Von der Macht der Bilder (Offenbarung 2, 8-11)

Bilder sind oft stärker als Worte. Sie prägen sich tief ein, tauchen immer wieder aus der Tiefe der Erinnerung auf. Es gibt Bilder, die sagen mehr als alle Berichte, Nachrichten, Leitartikel und Kommentare:

Das schreiende Mädchen, das im Vietnamkrieg nackt nach dem Napalmangriff flieht, und für die ganze Brutalität dieses Krieges steht. Die Bilder der ausgemergelten Gefangenen in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches, die zwar überlebt haben, von denen aber keiner sagen konnte , ob sie  überhaupt werden leben können.

Schon Jahre vorher am 9.November 1938 entstanden Bilder von den Zerstörungen und Verwüstungen der Synagogen und Geschäfte jüdischer Mitbürger, als mit einem mal die schon über die Maßen brutale Ausgrenzung und Ablehnung, voller Vorurteile und Misstrauen, in offene Gewalt umschlugen, und die einen sich von der Gewalt mitreißen ließen oder sie auslebten, während die anderen teilnahmslos vorbeigingen und weiterlebten, als wäre nichts geschehen….

Die Bilder von den Toten des ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren und von dem Elend und der Armut, die dieser Krieg in allen Ländern Europas verursacht hat, werden dieses Jahr wieder und wieder gezeigt. 

Manche wollen diese Bilder nicht mehr sehen, aber sie sind nicht auszulöschen, sie klagen und mahnen weiter, heute nicht weniger eindringlich und nicht leiser, als in der Zeit als sie entstanden. Sie sprechen – und wir setzen uns ihnen aus: Volkstrauertag, einer der zentralen und notwendigen Gedenktage im Monat November. 

Ich möchte  andere Bilder daneben setzen, aber nicht um die alten Bilder zu relativieren; sie müssen in ihrer mahnenden und anklagenden Brutalität und Realität ausgehalten werden. Ich möchte zeigen, was Menschen möglich ist, wo ein anderer Geist herrscht.

Vor wenigen Tagen erinnerten Angela Merkel und Emmanuel Macron in Compiegne an das Ende des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren und zwar an dem Ort, an dem er mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes sein Ende fand . Ich empfand dieses Bild als ein starkes Zeichen dafür, dass Versöhnung unter Völkern und damit ein Frieden möglich sein kann, der mehr als nur ein Waffenstillstand ist – wenn die Vergangenheit nicht ausgeklammert, sondern Schuld und Verantwortung ernst genommen und eingestanden und dann aber überwunden werden.

Das Bild vom Kniefall Willy Brandts in Warschau am 7.Dezemerb 1970 ist ebenso ein starkes Bild, dass zeigt wie Verantwortung, Eingeständnis von Schuld und Versöhnung ganz eng miteinander vertraut sind.

Der 9. November kennt auch  Bilder von den jubelnden Menschen auf der Mauerkrone der Berliner Mauer, lachende und weinende Gesichter, die sich durch die geöffneten Grenzübergänge schoben und den Traum und die Vision widerspiegelten nicht nur vom Ende einer Diktatur, sondern vom Ende des Kalten Krieges und dem Beginn eines friedlichen Zeitalters im Herzen Europas. Das war möglich, weil sich Sehnsucht der Menschen friedlich und gewaltlos Gehör verschaffte,  in der Kraft des Gebetes um Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit.

Die Offenbarung des Sehers Johannes weiß um die Macht der Bilder. Sie zeichnet Bilder des Schreckens, so real, dass Menschen sie zu allen Zeiten mit den Schrecken ihres Lebens, ihrer Reiche, ihrer Völker nachzeichnen konnten: von der Verfolgung der Christen im römischen Reich über die Schlachten des dreißigjährigen Krieges vor 300 Jahren und dem Wüten der Pest in den Jahrhunderten zuvor und zur gleichen Zeit, bis hin zum Giftgaseinsatz im ersten Weltkrieg, den Bombenangriffen erst auf Coventry und später auf deutsche Städte wie Hamburg und Dresden oder dem heutigen Bürgerkrieg in Syrien. Das  hat apokalyptische Dimensionen, da geht die Welt für Menschen real und konkret unter.

Die Offenbarung zeigt auch, dass Bilder missbraucht werden können, selbst ohne die Möglichkeit der Manipulation der Bilder oder ihrer Wirkung, die wir heute erleben. Die Auseinandersetzung zwischen Juden und Christen, egal welcher Abstammung, ob jüdischer oder heidnischer, ist damals zur Zeit des Sehers so weit fortgeschritten, dass sie nur noch polemisch und gewaltsam geführt wird. Die Gemüter und Geister scheiden sich am Bekenntnis zu Jesus. Seine Gegner werden als die Synagoge des Satans beschimpft. Was erst einmal einen Blick in einen Konflikt der Vergangenheit in der frühen Zeit der Christen und ihrer Leiden als verfolgter Minderheit bedeutet, ist später zur Legitimation schlimmster Verfolgungen und Diskrimierungen jüdischer Menschen missbraucht worden. Der Weg von „der Synagoge des Satans“ hin zu den Vernichtungslagern des dritten Reiches ist voller Pogrome und Gewaltexzesse. 

Auch das Bild von der Treue und der Krone des Lebens hat sich tief und mißbräuchlich eingeprägt und stand über manchem Trauergottesdienst für all die, die für König, Kaiser, Führer oder Vaterland starben und deren Tod so missbräuchlich verklärt und überhöht wurde. Hat dies aber, wie es die Offenbarung eigentlich als Trostbuch will, Trost und Hoffnung denen gebracht, die ihre Väter, Brüder, Söhne und Enkel verloren haben, deren Leben ein Traum und eine Hoffnung, am Ende aber ungelebt und unerfüllt, geblieben sind? Viele Gedenktafeln in unseren Kirchen erzählen die unvollendeten und abgebrochene Lebensgeschichten dieser Generationen. Und die Familiennamen und Erinnerungen sind in vielen  Orten bis heute zu Hause.

Treue kann etwas wunderbares sein, sie kann aber auch zum Verhängnis führen, so wie sich bis in die letzten Tages des zweiten Weltkrieges junge und jüngste Menschen blenden ließen in ihrer opferwilligen Treue zum Führer, die nur eine Treue zum Tod und Unheil, nicht aber zum Leben war.

Wenn wir heute am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr mit der Gemeinde in Smyrna Adressaten des Sendschreibens des Sehers Johannes sind, dann mahnt er uns zur Aufmerksamkeit für Opfer von Gewalt und Verfolgung, denn sie versucht er anzusprechen, zu stärken und zu ermutigen. Opfer von gewaltsamen Verfolgungen, die es weltweit gibt, dürfen nicht gegenseitig ausgespielt werden, sondern verdienen unsere Hilfe, unsere Gebete, unseren Einsatz. Dem Bösen, also den lebensfeindlichen Kräften darf kein Raum  eingeräumt werden.

Bis heute werden Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Abstammung, ihrer Überzeugungen und Lebensweisen ausgegrenzt und diskriminiert. Es ist an der Zeit, die Verfolgung von Christen weltweit zu beklagen und ihren Schutz einzufordern. Und dieses Recht und für uns diese geistliche und moralische Verpflichtung, für sie einzutreten, haben Juden, die wegen ihres Glaubens Opfer von Verfolgung und Gewalt werden, und auch Muslime, wenn sie wie in Myanmar oder in Indien verfolgt werden, ebenso. 

Der Grat zwischen Vorurteilen, Misstrauen, Ausgrenzung und dann Gewalt, die auch vor dem Leben nicht halt macht, ist schmal und die Stimmung kann sich schnell wenden. Das ist kein Phänomen der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart. Gewalt darf und kann nie ein Mittel des Umganges im realen Leben sein.

Der Seher der Offenbarung lädt die Gemeinde zur Treue ein und es kann dabei nur die Treue zu dem sein, der die Gemeinde anspricht, zu dem der Erste und der Letzte ist, der tot war und lebendig ist, der auf Gewalt verzichtet und den Weg der Opfer in den Tod gegangen ist, der das Reich Gottes unter die Menschen gebracht hat, in dem er alles, was Leben einschränkt und behindert, in die Schranken verwiesen hat. Er hat Schuld vergeben, Augen und Ohren geöffnet, Kranke geheilt und in die Mitte der Lebenden zurückgeholt, er hat Männer und Frauen , Große und Kleine, Junge und Alte gleichermaßen angesehen und Grenzen überschritten. Er hat Frieden und Versöhnung gelebt. Manche mögen das für naiv halten und für gescheitert, weil es ihm nichts anderes als das Kreuz eingebracht hat. Manche vertrauen bis heute vor allem auf Macht und Stärke. Aber sein Ostersieg war eben auch ein Sieg der Versöhnungs- und Friedensbereitschaft und deshalb werden wir von Generation zu Generation eingeladen diesem Weg, diesem Mann, dieser Botschaft und diesem Gott treu zu bleiben, weil es der einzige ist, der am Ende Leben versprechen kann. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir Krone des Lebens geben.“ Lasst uns  Bilder voller Respekt, Achtung, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, Versöhnung und Verständigung, Hilfe und Beistand in die Welt setzen und von dieser Verheißung erzählen. Dazu mahnen uns die Gedenktage des November, vor allem der Volkstrauertag. Amen

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