoffnung auf einen größeren Frieden und eine neue, ganz andere Welt, die wir miteinander teilen werden. Und auch wenn sich menschliche Unvollkommenheit, unbewältigte Konflikte zu Wort melden, zeigen sie ja, wie verwoben  unsere Lebenswege miteinander waren, wie sehr wir alles, was uns ausmacht, auch aus den Beziehungen heraus sind, in denen wir immer gelebt haben. Der Frieden, von dem Jesaja erzählt, der Frieden der neuen Welt zwischen Wolf und Lamm, zwischen Löwe und Rind, zwischen allen, die sich ihr Leben gegenseitig streitig gemacht haben, beginnt da, wo wir nicht nur unsere Toten loslassen, sondern auch unsre Verletzungen und Enttäuschungen und versuchen, zu vergeben. Auch ich bin und werde einmal darauf angewiesen sein, dass Menschen mir vergeben, dass Gott mein Leben versöhnt. Auch ich komme an den Punkt, an dem man Leben sein Ende findet, ich nichts mehr rückgängig, nichts mehr gut machen kann, keine Worte mehr mein Gegenüber erreichen. 

Das prophetische Hoffnungslied, dass wir aus dem Lebensbuch „Bibel“ gehört haben, erzählt erstaunlicherweise nicht von einer Welt ohne Sterben und Tod. Wohl aber von einer Welt, in der der Tod zur Unzeit nicht mehr  regiert, in der Menschen von sich aus sagen können: es ist gut und es ist Zeit! Es erzählt von einer Welt, in der es keine dunklen Todeskräfte mehr gibt, die sich aus Hass und Ablehnung, aus Kälte und Ignoranz speisen, sondern von einer Welt, in der alle ihren Raum und ihren Platz zum Leben finden, von einer Welt, die nicht zu klein zum Leben ist. Und da wird der Traum mit einem Mal ganz real, bleibt keine Utopie oder frommer Wunschtraum. Denn wie ich die Tage fülle, die mir bleiben, liegt auch an mir. Und die Fülle eines Lebens hängt nicht nur an der Länge der Zeit, die ich habe, sondern daran, wie ich die Zeit gestalte, wie ich mein Leben mit anderen teile, wie ich meine Begabungen einsetze und wie ich mit offenen Augen und Herzen die Vielfalt und Schönheit des Lebens  mitten unter allem Chaos und Leid zu entdecken versuche. Deshalb hat der Psalmbeter innig gebetet: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ Klug ist es, heute zu leben, klug ist es, sich zu erinnern, wer alles untrennbar zu meinem Leben dazugehörte und somit immer dazugehören wird, klug ist es aber auch vom Leben nicht alles und nicht alles mögliche zu erwarten. Was wir  über alles mögliche hinaus erwarten dürfen und was wir um Christi willen erhoffen, ist Gottes neue Welt, Himmel und Erde, eine Stadt, in der Wonne und Freude zu Hause sind. Einen Ort im Lichte und in der Gegenwart Gottes. Wenn wir von ihm alles erwarten, muss uns das Leben heute noch nicht alles bieten. Worte werden nicht ausreichen, um zu beschreiben, worauf wir hoffen. Dass Unausgesprochenes einmal geklärt, dass Tränen getrocknet, dass abgebrochenes Leben vollendet, das Liebe beantwortet und Verletzungen geheilt werden, das wir einander wiedersehen oder neu entdecken, dass Zeit in Ewigkeit aufgeht, dass Gott nicht mehr Frage, sondern Gegenwart ist, dass die Welt nicht mehr Tal der Tränen, sondern Himmel auf Erden ist – das alles hoffe ich. Und davon hat Jesus erzählt, als er am Kreuz dem Sterbenden neben ihm versprach: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. Diese Hoffnung trägt, tröstet und stärkt mich und ich spreche sie mit alten Worten immer wieder aus: ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Siehe: ein neuer Himmel und eine neue Erde. Freut euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe“

Amen

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