Von der Verantwortung der Regierenden und Regierten (Römer 13, 1-7 und Barmen V)

Sehen sie mir nach, dass manches ihnen heute aus gegebenem Anlass wie ein Lehrstück anmuten mag.  Die biblischen Lesungen dieses selten begangenen 23. Sonntags nach Trinitatis und  die besonderen Gedenktage im Herbst 2018 haben mich aber gleichsam dazu genötigt. 

Am 11.November 1918, also in einer Woche vor einhundert Jahren, endete nach mehr als vier Jahren der erste Weltkrieg. Ein unvorstellbar großes Schrecken ging zu Ende mit Millionen Toten, Verwundeten,  an Leib und Seele gezeichneten Menschen, nicht nur die Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts, wie Historiker schrieben, sondern die Urkatastrophe der Moderne, weil mit den Folgen des Friedensschlusses nicht Frieden erreicht, sondern nächste Konflikte provoziert blieben. Am Anfang und am Ende steht ein gesamteuropäisches Eliteversagen.  Die Friedensordnung des Krieges, mit dem laut gedroht, mit dem aber keiner in einer schon damals globalisierten und vernetzten Welt  wirklich gerechnet hat, brachte als heute noch spürbares Erbe   „habgierige, eifersüchtige, unreife, wirtschaftlich unselbständige Nationalstaaten“ hervor. In Deutschland verband sich nationaler Rassenwahn mit einem pervertierten Führergedanken und wurde damit Quelle der nächsten beispiellosen Katastrophe, die von Deutschland aus über die Welt hereinbrach.

Eliteversagen und Führerkult – zwei Stichworte und zugleich die Schrecken zweier Weltkriege.

Mit dem ersten Weltkrieg zerbrach eine über Jahrhunderte vertraute Welt- und Gesellschaftsordnung endgültig, auch wenn sie sich, im Führergedanken missbraucht, noch einmal aufbäumte. Die Welt der herrschenden Kaiser- und Königshäuser, die sich als Gottesgnadentum verstanden, und somit aus seinem, Gottes, exklusiven Wohlwollen zugleich ihre Macht und Herrschaftsansprüche ableiteten und damit begründeten, ging unter. Auch wenn der republikanische Gedanke sich durchsetzte, blieben aber viele Menschen zunächst in dem alten Verständnis von Herrschaft und Macht gefangen, sehnten sich zurück in die autoritären Strukturen des Kaiserreiches, blieben der Romanfigur Heinrich Manns „Diederich“ aus seinem Roman „der Untertan“ von 1914 sehr ähnlich, der sich freudig höheren politischen Gewalten unterordnete, sich als Unternehmer und Lokalpolitiker aber gegenüber Schwächeren als Tyrann auslebte. Hatte nicht Paulus gefordert: „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat“ ? „Gottesgnadentum“ wie es über Jahrhunderte und Jahrtausende gedacht und geglaubt wurde…

  • Die Pharaonen im alten Ägypten waren Söhne der Götter, nur die Israeliten wurden anfangs von ihren Propheten kritisiert, dass sie sich einen König wünschten, wo doch Macht Gott allein zukommt. 
  • Später aber galten auch die Könige Israels als Gottes Erwählte oder an Sohnes statt eingesetzte. Sie  wurden zu Sinnbildern messianischer Hoffnungen.
  • Römische Kaiser gingen in den Götterhimmel ein, wurden schon zu Lebzeiten wie Götter verehrt;
  • im Mittelalter stritten sich weltliche und geistliche Herren um den Vorrang der Macht: „denn alle Obrigkeit ist von Gott“, die geistliche noch mehr als  die weltliche, so die Überzeugung vieler, bei Paulus nachzulesen. 
  • Wie schnell stimmten die Kirchen 1914 in die Kriegsbegeisterung für Kaiser, Volk und Vaterland ein, die Kriegergedenktafeln erinnern uns an vielen Orten daran, nur auf wessen Seite kämpfte Gott? 
  • Wie mühsam war der Weg in den Widerstand, der sich 1934 in der Barmer theologischen Erklärung zunächst für die bekennenden Kirche, also nicht für alle evangelischen Christen Deutschlands, Gehör zu verschaffen suchte: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“

Heute ist das Bekenntnis unserer Kirche, hat den gleichen Stellenwert wie das Credo, das wir in jedem Gottesdienst miteinander sprechen.

Nach dem Krieg dauerte es vierzig Jahre bis die EKD in einer Denkschrift Stellung zu ihrer Rolle in der bundesrepublikanischen Gesellschaft bezog: „Als evangelische Christen stimmen wir der Demokratie als einer Verfassungsform zu, die die unantastbare Würde der Person als Grundlage anerkennt und achtet. Den demokratischen Staat begreifen wir als Angebot und Aufgabe für die politische Verantwortung aller Bürger und so auch für evangelische Christen. In der Demokratie haben sie den von Gott dem Staat gegebenen Auftrag wahrzunehmen und zu gestalten.“

In den Kirchen des Bundes der DDR wurde dieses Papier misstrauisch gelesen, so als ob eine Staatsform biblisch-theologisch vor anderen legitimiert werden sollte. Aber auch dem eigenen Versuch, sich der Rolle einer Kirche im Sozialismus bewusst zu werden, ist ja nicht nur misstraut, sondern auch offen widersprochen worden. Nicht Kirche im, sondern Kirche gegen den Sozialismus forderten manche. Und immer spielten die Bibeltexte eine Rolle, die wir heute gehört haben: da ist die Rede vom Bürgerecht im Himmel, das wohl im Gegensatz zum irdischen stehen muss, da wird die Frage nach der Zinssteuer und damit der Bürgerpflicht gestellt oder  die Gottgegebenheit aller Obrigkeit, auch autoritärer oder totalitärer Staaten zumindest diskutiert. Wir müssten über Luthers zwei Reiche Lehre so kurz nach dem Reformationstag nachdenken, die Obrigkeit, die er gegen die Bauern und Schwärmer in die Pflicht nahm und sich auf Paulus berief. Selbst der als Widerstandskämpfer in den Märtyrertod gegangene und unverdächtige Dietrich Bonhoeffer schrieb noch in seiner Ethik, an der er 1943 zum Zeitpunkt seiner Verhaftung arbeitete: die Obrigkeit „hält das Geschaffene in seiner durch Gottes Auftrag zuteil gewordenen Ordnung, sie schützt es, in dem sie Recht setzt in Anerkennung der göttlichen Mandate (Ordnungen) und in dem sie diesem Recht mit der Macht des Schwertes Geltung verschafft.“ (Ethik 1981, S. 223)

Dennoch ging Dietrich Bonhoeffer in den Widerstand und in den Tod, auch wenn er Römer 13, unseren Predigttext mit der scheinbar göttlichen Legitimierung der Obrigkeit nie so radikal hinterfragte wie es z.B. 1968 ( das Jahr ist kein Zufall) Dorothee Sölle tat, die für die „in Christus angestifteten Revolutionierung aller Verhältnisse“ eintrat, während ihrer Meinung nach „Paulus, dem Apostel des Gehorsams, die Gefolgschaft zu verweigern sei“.

Der Umgang mit Herrschaft, Macht, Obrigkeit scheint für uns Christen schwierig zu bleiben. Wir fremdeln manchmal immer noch oder fühlen uns in der kritischen Prophetenrolle wohler. Der Gedanke der Gottesherrschaft oder der Königsherrschaft Jesu Christi führt die einen in einen Rückzug aus der Welt voller Sehnsucht nach dem Himmelreich und seinem Bürgerrecht und die anderen mit dem Anspruch und dem Wort Christi in die gesellschaftliche Verantwortung.

Paulus hat nun allerdings keine Dogmatik und keine Ethik geschrieben, deswegen ist der Römerbrief keine Denkschrift, aber Denkanstoß.

Paulus verklärt weder Staat noch Obrigkeit, denn er hat als Christenverfolger erlebt, wie er als Obrigkeit versagen konnte, und starb später er als Märtyrer durch die Hand „seiner“ Obrigkeit. Aber er verteufelt sie auch nicht, sondern erkannte, dass gesellschaftliche Ordnung, auch Recht und Gesetz eine Wohltat Gottes sind, weil sie das Zusammenleben der Menschen ordnen und gestalten, weil sie das Prinzip der Verantwortung stärken, Leben, Besitz und Frieden auch durch Androhung von Sanktionen sichern können und damit auch Raum für das Evangelium schaffen. Sie dienen damit letztlich, ob sie es wollen oder nicht, auch Jesus Christus. Und deswegen erwarten wir  übrigens gerade wegen der Trennung von Staat und Kirche Religionsfreiheit im Sinne einer Freiheit, den eigenen Glauben leben und praktizieren zu können, auch im öffentlichen und wahrnehmbaren Raum, nicht nur hinter geschlossenen Kirchentüren. 

Ich bin zugleich dankbar und froh, dass in unseren Dörfern, Städten, Kreisen und Ländern so viele Christen als Christen politische Verantwortung übernehmen. Denn Verantwortung ist wahrscheinlich das eigentliche Thema des Apostels: Verantwortung derer, die Macht haben und ausüben,  und zwar Gott und den Menschen gegenüber. Deshalb ist der Gottesbezug, so offen er formuliert ist, in unserer Verfassung so wichtig. Wer Gott und Obrigkeit in einem Atemzug nennt, nimmt alle politisch Tätigen in die Pflicht vor Gott. Damit wird nicht alles legitimiert, sondern im Gegenteil eingebunden in Gottes  Lebens-Willen, also in seine Friedensbotschaft und  Liebestat, die wir im Kreuz predigen, in Gnade und Barmherzigkeit den Schwachen und den Starken, oder Vergebung und Rechtfertigung für den bußfertigen Sünder.

Macht ist Verantwortung vor Gott auf Zeit, das ist Gottes Wohltut für uns und an uns: die Verantwortung ist Wohltat und die Zeit ist Wohltat. Die Orientierung am Menschen ist Wohltat und das Gesetz als Angebot der freien Entfaltung und Gleichheit vor Gott und den Mensch ist Wohltat. Deswegen kann ich am Ende dem Apostel nur zustimmen, ohne alles zum Thema gesagt zu haben: Ehre, dem die Ehre gebührt und Gott sei Dank!    Amen

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