Sie wollte(n) frei sein… (Galater 5, 1-6)

Sie wollte endlich frei sein…

Frei von den Bevormundungen ihrer Eltern, frei von den Zwängen und Erwartungen, die ständig unausgesprochen in der Luft hingen, frei von den Plänen, die andere für sie machten, frei von den Rollenbildern, mit denen sie in ihrem Elternhaus aufwuchs, frei, endlich zu werden und zu sein, was SIE sich vom Leben erhoffte und erträumte. Träume und Hoffnungen wollten erst noch entdeckt werden, dafür brauchte sie Zeit und Unabhängigkeit. Diese Freiheit musste sie sich erkämpfen. Denn bis dahin hatten andere vorgegeben, was sie tun, denken, erreichen und wie sie leben sollte – oft durchaus mit guten Absichten, aber nicht immer aus ihrer Perspektive und in ihrem Sinne. Alle zusammen mussten lernen, dass ihr unkonventioneller, also jenseits aller Konventionen liegender Wunsch nach Freiheit mehr als nur eine pubertäre oder gar schon spätpubertäre Phase der Auflehnung , sondern vielmehr ihr ureignes, (über)lebensnotwendiges Anliegen war.

Was für ein Geschenk ist es, im Leben den Freiraum eingeräumt zu bekommen, in Ruhe zu klären, wer ich bin und was ich im Leben werden und erreichen darf, ohne dass andere diese Entscheidungen für mich treffen; was für ein Geschenk ist es, den Freiraum zu haben, die eigene, unverwechselbare, liebenswürdige Persönlichkeit zu entfalten, die in mir erweckt und stark gemacht werden will. 

Der Einzelne, die Einzelne sind wichtig und es wert, umsorgt und gefördert zu werden. Es zählt nicht allein das große Ganze, die Nation, die Klasse, oder was auch immer; der/die Einzelne, mit seinem Namen, seiner Geschichte, seinen Träumen und Begabungen, auch mit seinen Grenzen und seinem Scheitern, seinem Versagen und seinen Neuanfängen ist wichtig!

Das ist für mich die logische Konsequenz aus Gottes Ja zu ihr, zu mir, zu uns: werden zu dürfen, was wir sein können und noch nicht sind; das Geschenk der Freiheit, die Rechtfertigung, also der rechte Weg, um zur Entfaltung und zum Ziel aus Gnade zu kommen!

Sie wollten endlich frei sein…

Sie wollten denken, reden, schreiben, was wahr ist und nicht was andere als Wahrheit verkauften. Sie wollten auf die Stimme ihres Gewissens hören und sich der eigenen Vernunft bedienen. Sie wollten sich eine eigene Meinung bilden, Informationen ungefiltert und unkommentiert erhalten, erst lesen und hören, dann selbst einordnen und bewerten können, sie wollten den konstruktiven Meinungsstreit im Ringen um den richtigen Weg für die Gesellschaft, in der sie lebten und in der ihre Kinder in Freiheit und Würde aufwachsen sollten. Sie wollten Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wagen, ohne die Welt in gut und böse, Freund und Feind, oben und unten einzuteilen. Sie hatten genug von aller Manipulation der Gedanken, von vorgefertigten Deutungen. Sie vertrauten der Kraft der Gedanken, der Worte, der Ideen, also der Freiheit.

Dafür engagierten sie sich, trafen sich, selbst wenn sie misstrauisch beäugt oder bespitzelt wurden, dafür beteten sie und diskutierten, dafür zogen sie aus den Kirchen auf die Straße. Dahinter wollten sie nicht mehr zurück.

Andere sahen den einzigen Ausweg nur noch darin, zu fliehen, auch wenn sie ihr Leben riskierten, sich weder von Mauern noch von Meeren aufhalten zu lassen, angetrieben vom Wunsch frei zu sein, zu leben, wie sie es wollten.

Ob ich die Galater, an die Paulus schreibt, damit richtig beschrieben habe? Jedenfalls macht Paulus ihnen Mut, sich als Christen  nicht mehr darauf festlegen zu lassen, nur in alten und bekannten Rollen zu funktionieren; er macht ihnen Mut, einander als Männer und Frauen, als Juden und Griechen, als freie und Sklaven, trotz aller Unterschiede respektvoll wie Schwestern und Brüder in Christus zu begegnen. Äußerlichkeiten, Traditionen, Gewohnheiten sollten nicht länger trennen. Die Zukunft liegt für ihn nicht in der Abgrenzung oder Ausgrenzung, sondern in der Versöhnung und in der gegenseitigen Achtsamkeit. Bis heute!

Jeder braucht das Recht und die Freiheit zu werden und zu sein, was Gott als Möglichkeit in ihn oder sie hineingelegt hat: unverwechselbar, einmalig und unbedingt liebenswert, jemand, der dieser Welt zu ihrer Vollkommenheit immer noch fehlt. Äußerliche Zwänge oder ritualisierte Zeichenhandlungen, die Orientierung an einer nicht hinterfragten Leitkultur wie Sprache,  Feiertage, Beschneidung oder Speisevorschriften sind allein noch keine Garanten der Freiheit.

Ob ich die Reformatoren richtig verstanden habe?

Luther pochte vor dem Reichstag zu Worms auf die Freiheit der Vernunft,  des Wortes und des Gewissens.  Er wollte nicht um jeden Preis Recht behalten. Er wollte nicht behaupten, alles zu wissen, er wollte auch keine Richtlinienkompetenz oder Macht. Er wollte nur mit Argumenten der Schrift und der Vernunft klären, was ihm in seinem Leben einfach keine Ruhe gab. Er wollte lesen, hören und verstehen, was in der Bibel steht und was sie dem Leben und jedem/jeder Einzelnen schenken kann an Orientierung und Trost, an Hilfestellung und Klarheit, an Wahrheit und Einsicht. Er wollte in seiner Vernunft und Erkenntnis, in seinem Suchen und Fragen, frei sein von der Bevormundung aller, die schon immer wussten,  was wahr und was falsch ist. Er wollte kein Lehramt, eher das freie Amt der Zweifelnden und nach Gewissheit stets Suchenden.

Er war misstrauisch gegenüber alle Antworten, die es sich einfach machen, die für sich in Anspruch nehmen,  alles gesagt zu haben.

Mir, vielleicht ja auch ihm, sind hundert Fragen lieber als eine Antwort, die zu schnell und zu leicht über die Lippen kommt, nur um zu beruhigen… 

Ob Reformation im Jahr 500 + 1 mit der Botschaft von Freiheit noch eine Relevanz hat und deshalb dringend landauf und landab gefeiert gehört, nicht nur als historische Reminiszenz, sondern als Ort, drängende Gegenwartsfragen zu klären? 

Ich habe daran keinen Zweifel:

  • Luthers Erfahrung, dass der Sünder allein aus Gnade gerechtfertigt wird, bedeutet für mich Freiheit, nicht immer nur auf Vergangenes und Vorgedachtes, auf Rollen und Meinungen, festgelegt zu bleiben. Ich darf Zeit meines Lebens noch werden, was unbemerkt und unerkannt, aber von Gott längst geliebt, in mir schlummert ( Dafür ist niemand zu alt!!!). Ich darf ICH sagen, ohne deswegen Egoist sein zu müssen. 
  • Der Glaube und die Erfahrung von Freiheit kann eine Gesellschaft zusammenführen, darf aber nicht spalten. Das gelingt, wenn der Glaube nicht mehr exklusiv, sondern inklusiv gelebt wird, wenn ich ihn nicht benutze, um mich von anderen zu unterscheiden und abzugrenzen, sondern durch ihn das Verbindende im Menschsein, besser noch das verbindenden Menschsein gegen alles Trennende  entdecke. Paulus sieht eine Bewegung des Glaubens direkt zum Nächsten hin und nennt diese Bewegung der Freiheit „Liebe“. Und Liebe sagt, denkt und lebt: Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden und Anderslebenden.
  • Für die Freiheit des Wortes, für die Freiheit der Vernunft, für die Freiheit zur anderen Meinung in aller Liebe zur Wahrheit, für die Freiheit zum offnen Streit um die richtigen Antworten voller Respekt und Würde allen Menschen gegenüber sind die Reformatoren eingetreten. Und das ist hochaktuell! Der Widerstand gegen alle Manipulation der Gedanken und Meinungen, durch täuschende Deutungen und Meldungen, ist bleibender Auftrag der Reformation für die gläubige Seele ebenso wie für die gesellschaftliche Verantwortung, in der wir Christen mit unserem Reden und Tun stehen.

Hochaktuell und in aller Freiheit – denn dazu hat uns Christus befreit und in Christus gilt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.         Amen

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