Zum Reformationstag über Galater 5,1-6. Wenn ich Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei, liebevolle Taten zu tun.

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

 

Liebe Gemeinde,

Was ist Freiheit? Wann sind wir frei? Die Frage beantwortet Paulus im Brief an die Galater.

Wie würden Sie die Frage beantworten?

Ich bin frei, wenn ich machen kann was ich will, ist dazu meine erste Idee. Wirklich? Ich stelle mir vor ich bin alleine auf einer einsamen Insel, ich habe genug Vorräte dabei. Und ich kann dort machen, was ich will. Niemand schreibt mir etwas vor. Ich würde mich dabei vor allem einsam und nicht frei fühlen.

Die stoische Philosophie, die zur Zeit des Paulus in Mode war, würde die Frage nach der Freiheit so beantworten: Frei ist jemand, der entsprechend seiner Natur leben kann. Er kann das tun, was seinem innersten Wesen entspricht. Und, würden die Stoiker fortfahren, diese Freiheit kann mir niemand nehmen, wenn ich bereit bin auf alles zu verzichten und notfalls für diese Freiheit zu sterben.

Sehen wir uns an, was Paulus sagt. Ich lese

 

Galater 5,1-6

Christus hat uns befreit,

damit wir endgültig frei sind.

Bleibt also standhaft

und unterwerft euch nicht wieder

dem Joch der Knechtschaft!

2 Seht doch!

Ich, Paulus, sage euch:

Wenn ihr euch beschneiden lasst,

wird Christus euch nichts nützen.

3 Ich sage es noch einmal jedem,

der sich beschneiden lässt,

in aller Deutlichkeit:

Er ist dann verpflichtet,

das ganze Gesetz einzuhalten.

4 Ihr habt dann mit Christus nichts mehr zu tun.

Jeder, der durch das Gesetz

vor Gott als gerecht gelten will,

hat damit die Gnade verspielt.

5 Wir aber dürfen durch den Heiligen Geist hoffen,

aufgrund des Glaubens vor Gott als gerecht zu gelten.

6 Denn wenn wir zu Christus Jesus gehören,

spielt es keine Rolle,

ob jemand beschnitten ist

oder nicht.

Es zählt nur der Glaube,

der sich in Liebe auswirkt.

 

Man hört in dem Brief: Paulus kennt die Stoa und stimmt ihr ein Stück weit zu. Er fordert die Galater auf ihre Freiheit zu verteidigen.

Aber Paulus ist auch Jude. Und er setzt sich hier mit der jüdischen Definition von Freiheit auseinander. Als guter Jude oder als gute Jüdin ist man frei, wenn man das Gesetz Gottes befolgt. Denn das Gesetz ist gut und von Gott gegeben, damit die Menschen in Freiheit zusammen leben können. Mit dieser Ansicht über Gottes Gebot ist Paulus aufgewachsen. Und er geht erst mal davon aus, dass das stimmt.

Aber er hat neue Erfahrungen gemacht. Er ist Jesus Christus begegnet. Seine neuen Erfahrungen haben  ihm gezeigt, dass das an sich gute Gesetz Gottes eine Rückseite hat. Wenn man sich nämlich nicht daran hält, verliert man die Beziehung zu Gott. Und als ehemaliger Pharisäer weiß er, wie schwer es ist sich an jedes einzelne der Gebote zu halten.

Und durch seine Begegnung mit Christus hat Paulus einen neuen Blick auf die Welt bekommen. Plötzlich hat er gemerkt, dass er, als er die Christen verfolgt hat, im Namen Gottes Menschen ermordet hat. Er dachte, er erfüllt den Willen Gottes, und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er ist ein Mörder. Er hat diejenigen, die den Willen Gottes erfüllt haben, die Christen, umgebracht und hat gedacht, dass er damit Gott dient. Und plötzlich wurde ihm klar, er hat sich gegen Gott gestellt ohne es zu merken und ohne es zu wollen.

Paulus neue Erfahrungen führen ihn also zu einem neuen Begriff von Freiheit: „Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind“ schreibt Paulus. Wir sind frei, weil wir Gott vertrauen. Wir sind frei, weil wir wissen, dass Gott uns gnädig ansieht. Wir sind frei, weil wir geliebte Kinder Gottes sind. Das kann uns einerseits niemand wegnehmen. Und andererseits müssen wir das auch verteidigen.

Und dann kommt der meines Erachtens entscheidende Satz: Es zählt nur der Glaube, der sich in Liebe auswirkt.

Allein aus Glauben, auf lateinisch sola fide.

Das hat Martin Luther erkannt und darauf die Reformation aufgebaut. Allein aus Gnade, allein durch Christus, allein aus Glauben, allein durch die Bibel sind wir gerettet. Dies hat sich die Reformation auf ihre Fahnen geschrieben. Und Martin Luther hat es von Paulus gelernt.

„Es zählt also nur der Glaube, der sich in Liebe auswirkt.“

Wenn ich an Gott glaube, also Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei.

Hat Martin Luther da recht? Liegt Paulus richtig? Wenn ich Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei?

Ich befrage meinen Alltag. Hmm……

Also ich stelle fest, ich fühle mich besonders unfrei, wenn ich gehetzt bin, wenn ich viel zu tun habe und mich davon überfordert fühle. Dann entsteht Stress.

Ich fühle mich auch unfrei, wenn mich jemand unter Druck setzt und von mir Dinge verlangt, die ich falsch oder unnötig finde.

Und ich fühle mich unfrei, wenn jemand über mein Leben entscheidet und mich zu etwas zwingt, und ich bei der Entscheidung nicht mitreden darf. Wenn der andere, der über mich entscheidet, sich noch nicht einmal meine Argumente anhören will. Das passiert manchmal bei der Arbeit. Und es löst ein schreckliches Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein aus.

Und ich kann mir noch Schlimmeres vorstellen: Gefängnisse, wenn ich eingesperrt bin und nicht dahin gehen darf wo ich hingehen will.

Sklaverei: (Wussten Sie, dass Deutschland die Drehschreibe des internationalen Menschenhandels mit Prostituierten ist. Das ist natürlich eine extreme Form der Freiheitsberaubung.)

Unfrei bin ich auch, wenn ich Opfer eines Verbrechens werde:

Ich kann  bestohlen werden,

bei mir kann eingebrochen werden mit der Folge, dass ich mich zu Hause nicht mehr wohl und sicher fühle.

Ich kann Opfer von körperlichen Übergriffen werden:

Sexueller Gewalt oder Terrorangriffen oder einfach von Angriffen  von betrunkenen Schlägern.

„Wenn ich Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei.“

Das klingt doch sehr theoretisch im Vergleich zu dem, was uns die Freiheit rauben kann. Paulus bewegt sich da auf einer philosophischen Ebene, die mit den alltäglichen Erfahrungen nichts zu tun hat, oder?

Ein kleiner Blick auf das Leben des Paulus lässt mich an dieser These zweifeln. Mehrmals wurde Paulus zusammen geschlagen oder gesteinigt liegen gelassen, weil die Leute meinten er sei tot. Im Vergleich zum Leben des Paulus ist unser Leben heute sehr sicher und sehr angenehm und sehr frei.

Vielleicht weiß Paulus etwas, was wir nicht wissen, weil unser Leben so einfach und gemütlich ist.

„Wenn ich Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei.“

Vielleicht mache ich diese Erfahrung erst in extremeren Situationen. Aber vielleicht finde ich diese Erfahrung auch in meinem eher ruhigen Alltag. Ich mache mich auf die Suche.

„Wenn ich Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei.“

Vielleicht ist der Schlüssel der zweite Teil des Satzes aus unserem Predigttext: „Es zählt also nur der Glaube, der sich in Liebe auswirkt.“

Der Glaube, der sich in Liebe auswirkt. Vollständig heißt unser Leitsatz:

Wenn ich Gott zutiefst vertraue, dann bin ich frei, liebevolle Taten zu tun.

Ja, das finde ich in meinem Leben wieder.

Ich werde mich nicht frei fühlen, wenn ich im Gefängnis bin, ich fühle mich nicht frei, wenn ich ohnmächtig mundtot gemacht werde. Man fühlt sich nicht frei, wenn man bedroht und erpresst wird. Aber egal wo, egal in welcher Situation. Ich kann beten. Ich kann Gott um Hilfe bitten. Ich kann Gott vertrauen, dass ich immer immer immer von Gott geliebt bin. Und dann kann ich tun, was ich eben gerade tun kann. Liebevolle und freundliche und hilfreiche kleine oder große Taten.

Ich zähle ihnen jetzt nicht auf, was das für Taten sein können, das können sie sich selbst denken. Sie wissen, was in ihrer Situation möglich und nötig ist viel besser als ich. Das ist die Freiheit, die Paulus meint, und die wir mit unserem Leben verteidigen müssen. Die Freiheit Gott zutiefst zu vertrauen und aus diesem Vertrauen gute Taten fließen zu lassen. Und das kann jeder und jede – mal mehr mal weniger.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

 

 

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