Brautzug im November

Off 21, 2 – Predigt über den Monatsspruch Nov 2018 

4.11.2018

Liebe Gemeinde,

nun ist er da, der November – oft ein grauer Monat, kalt, neblig, verregnet. (Doch auch das scheint – nach dem langen, warmen Sommer – dieses Jahr anders zu sein.)

(Trotzdem:) die Bäume werden kahl. Die Felder und Gärten sind abgeerntet. Am Ende des Monats stehen die Feiertage, die uns an traurige, ernste Themen erinnern: an Krieg und Schuld, an die Bilanz am Ende eines Lebens und an unsere Endlichkeit und den Tod.

Das sind Themen, denen manche Menschen gerne aus dem Weg gehen. Man kann sich ja auch jetzt schon mit Spekulatius und Dominosteinen in Adventsstimmung versetzen.

Doch davon gehen die Themen Krieg und Schuld, Endlichkeit und Tod nicht weg.

Ja, es ist unangenehm darüber nachzudenken. Denn oft finden wir keine Antworten auf unsere Fragen – oder doch keine Antworten, die uns gefallen. Oft werden wir unserer eigenen Verantwortung bewußt – und wo wir versagt haben: aus Unkenntnis oder Bequemlichkeit – oder auch aus Angst.

Vielleicht sind auch das Gründe, diesen Themen und Fragen aus dem Weg zu gehen.

 

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

So lautet der Monatsspruch für den November.

Er führt mich zurück in den zurückliegenden Sommer. Der hatte nicht nur besonders viele, sonnige Tage. Sondern auch viele Hochzeiten – so viele, wie ich noch nie erlebt hatte seit ich Pastorin bin.

Wobei Hochzeiten für mich natürlich Arbeit bedeuten, denn ich leite den Traugottesdienst, und das will vorbereitet sein. Ich treffe mich also bereits vorher mit den Brautpaaren und lerne sie kennen. Wir besprechen den Ablauf des GDs. Manchmal haben sie ausgefallene Wünsche. Doch oft wollen sie einfach ein schönes Fest feiern mit ihren Familien, und Gottes Segen wollen sie natürlich auch bekommen.

Dann kommt der Festtag. Die Familie oder Freunde haben die Kirche geschmückt. Alle Teilnehmer des Gottesdienstes haben sich herausgeputzt, manche so sehr, daß ich sie erst auf den zweiten Blick erkenne. Dann ziehen wir in die Kirche ein. Ich darf vorweggehen, dann kommen die Blumenkinder (die es nicht immer gibt), die Trauzeugen, zuletzt die Braut, meist am Arm ihres Vaters (obwohl ich es passender finde, wenn sie Arm in Arm mit ihrem Mann ginge).

Ich habe die Braut schon vor der Kirche gesehen, wie ihr das Kleid gerichtet, der Kopfschmuck zurechtgerückt wird. Oft sieht sie ganz anders aus als bei unsern Vorbereitungsgesprächen. Statt in Schlabberhemd und verwaschener Jeans nun im bestickten Kleid mit tiefem Ausschnitt. Statt in Sandalen nun in Pumps. Und aufgeregt ist sie meist auch, so sehr, daß ich es durch das Makeup hindurch sehen kann.

So ziehen wir ein, der ganze Zug, Blumenkinder, Trauzeugen, schließlich die Braut mit Begleitung. Ich kann sie jetzt nicht sehen. Ich habe ja keine Augen auf dem Rücken. Doch ich merke, wie die Gemeinde die Hälse reckt. Der Kirchraum summt vor Aufregung, Bewunderung. Alle wissen, jetzt geht es los.

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Bräutigams ist ganz besonders. Mancher Bär von einem Mann hat da plötzlich Tränen in den Augen.

Es gibt noch viele besondere Augenblicke während eines Traugottesdienstes. Das Trauversprechen z.B. oder der Ringetausch. Doch der Einzug der Braut in die Kirche bis hin vor den Altar, ist einer der intensivsten.

 

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Dieser Vers aus dem letzten Buch der Bibel bringt zusammen, was nicht zusammen zu passen scheint:

Brautzug und November. Das Ende des Lebens und den sommerlichen Traugottesdienst. Das Ende der Zeit und die Hochzeit.

Wie paßt das denn zusammen?

Doch dann merke ich: der Monatsspruch macht mir Mut. Er sagt: „Hab keine Angst vor dem Ende, denn dich erwartet etwas Schönes, etwas Besonderes, etwas Freudiges.“

Das Ende der Zeit, das Ende des Lebens – es muß nicht schrecklich sein. Eine neue Zeit wird anbrechen, und wir müssen nichts dazu tun. Denn Gott ist hier am Werk. Wir können nur schauen, bewundern, uns freuen – wie wenn beim Traugottesdienst die Braut in die Kirche einzieht – geschmückt und aufgeregt.

Nun gut, vielleicht gehören wir zu denen, die die Kirche zuvor geschmückt haben, die der eintretenden Gemeinde das Liedblatt gereicht haben, oder die Freundin, die von auswärts kommt, am Bahnhof abgeholt haben.

Es gibt schon einiges zu tun, um die Hochzeit vorzubereiten. Und so ist es auch mit der neuen Zeit. Auch da können wir bei der Vorbereitung helfen, indem wir einladen, indem wir darauf aufmerksam machen, indem wir uns bereit halten, um anzupacken, wo wir gebraucht werden.

 

Das Eigentliche jedoch, der Eintritt der Braut, der Anbruch der neuen Zeit, liegt dann nicht mehr bei uns.

Wie eine Braut kommt die neue Zeit uns entgegen. Wir haben auf sie gewartet. Nun mögen wir Tränen in den Augen haben, wie so mancher Bräutigam. Die neue Zeit kommt herein wie eine Braut. Wir nehmen ihre Hand, drücken sie, fühlen wie sie zurückdrückt, uns anlächelt. Und in dem Lächeln liegt eine Verheißung: Auf uns wartet ein Fest.

 

So wird es sein, das Ende der Zeit, schreibt der Seher Johannes.

Wann es so sein wird, schreibt er nicht.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt? Oder wenn wir nach einer langes Zeit unseres Todes die Augen öffnen, nachdem Gott uns geweckt hat?

Wann wird es sein?

Wir wissen es nicht.

Geduldig oder ungeduldig – wir sind wie die versammelte Gemeinde in der Kirche, wie der Bräutigam am Altar. Sie warten darauf, daß die Glocken verstummen, daß die Orgel einsetzt, daß die Braut über die Schwelle tritt, daß der Gottesdienst anfängt, das Fest beginnt.

Am Ende der Zeit steht Gott.

Er kennt uns, wie wir sind. Er liebt uns. Er vergibt uns, wo wir uns schämen und uns selbst nicht verzeihen können.

Am Ende wird alles gut.

Deshalb: wir können uns den ernsten Themen des Novembers zuwenden: Krieg und Schuld und Endlichkeit. Gott trägt uns. Gott führt die neue Zeit herauf wie eine Braut.

 

Amen.

 

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