Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag (250.Geburtstag F.D.Schleiermacher) (Offenbarung 3,14-22)

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

So einen runden Geburtstag erlebt man nicht alle Tage. Da ist ein Glückwunsch das mindeste an Wertschätzung. Wer kann schon auf 250 Jahre zurückschauen ! Und der Glückwunsch ist heute gerade am Buß- und Betttag mehr als angemessen. Allerdings ist die Zahl der Gratulanten doch eher begrenzt. Es sind nicht mehr so viele Weggefährten, Freunde und Kenner übrig geblieben, um zu gratulieren, lieber Friedrich Daniel Schleiermacher.

Dabei hast du zu Lebzeiten vielen imponiert, viele Menschen geprägt und begeistert und deinem Trauerzug sollen 1834 nach deinem Tod in Berlin 30.000 Menschen gefolgt sein. Und da war die Metropole an d er Spree noch keine 4 Millionen Einwohnerstadt.

Du warst ein beeindruckender Denker und Gelehrter, man hat dich protestantischen Kirchenvater des 19.Jahrhunderts genannt. Ein scharfer Kritiker der Kirche deiner Zeit warst du. Du hast ihr, ihren Führenden und ihren Denkern vorgehalten, sich vor allem um Spekulationen, vornehmlich Metaphysik, und um Moral gekümmert zu haben, weniger um das fromme Gemüt und Gespür für die Ewigkeit mitten in der Endlichkeit. Du wolltest eine Kirche des Volkes, wo Synoden, und damit gebildete und kundig gemachte, für die Ewigkeit empfindsame Gemüter die Geschicke der Kirche in die Hand nehmen und nicht absolutistisch in die Kirche hinein regierende Fürsten und Könige. Das hat dir damit nicht nur Freunde gemacht.

An die Gebildeten unter den Verächtern der Religion – die gab es auch zu deiner Zeit – hast du geschrieben:  Die Religion begehrt nicht, das Universum seiner Natur nach zu erklären wie die Metaphysik, sie begehrt nicht den Menschen fortzubilden und besser zu machen wie die Moral. Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln.“

Du hast den Menschen nicht wegen seiner Unvollkommenheit kritisiert und verurteilt, hast Sünde nicht moralisch verkürzt, sondern wusstest:  „Gott kann die Menschen, die er offenbar nicht zur Vollkommenheit , sondern nur zum Streben nach  derselben geschaffen hat, unmöglich darum strafen wollen, weil sie nicht vollkommen geworden sind.

Das hast du deinem Vater, auch Pfarrer, in jungen Jahren als eigene Anfechtung geschrieben und wusstest, dass er es nicht wird verstehen können. Aber dir ging es um ein viel tieferes Verstehen und du spürtest eine viel tiefere Verunsicherung als die moralischer Verfehlungen, über die andere tuscheln und mit Fingern zeigen. Du hast uns Menschen beschrieben als Wesen, die ihre schlechthinnige Abhängigkeit und Endlichkeit erfahren, später hast du lieber von Empfänglichkeit als von Abhängigkeit gesprochen und meintest: Der Mensch ist empfangendes Wesen, wir sind beschenkt mit Lebendigkeit und Leben und mit der Erfüllung und mit Segen und vielem anderen. Das eigentlich Sündhafte am Bewusstsein sei, wenn man vergißt, dass man ein empfangendes Wesen ist und denkt alles tun und machen zu können.

Wir denken alles tun und machen zu können und sind doch nur das, was wir von Gott empfangen.

Du wolltest, dass wir unsere Glaubens- und als solche dann auch Unglaubensgeschichten mit denen der Bibel verweben, sie darin entdecken, sie als unsre Geschichten lesen und uns dabei als von Gott Beschenkte und Gesegnete entdecken in unserer Abhängigkeit und Liebesbedürftigkeit. Dir war die Bibel nicht so sehr Sammlung von Dogmen und Glaubenssätzen, die zu glauben seien.

Wie hättest du in deiner Zeit über den Sendbrief des Sehers Johannes nach Laodizea gepredigt? Deine Kirche der Moral und der Machtanhänglichkeit, deine dem Staat und ihren Führern hörige Kirche hast du kritisiert und dich um deine Reputation, vielleicht sogar um deine Unversehrtheit gesorgt.  Weder warm noch kalt war sie,  die Kirche deiner Zeit, eher lau, elend und jämmerlich, blind und bloß, so wie in Laodizea?

Du wolltest mit den Gläubigen die Welt betrachten, über die Welt hinaus schauen und dem im Menschen angelegten Gespür für die Unendlichkeit und Ewigkeit nachgehen. Der Blick in den Sternenhimmel war für dich ein Vorgeschmack der Ewigkeit. Da kann man ein Staunen über die Größe Gottes fühlen, das jedem Menschen innewohnt, egal wie er Gott nennt, ob er glaubt oder nicht, ob er Christus kennt oder nicht. Du wusstest, dass keiner vollkommen ist und wir immer unterwegs bleiben in dem Bemühen, Gottes Willen zu erkennen und zu leben. Denn auch das können wir nur empfangen und nicht tun. Und Vergebung ist Ermutigung, es weiter zu versuchen, weiter danach zu streben.

Ich wünschte ja, dass die Menschen heute neugierig würden auf deine Denkleistung und dein Verständnis des christlichen Glaubens. Denn deine Kritik teilen viele. Sie werfen der Kirche vor, nur noch Moralagentur zu sein, ohne wirklich noch Einfluss auf das Gewissen der Gesellschaft zu haben oder einen Kompass bei den wirklich wichtigen Fragen der Gesellschaft zu bieten: wenn es um das Leben und den Tod oder die Gerechtigkeit geht. Sie werfen ihr vor, den eigenen moralischen Ansprüchen nicht genügen zu können, und verweisen auf die Missbrauchsfälle, auf die unmoralische wirtschaftliche Tätigkeit auch kirchlicher Institutionen oder auf die unselige Verquickung von Kirche und Politik im ersten und zweiten Weltkrieg, in den Diktaturen der Vergangenheit und Gegenwart. Sie werfen den Kirchen  ihre Abhängigkeit von Kirchensteuer und von Staatsleitungen vor und argwöhnen wirtschaftliche Abhängigkeiten statt evangelischer Freiheit. „Ich bin reich und brauche nichts“ ist nicht nur eine treffende Charakterisierung wiederauferstandener Politikgrößen der bundesrepublikanischen Gesellschaft, sondern auch eine Zustandsbeschreibung der Großen Kirchen in Deutschland in den Augen vieler…

Sie kritisieren ein Menschenbild, dass den Menschen als Sünder klein und erlösungsbedürftig macht. „Weg mit der Sünde“ fordern sie, aber nicht um sie überwinden und dem Guten in der Welt zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um den Menschen von der Einsicht und der Notwendigkeit zu befreien, sich auf den Weg nach Vollkommenheit, Güte und Barmherzigkeit zu machen. Als wenn er immer schon edel, hilfreich und gut sei und es nicht erst werden müsse, ohne es wirklich je erreichen zu können. Du dagegen entdeckst in ihm, in jedem Menschen zuerst das Gespür für die Ewigkeit und willst Herz und Gemüt dafür öffnen, das Gute und Vollkommene zu empfangen. Was wäre unsere Kirche, was wären wir an deinem 250.Geburtstag, der ausgerechnet der  weitgehend abgeschaffte und aus dem Bewusstsein verschwundene Buß- und Betttag ist, in deinen Augen, der du Kirche als Kirche des Volkes vor allem als Erzählgemeinschaft voller Glaubens- und Lebensgeschichten gesehen hast?

Nicht warm noch kalt, sondern lau, elend, jämmerlich, arm, blind und bloß -trotz allem Reichtum, wenn wir nicht wieder schlechthin Empfangende werden?

Wir sind heute ehrlicherweise gar nicht hier, weil du Geburtstag hast. Das hat sich so ergeben. 

Wir sind hier, weil wir  etwas kostbares empfangen wollen:

einen Zuspruch, dass Gott uns in unseren engen Grenzen ansieht und wertschätzt, dass er uns aus der Vergangenheit der Schuld herausführt und auf dem Weg hin zu seiner Ewigkeit heute schon leben lässt mit einem Vorgeschmack seiner Unendlichkeit und Ewigkeit. 

Wir wollen heute schon eins sein mit Gott.

Wir wollen seine Güte und Bereitschaft, unsere Schuldgrenzen zu überwinden, seine Einladung, uns nach Vollkommenheit zu sehnen ,seine Liebe zum Leben, seine Ewigkeit und seine Gegenwart schmecken mit Brot und Wein. 

Wir wollen, dass die Ewigkeit unsere Seelen berührt, tröstet und stärkt.

Deshalb bekennen wir Schuld, hören Gottes Zusagen, teilen Brot und Wein und singen das Loblied seiner Herrlichkeit und Ewigkeit.

So deinen Geburtstag zu feiern – daran hättest du dann aber bestimmt deine Freude!   Amen

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