Fürchte dich nicht!

Liebe Gemeinde, ich erinnere mich noch gut an die Volkstrauertage in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (die meisten unter Ihnen sicherlich auch): Damals, als der »eiserne Vorhang« fiel, sich überall in Europa die Grenzen öffneten, dachten wir, eine neue Zeit würde anfangen. Das Gedenken und Erinnern an die Kriegsopfer bekam vor diesem Hintergrund etwas Formelhaftes. Es war ja nun eine neue Zeit, und manche dachten: eine Zeit der »Erlösung von allem Bösen«, wie es im Vaterunser heißt. Es ist anders gekommen.

Lebhaft wird über die Aufstellung neuer Armeen nachgedacht. Rüstungsetats sind wieder wichtiger als Entwicklungshilfe. Krieg und Angst sind zurück in Europa. Überall auf der Welt gibt es verheerende Terroranschläge. Wir spüren allmählich immer stärker, dass unser Umgang mit der Natur sich rächt.

Nein, die Welt ist nicht besser geworden. Ich glaube im Nachhinein, wir waren vermessen damals, maßten uns an, so etwas wie ein ewiges Friedensreich herbeigeführt zu haben. Die Wirklichkeit hat uns schnell wieder eingeholt. Wir leben – wieder! – in schwierigen Zeiten.

Der Predigttext für diesen Sonntag ist in schwierigen Zeiten entstanden. Er wurde als Brief an Gemeinden geschrieben, denen es noch sehr viel schlechter ging. Sie waren bestenfalls geduldet, wurden oft verfolgt und bedrängt. In der Offenbarung steht:

„Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.“

Liebe Gmeinde ein schwerer Text. Oft sind diese Worte böse missbraucht worden. Ich habe lange nahcgedacht, ob ich sie heute überhaupt für die Predigt verwenden soll. Soldaten haben diese auf ihren Worten in die Schlachten mitbekommen. „Sei getreu bis in den Tod“ – als ob sich die Worte auf dem Kampf um die Interessen eines Landes beziehen würden. Die Nationalsozialisten haben sie benutzt, um die Judenverfolgung auch biblisch zu belegen.

An der Stelle hake ich als erstes nach: Das darf nie wieder passieren. Was Johannes hier anprangert sind ja nicht die Juden als Volk oder Religion, sondern Verräter in den eigneen Reihen. Menschen, die um des eignene Vorteils willen ihre Mitchristen an die Verfolger ausliefern. In einer Welt, in der die meisten Christen nich tzugleich auch Juden sind muss ich also lesen lesen: Lästerung von denen, die sagen, sie seien Christen, und sind’s nicht.

Auf einmal werden die Zeilen brennend aktuell. Das ist auch unsere Gegenwart, dass Menschen auftreten und die Rettung des christlichen Abendlandes versprechen, damit aber nur Abgrenzung und  eigenen kurzsichtigen Vorteil suchen.

Ich halte viel davon, christliche Werte zu bewahren und zu leben. Aber diese führen, so wie ich die Bibel lese, gerade nicht zu Natinalismus und Abschottung.

Fürchte dich nicht! Immer wieder begegnet uns dieser Satz in der Bibel. Wer die Furcht überwindet, dem soll kein Leid geschehen. Trostreiche Worte. Aber auch hier gilt: ganz so einfach ist es nicht.

Zum Einen ist es kaum möglich, die eigenen Furcht komplett zu überwinden. Jede und jeder, der oder die versucht haben Ängste zu überwinden, etwa gegen Spinnen, kann davon erzählen.

Und wenn es um die großen Fragen des Lebens geht, erleben wir immer wieder, dass auch Menschen mit starkem Glauben krank werden, Unfälle erleiden oder die Grundlagen ihrens Lebens in einer Naturkatastrophe verlieen.

Fürchte dich nicht! Christlicher Glaube macht nicht enifach frei von allem Leid. Damals nicht, als der römische Kaiser die Gemeinden verfolgte. Und heute nicht, wo unsere Werte durch Gleichgültigkeit und Egoismus auf ganze andere Art bedroht sind.

Verführerisch einfach klingen sie ja die Parolen der Verführer: „America fist“ „Deutschland über alles“.  In einer Welt, deren Komplexität mein Fassungsvermögen übersteigt, klingt es einfacher, nur die Probleme im eignene Land zu lösen. Sollen alle anderen doch ihre eigneen Hausaufgaben lösen.

Das klingt einfach, entspricht aber schlicht nicht der Realität. Wir würden uns schön umgucken, wenn in den Regalen der Supermärkte nur noch Waren aus Deutschland lägen. Weniger Auswahl beim Essen würde deutlich teurer. Ein Großteil unserer Elektronik wie Handys, PCs etc würde es gar nicht mehr geben. Ein Großteil unseres Wohlstands beruht auf dem Export, dem Verkauf von Waren in andere Länder. Auch das entfällt, wenn wir nur noch unsere Probleme lösen. Und schließlich: bei aller Automatisierung funktiniert Arbeit in vielen Bereichen nur noch durch Zuwanderung. Wer auf Pflege im Krankenhaus oder in Heimen angewiesen ist, hat das täglich vor Augen. Die von der Regierung bereit gestellten Gelder für neue Stellen laufen ins Leere, wenn es nich tgelingt, ausgebildete Kräfte dafür zu finden. Und selbst da gilt: Wenn jedes Land nur noch seine eigenen Probleme löst, müssten diese Kräfte die Pflege in ihren Ländern stabilisieren.

Wenn wir heute zum Volkstrauertag an die Opfer der beiden Weltkriege erinnern, dann wird noch einmal der ganze Unsinn nationalistischer Alleingänge deutlich. Millionen von Toten auf allen Seiten. Endloses Leid von Zivilisten und Vertriebenen. Auch wenn der Kreis der noch lebenden Zeitzeugen immer kleiner wird, ist es nötig die Erinnerung wach zu halten. Kriege lösen keine Probleme.

Auf einem Plakat, das Wunstorfer Jugendliche zur Erinnerung an die Reichspogromnacht gestalttet haben, wird das bekannte Evolutionsbild, auf dem der Mensch sich immer mehr aufrichtet, verfremdet. Der Mensch der Gegenwart schrumpft wieder ein. Er trägt das Plakat einer populistischen Partei und verliert dadurch den aufrechten Gang. Ein bunt gestreifter Menscht stellt sich auf dem Plakat dier Entwicklung entgegen: Sei getreu bis zuletzt, so wirst du die Krone des Lebens erhalten, heißt es in der Offenbarung.

Auch wenn Nächsten- und Feindesliebe an mein eigenen Denken und Handeln höhere Ansprüche stellen, werden wir als Menschheit damit weiterkommen. Als Christinnen und Christen können wir uns den Herausforderungen dieser Zeit stellen, – Migration, Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Terrorismus – und gemeinsam nach Lösungen suchen. Als Christinnen und Christen sind wir dabei verbunden mit Menschen in allen Ländern der Welt. Manche, etwa in Pakistan, müssen für ihre christlichen Werte auch heute um ihr Leben fürchten. Wir können mit Hilfe unserer Werte der Welt ein neues Gesicht geben. Ich kann und muss dabei bei mir anfangen, aber ich werde bei menem Handeln nicht außer Acht lassen, welche Folgen mein Tun für Menschen in anderen Ländern hat.

Ein kleiner Satz aus dem Predigttext zumSchluss: „Du bist aber reich“. Bei aller Verfolgung, bei aller materiellen Not der frühen Gemeinden: Sie haben ihren Glauben an den Erlöser. Sie vertrauen darauf, dass diese Welt in Gotes Händen liegt. Davon will ich mich anstecken lassen. Fürchte dich nicht. Amen.

Pastor Thomas Gleitz, Wunstorf

Für den Einstieg habe ich eine Anregung von Klaus Johanning aufgegriffen.

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